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F.A.Z. Woche : Die Schläger vom Freiheitsplatz

Fragt man aber andere Jugendliche, die auf die Busse warten, nach den „Chillern vom Freiheitsplatz“, dann sagen sie, dass es seit einiger Zeit immer schlimmer geworden ist. Dass es immer die gleichen Cliquen seien, die versuchten, sich etwas zu beweisen, indem sie Stress machten. Dass sie Drogen nehmen. Dass man den Platz abends meiden sollte. „Ich würde nie allein zu denen gehen“, sagen die Jugendlichen. „Die haben immer Messer dabei.“ Das klingt dann so, wie man es auch anderswo hört. In Bremen etwa, wo eine Gruppe von minderjährigen Flüchtlingen durch Straftaten auf sich aufmerksam machte. In Hanau, heißt es bei der Polizei, bereiteten die unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge, 115 sind es in der Stadt, nicht mehr Probleme als anderswo auch. Keine Musterschüler, aber auch keine permanenten Straftaten. Grundsätzlich ruhig.

Jeden Abend kleinere Schlägereien

Zwanzig, vielleicht dreißig Meter von den Afghanen entfernt sitzt Ferhat, wie er sich nennt, mit einem Kumpel. Dönerbox in der Hand, Bauchtasche vorm Bauch. Er sei 20 Jahre, mache eine Ausbildung als Anlagenmechaniker. Die Schlägerei im Schlossgarten? Ferhat sagt, er selbst sei einer der Gründe. Genauer: seine kleine Schwester. Er erzählt, dass die Flüchtlinge ständig auf dem Freiheitsplatz seien. Dass sie Frauen und kleine Mädchen belästigen würden, unter anderem seine kleine, 14 Jahre alte Schwester. Drei Wochen sei es her, da hätten die Afghanen die Freundin eines Freundes belästigt. „Er hat einen weggeschubst, weil er nicht Platz machen wollte. Der hat geschlagen. Die Lippe war aufgeplatzt.“

Danach habe es jeden Abend kleinere Schlägereien gegeben. Ferhat sagt: „Irgendwann reicht’s. Ich sehe nicht ein, dass die seit einem Jahr in Deutschland sind und nur Scheiße machen, Alkohol saufen. Es kann doch nicht sein, dass Frauen und Kinder Angst haben, hier langzulaufen. Die machen hier Sachen, dafür hätte man ihnen in der Heimat den Kopf abgeschlagen.“ Also habe man das im Schlossgarten endgültig klären wollen. Weil der Freiheitsplatz ja videoüberwacht sei. Das, sagt Ferhat, wisse er, seit sein Bruder aus Spaß mal ein Fahrrad angezündet hat. Davon hätte die Polizei dann Bilder gehabt.

Auch was bei der Schlägerei in Gelnhausen abgelaufen ist, wisse er, sagt Ferhat. Weil er bei dieser Schlägerei ebenfalls mitgemacht habe. „Da hat der kleine Bruder von einem Kumpel Schläge bekommen. Wir haben dann einen Anruf gekriegt.“ Also fuhren dreißig Mann im Zug nach Gelnhausen. Das deckt sich ungefähr mit dem, was auch die Polizei mittlerweile ermittelt hat. Immer wieder gebe es zwischen den Jugendlichen verschiedener Städte Stress, sagt Ferhat. Nach dem Motto: mein Revier, dein Revier. Oder wie die Polizei es ausdrückt: Die tun gerne so, als lebten sie in der Bronx. Westside gegen Eastside. Ist aber nicht so. Will heißen: viel Show, aber eben auch Prügel. „Wir haben die Gelnhäuser unterschätzt“, sagt Ferhat. „Die hatten schon mehr Leute.“ Mit Stöcken und Flaschen gingen alle aufeinander los. Ferhat ist da stolz drauf. „Dicker, ich feiere das. Wir kamen sogar in die ,Bild‘ mit der Schlägerei.“ Ferhat sagt, Angst vor der Polizei habe er keine. „Die können ja nicht beweisen, dass du damit was zu tun hast. Und selbst wenn. Was kannst du schon bekommen. Sozialstunden oder eine Geldstrafe.“ Mittlerweile ermittelt die Kripo wegen Landfriedensbruchs.

Die Dönerbox ist leer und fliegt auf den Boden. Ferhat sagt, er warte nur darauf, dass die Afghanen wieder Scheiße bauen. „Solange die die Fresse halten, ist gut. Aber ich warte nur, bis ich wieder was höre.“ Er zeigt auf Harun. „Das ist einer von denen. Oh mein Gott, was macht er da. Richtig Assi.“ Harun haut gerade einen Freund. Irgendetwas zwischen Balgerei und Schlägerei. Auf der Bank steht eine halbleere Whiskey-Flasche. Aus einem Handy dröhnt Gangsterrap: „Ich lass die Bitches tanzen.“ Einer aus der Gruppe sagt: „So lernen wir Deutsch.“ Ein anderer: „Wir machen hier die Weiber klar.“ Harun ruft: „Guten Morgen!“ Später am Abend springt er Flickflack auf dem Freiheitsplatz. „Passt auf, der ist gefährlich“, lachen seine Kumpels.

Anmerkung der Redaktion

Nach Redaktionsschluss der „F.A.Z. Woche“ kam es wieder zu einer Massenschlägerei in Hanau, ein Unbeteiligter wurde schwer verletzt. Ein Hauptverdächtiger ist am Donnerstag festgenommen worden.

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