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Schlag gegen die ’Ndrangheta : Mafiosi wie aus einem „Tatort“

Staatsanwalt Nicola Gratteri gibt auf einer Pressekonferenz die Verhaftung von 169 Mafiosi bekannt. Bild: ROPI

Polizisten in Italien und Deutschland haben 169 mutmaßliche Mafia-Mitglieder festgenommen. Darunter ist auch ein Gastwirt, bei dem einst CDU-Politiker ein- und ausgingen.

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          Erst am Sonntagabend im „Tatort“ spielte die Mafia eine Hauptrolle. In seinem letzten Fall geriet Kommissar Mario Kopper ins Visier italienischer Krimineller, die enge Verbindungen zwischen Sizilien und Ludwigshafen aufgebaut hatten. Koppers Jugendfreund Sandro, selbst in die Machenschaften verwickelt, sprach von einer „kommunizierenden Röhre“ zwischen Deutschland und Italien: „Fällt hier ein Sack Koks um, fallen dort ein paar Männer um.“

          David Klaubert
          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Wie nah an der Realität der Sonntagabendkrimi spielte, hat sich am Dienstagmorgen gezeigt: Polizisten in Italien und Deutschland nahmen 169 mutmaßliche Mafiosi fest. Ziel der „Operazione Stige“ – benannt nach Styx, in der griechischen Mythologie ein Fluss der Unterwelt – war der ’ndrangheta-Clan Farao-Marincola, der in Cirò im süditalienischen Kalabrien beheimatet ist. Der ermittelnde Staatsanwalt Nicola Gratteri sprach von einem „Clan der Serie A“ und der „größten Operation der vergangenen 23 Jahre“.

          Dem Clan ist es laut den Ermittlern gelungen, in der Region um Cirò bedeutende Wirtschafts- und Handelszweige „radikal“ unter seine Kontrolle zu bringen: die Herstellung und den Vertrieb von Wein, Brot, Fisch und anderen Lebensmitteln, Dienstleistungen in Häfen, Glücksspiel, Wäschereien, Müllentsorgung, Beerdigungsunternehmen und die Verwaltung eines Auffangzentrums für Flüchtlinge. Italienische Medien sprechen von einer „wahren kriminellen Holding“. Die einzelnen Strafvorwürfe reichen von versuchtem Mord, Erpressung, Geldwäsche und Verstoß gegen das Waffengesetz, internationaler Autoverschiebung, illegaler Verschiebung von Müll bis hin zu unlauterem Wettbewerb. Unter den Festgenommenen befinden sich auch Bürgermeister kalabrischer Gemeinden, der Präsident der Provinz Crotone und andere Politiker. Vermögen im Wert von 50 Millionen Euro wurde beschlagnahmt.

          In Deutschland hatte der Farao-Marincola-Clan mehrere „operative Zellen“, denen als legale Tarnung Restaurants, Eisdielen und eine Vereinigung italienischer Gastwirte dienten, wie Ermittler Andrea Pellegrino der F.A.Z. sagte. Unter anderem in Hessen und Baden-Württemberg hätten diese andere Restaurantinhaber „gewissermaßen erpresst“. „Sie zwangen sie, Wein, Milchprodukte, Tomatensoße und andere Lebensmittel aus Kalabrien vom italienischen Arm der kriminellen Familie zu kaufen.“ Nach Angaben des Bundeskriminalamts wurden am Dienstag in Baden-Württemberg, Bayern, Hessen und Nordrhein-Westfalen elf Männer festgenommen. Mehrere der Verdächtigen sind in Deutschland geboren.

          Günther Oettinger zu Gast bei der Mafia

          Neben den engen Verflechtungen zwischen Deutschland und Italien gibt es noch eine zweite Parallele zum „Tatort“ vom Sonntag: Statthalter der Fernsehmafia in Ludwigshafen war ein Edelgastronom, bei dem auch ein EU-Kommissar gerne speiste. Unter den nun Festgenommenen befindet sich nach Informationen der F.A.Z. ein Stuttgarter Gastwirt, der einst Günther Oettinger, jetzt EU-Haushaltskommissar, in Bedrängnis brachte.

          Mario L. betreibt seit langem eine Pizzeria bei Stuttgart. In den neunziger Jahren geriet er ins Visier der Staatsanwaltschaft. Italienische Ermittler verdächtigten ihn schon damals, ein führendes Mitglied der ’ndrangheta zu sein und Rauschgift- und Waffentransporte sowie Geldwäsche in deren Auftrag zu organisieren. Die Polizei überwachte deshalb das Telefon in seiner Pizzeria – und hörte dabei auch ein Gespräch des damaligen CDU-Fraktionsvorsitzenden im baden-württembergischen Landtag ab: Günther Oettinger. Der war Stammgast in dem Restaurant. Mit Gastwirt Mario L., der auch mal einen „kalabresischen Abend“ für die CDU-Fraktion organisierte, war er befreundet.

          Der Stuttgarter Justizminister Thomas Schäuble (CDU) informierte Oettinger daraufhin über die Verdächtigungen der Staatsanwaltschaft gegen dessen italienischen Freund und riet dem Fraktionschef, in der Gaststätte keine wichtigen Telefongespräche mehr zu führen. Auch Innenminister Frieder Birzele (SPD) informierte Oettinger. Die Angelegenheit wirbelte so viel Staub auf, dass der Landtag einen Untersuchungsausschuss einsetzte, der sich mit der „Praxis der Telefonüberwachung“ in Baden-Württemberg befassen sollte. Dabei ging es auch um die Frage, ob sich die Minister Schäuble und Birzele des Verrats eines Amtsgeheimnisses schuldig gemacht hatten. Die Mehrheit des Untersuchungsausschusses kam allerdings zu dem Schluss, es sei „berechtigt und notwendig“ gewesen, Oettinger zu informieren. Denn „die Instrumentalisierung von Politikern“ gehöre zur typischen Vorgehensweise von organisierten Kriminellen. „Es ist gängige Praxis, die Bekanntschaft mit Politikern zur Hebung des eigenen Prestiges und zur Darstellung angeblicher Einflussmöglichkeiten zu verwenden“, hieß es.

          Günther Oettinger betonte seither immer wieder, keinen Kontakt mehr zu Mario L. zu haben. Der Gastwirt konnte am Ende der Ermittlungen nur wegen Steuerhinterziehung verurteilt werden und seine Geschäfte fortführen. Am Dienstag aber wurde er in Kalabrien verhaftet – wieder unter dem Vorwurf, ein Mitglied der ’ndrangheta zu sein. Über die italienische Gastronomenvereinigung soll er an den Erpressungen in Deutschland beteiligt gewesen sein. In Winnenden bei Stuttgart durchsuchte die Polizei eine Gaststätte, die von Verwandten Mario L.s betrieben wird.

          Vor allem durch den lukrativen Handel mit Kokain ist die ’ndrangheta zur international einflussreichsten der italienischen Mafiagruppen aufgestiegen. Schätzungen über den Umsatz ihrer Geschäfte reichen von zehn bis 100 Milliarden Euro pro Jahr. Laut Bundesregierung sind den Ermittlern mehr als 300 mutmaßliche ’ndrangheta-Mitglieder bekannt, die in Deutschland ansässig sind. Weitere gut 200 Personen werden anderen Mafiagruppen wie der Camorra und der Cosa Nostra zugerechnet.

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