https://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/kriminalitaet/saeureattacke-auf-manager-guenther-zwoelf-jahre-haft-fuer-angreifer-18252720.html

Säureattacke auf Manager : „Nur der erste Schritt zur weiteren Aufklärung“

Bernhard Günther (l), ehemaliger Finanzchef von Innogy, und sein Rechtsanwalt Martin Meinberg (r) warten auf den Beginn des Prozesses. Bild: dpa

Der Energiemanager Bernhard Günther wurde mit konzentrierter Schwefelsäure schwer verätzt. Das Gericht sieht neue Anhaltspunkte gegen einen Mann, der schon 2019 in Verdacht geraten war. Doch zu den Hintermännern und Auftraggebern fehlt weiter jede Spur.

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          Als die Staatsanwältin am Donnerstagvormittag im Landgericht Wuppertal zwölf Jahre Haft für Nuri T. gefordert und sich die Nebenklage dem angeschlossen hat, nutzt Bernhard Günther noch einmal die Möglichkeit, während der Hauptverhandlung selbst das Wort zu ergreifen. Der heute 55 Jahre alte Energiemanager war am 4. März 2018 auf dem Heimweg vom Joggen kurz vor seinem Haus in Haan bei Düsseldorf von zwei Männern angegriffen und mit hochkonzentrierter Schwefelsäure überschüttet worden.

          Reiner Burger
          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Günther erlitt schwere Verätzungen. Sein Gesicht ist trotz zahlloser Operationen dauerhaft entstellt, er leidet an starken Schmerzen, wie die Staatsanwältin in ihrem Plädoyer noch einmal in bedrückender Ausführlichkeit dargelegt hat. Augenlider und Teile seiner Gesichtshaut mussten transplantiert werden, zahlreiche weitere Eingriffe stehen ihm noch bevor. Seit dem Überfall fühle sich Günther in seinem Körper fremd. „Es ist ein bisschen so, als würde er eine Maske tragen. Sein früheres Leben bekommt der Geschädigte nicht mehr zurück.“ Durch Günthers Tage ziehe sich noch immer die Frage, wer ihn „da draußen so hasst“. Die Staatsanwältin spielte damit auf den Umstand an, dass T. – gemeinsam mit einem bis heute nicht gefassten zweiten Täter – offensichtlich nur der Handlanger war. Der 42 Jahre alte Belgier, der im Prozess immer alles so wort- wie widerspruchsreich abgestritten hat, habe ja noch die Chance, mit seinem letzten Wort vor der Urteilsverkündung seine Strafe ganz erheblich zu mindern.

          Die lange Suche nach dem Auftraggeber

          Dann steht Bernhard Günther auf. „Ich hoffe auf Recht und Gerechtigkeit“, sagt Günther, der lange für diesen Tag gekämpft hat. „Was ich hier äußere, ist nicht zu trennen von meiner Rolle als Opfer.“ Die Hauptverhandlung sei für ihn wichtig gewesen, um den Rechtsstaat zu erleben. „Wo wir heute stehen, ist weiter, als wir vor noch nicht allzu langer Zeit zu hoffen gewagt haben.“ Er setze weiter darauf, dass die Tat eines Tages ganz aufgeklärt werde, dass auch die „Mittäter, Mittelsmänner und Auftraggeber“ gefunden würden. Günther hat früh die Überzeugung geäußert, der Anschlag müsse mit seiner herausgehobenen beruflichen Position und damit zu tun haben, dass er für noch höhere Posten im Gespräch war. Auftraggeber sei ein anderer Manager aus der Energiebranche, der ihn aus dem Weg habe räumen wollen, sagte Günther in mehreren Interviews. Der Staatsanwaltschaft teilte er sogar einen Namen mit.

          Doch die Ermittler konnten Günthers Konkurrenten-These nicht erhärten. Auch greifbare Hinweise in andere Richtungen gab es zunächst nicht. Ein schwerer Schlag war für Günther, als die Ermittlungen Ende 2018 vorläufig eingestellt wurden. Der Manager ließ nicht locker. Auf eigene Kosten setzte er Privatermittler auf seinen Fall an, startete gemeinsam mit seinem damaligen Arbeitgeber Innogy einen Zeugenaufruf, setzte eine Belohnung aus. Nach ersten erstaunlich detailreichen Hinweisen eines Unbekannten schien der Fall 2019 kurz vor der Aufklärung. Die Polizei nahm bei einem Sportturnier in Köln den Hobbyringer Marco L. fest, den Günther auf Fotos als einen der Täter identifizierte. L. musste jedoch bald wieder freigelassen werden, weil dem Haftrichter die Beweise nicht ausreichten. Erst im Sommer 2020 kam wieder Bewegung in den Fall, als derselbe Hinweisgeber Nuri T. als zweiten Täter benannte. Im zentralen Beweismittel, einem Handschuh, den einer der Täter am Tatort zurückgelassen hatte, fanden sich tatsächlich reichlich DNA-Spuren von Nuri T. – der in seinem letzten Wort am Donnerstag abermals seine Unschuld beteuert und seinen Verteidiger auf Freispruch plädieren lässt.

          Rohheit und Menschenverachtung

          Keine Regung ist im Gesicht des Belgiers zu sehen, als der Vorsitzende Richter Holger Jung nach einer Verhandlungspause am Donnerstagnachmittag dann das Urteil verkündet. Wegen absichtlicher schwerer und gefährlicher Körperverletzung bekommt T. die von der Staatsanwaltschaft geforderten zwölf Jahre Haft. Die Tat sei an Rohheit und Menschenverachtung kaum zu überbieten. Weder T. noch sein Mittäter seien bei der mit erheblicher krimineller Energie vorbereiteten und ausgeführten Säureattacke maskiert gewesen, was belege, dass sie damit rechneten, Günther werde sein Augenlicht verlieren. „Wir hoffen sehr, dass das Urteil nur der erste Schritt zur weiteren Aufklärung ist“, sagt Jung und belässt es nicht bei einem allgemeinen Wink mit dem Zaunpfahl für die Ermittler. Der Vorsitzende Richter wird außergewöhnlich konkret. „In der Hauptverhandlung gab es Hinweise, dass Herr Günther richtiglag, als er Marco L. als einen der beiden Täter wiedererkannte.“ Fest steht auch nach Überzeugung der Kammer, dass die beiden Täter nicht aus eigenem Antrieb, sondern im Auftrag eines Mittelsmanns gehandelt haben. Ob sich die gesamte Kette bis hinauf zum eigentlichen Auftraggeber ermitteln lasse, bleibe abzuwarten, sagt Jung.

          Der Vorsitzende Richter schließt mit einem abermaligen Appell an T. Wenn er seine Strafe nicht komplett absitzen wolle, müsse er in der Haft Kontakt mit der Polizei aufnehmen und Ross und Reiter benennen. „Hier im Prozess haben Sie die Chance verstreichen lassen, etwas Vernünftiges beizutragen.“

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