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Schlag gegen Mafia-Clan : Acht Villen der Casamonica abgerissen

Rund 600 Polizisten rückten an, um die Häuser des Clans dem Erdboden gleich zu machen. Bild: AFP

In Rom geht die Polizei gegen einen Mafia-Clan vor: Acht Villen der Casamonica wurden gestürmt und abgerissen. Dabei kam einiges an Prunk zum Vorschein – zum Beispiel ein goldener Thron.

          Wie weit Vittorio Casamonica mit seinem Feldzug im Jenseits gekommen ist, können wir hienieden nicht wissen. Jedenfalls hatten die Hinterbliebenen des Clan-Bosses bei dessen opulenter Beerdigung im August 2015 an der Basilika San Giovanni Bosco im Römer Stadtteil Cinecittà ein großes Transparent aufhängen lassen mit der Aufschrift: „Du hast Rom erobert, jetzt erobere das Paradies.“

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Sollte Casamonica, der im Alter von 65 Jahre an Krebs starb, heute von droben herabschauen, müsste er sich große Sorgen auch um sein irdisches Imperium machen: Das Hauptquartier der verzweigten Familie wird dem Erdboden gleichgemacht. Am Dienstag im Morgengrauen waren 600 Polizisten angerückt, hatten knapp drei Dutzend Bewohner in acht Häusern aus den Betten geholt und ihnen den Beschluss zur sofortigen Beschlagnahme ihres Hab und Guts und zum Abriss ihrer illegal errichteten Villen unterbreitet.

          Bürgermeisterin Virginia Raggi von der Fünf-Sterne-Bewegung sprach an Ort und Stelle von einem „historischen Tag“ für Rom: „Wir bringen 30 Jahre illegaler Aktivitäten zu einem Ende und senden ein klares Signal an den Casamonica-Clan und an die organisierte Kriminalität.“ Innenminister Matteo Salvini von der rechtsnationalistischen Lega zeigte sich am Einsatzort und äußerte sich zufrieden über die Razzia, die nach Angaben des Römer Rathauses seit zehn Monaten vorbereitet worden war: „Die Party für die Kriminellen ist vorbei.“

          Lebensgroße Marmorskulpturen und vergoldete Pferdestatuen: Die Polizei brauchte mehrere Lastwagen, um die Schätze des Clans abzutransportieren.

          Die Casamonica, eine Sinti-Familie aus den Abruzzen und der Molise, waren Anfang der sechziger Jahre mit Wohnwagen und Pferdekutschen in den seinerzeit noch dünn besiedelten Südosten Roms gekommen. Zunächst als Pferdehändler, später mit der Vergabe von Wucherkrediten, sodann mit Zuhälterei und Schutzgelderpressung, schließlich durch Drogenhandel und Glücksspiel kamen sie zu beträchtlichem Reichtum. Ihre eher bescheidenen, in knallbunten Farben gestrichenen Häuser bauten sie ohne Genehmigung auf einem besetzten Grundstück im Stadtteil Quadraro, in unmittelbarer Nähe eines Bahndamms. Von außen mochte man den Reichtum des Casamonica-Clans, der sich mit den Ablegern der ’Ndrangheta und der Camorra in der Ewigen Stadt und im Speckgürtel von Rom arrangierte, allenfalls an den hin und wieder vor den einstöckigen Häusern geparkten blitzenden Autos erahnen.

          Ein mit Gold verziertes Kinderbett: Insgesamt knapp drei Dutzend Bewohner mussten ihre Villen verlassen.

          Bei der Razzia kam er nun vor aller Augen zum Vorschein. Die Polizei brauchte mehrere Lastwagen, um die lebensgroßen Marmorskulpturen von Leoparden und die vergoldeten Pferdestatuetten, die schweren Vorhänge und die gedrechselten Bettgestelle, die Flachbildfernseher und Musikanlagen abzutransportieren. Die Rolex am Handgelenk gehörte für die Männer des Clans ebenso zur Grundausstattung wie SUVs deutscher Autohersteller und Luxuslimousinen italienischer Produktion.

          Goldene Kerzenleuchter und eine verschnörkelte Wanduhr: Alles wurde beschlagnahmt.

          Bis Donnerstag blieben die Bemühungen der Anwälte der Familie ohne Erfolg, gerichtlich gegen die Räumung und den Abriss der acht Häuser vorzugehen. Wie es dazu kam, dass die über Jahrzehnte gepflegten und geölten Beziehungen zu lokalen Politikern den Clan plötzlich nicht mehr zu schützen vermochten, bleibt im Dunkeln. Bürgermeisterin Raggi versicherte jedenfalls mehrfach, alle acht Häuser würden abgerissen: „Wir werden nicht aufhören, ehe wir dieses Land den Bürgern Roms zurückgegeben haben.“ Die Abbrucharbeiten könnten sich freilich hinziehen, weil der Bahnverkehr auf der Zugstrecke in unmittelbarer Nähe des Clan-Quartiers nicht beeinträchtigt werden soll.

          Goldener Thron: Bei der Beerdigung des Clan-Bosses Vittorio Casamonico im Jahr 2015 ließ man ein Transparent mit der Aufschrift: „Du hast Rom erobert, jetzt erobere das Paradies“ aufhängen.

          Für Bürgermeisterin Raggi ist der Schlag gegen den Clan ein politischer Befreiungsschlag gegen den Vorwurf, sie habe ihre Stadt nicht im Griff und trete der organisierten und auch der gewöhnlichen Kriminalität nicht entschlossen genug entgegen. Innenminister Salvini hatte in den vergangenen Monaten nicht nur ein Ende der unkontrollierten Immigration versprochen, sondern auch ein hartes Vorgehen gegen illegale Aktivitäten von Roma und Sinti. Salvini hatte auch einen besonderen Zensus für die Angehörigen der Minderheit angekündigt, was aber weithin als verfassungswidrig kritisiert worden war.

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