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São Paulo : Brandrodung mitten in der Stadt

  • -Aktualisiert am

Zwar gibt es ein städtisches Programm zur Brandvorsorge für die Favelas – 2012 sind aber noch keine Gelder geflossen. Bild: dapd

Die Feuer in Favelas in São Paulo häufen sich. Erst kürzlich brannte eine Favela, auf deren Grund die Stadt einen S-Bahnhof plant. Die Bewohner mutmaßen, dass die Feuer Platz für die Fußball-Weltmeisterschaft 2014 schaffen sollen.

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          Dicke Rauchwolken stehen über der Stadt, die Feuerwehrmänner kämpfen stundenlang gegen die Flammen. Wieder einmal hat es gebrannt in São Paulo. Wieder einmal traf die Feuersbrunst die Favela do Moinho. Keine fünf Autominuten entfernt wird sich im Dezember die Fußballwelt versammeln. Im Parque Anhembi werden dann die Gruppen zum Konförderationenpokal des Weltfußballverbandes (Fifa) ausgelost, der als Generalprobe für die Weltmeisterschaft in Brasilien 2014 dient. Die vielen Brände der vergangenen Wochen machen den Menschen in den Favelas Angst - und sie nähren den bösen Verdacht, dass Immobilienspekulanten und Bauunternehmer hinter der Brandserie stecken.

          Den Verdacht teilt seit vergangener Woche auch Staatsanwalt José Carlos Freitas. „Es ist schon seltsam, dass die Feuer an Orten ausbrechen, an denen es ein starkes Interesse des Immobilienmarkts gibt“, sagt Freitas. Laut Feuerwehr-Statistik gab es bislang in diesem Jahr 68 Brände in den ärmeren Wohnvierteln der WM-Stadt von 2014. Das Zivilschutzamt berichtet von 34, zählt aber nur die Brände, bei denen Personen ihr Dach über dem Kopf verloren oder es zu einem erhöhten Risiko kam. Kleinere Brände werden erst gar nicht gezählt.

          Interessante Baugrundstücke brennen häufiger als andere

          Besonders viel zu tun hat die Feuerwehr in der Favela do Moinho. Beim ersten Großbrand im Dezember 2011 waren es 400 Behausungen, die in Schutt und Asche fielen. Brandstifterin war nach offizieller Version eine „mental verwirrte Frau“. Vor ein paar Tagen gab es wieder Großalarm. Diesmal verschwanden 80 Hütten im Flammenmeer. 300 Personen wurden obdachlos, ein Toter wurde unter den Trümmern gefunden. Nach dem Streit eines drogenabhängigen Pärchens soll einer der beiden das Feuer gelegt haben. Unweit der Favela liegt das Cracolândia, das Rauschgiftzentrum der Stadt, in dem sich die Cracksüchtigen mit neuem Stoff versorgen.

          Zwei Dinge machen Staatsanwalt Freitas stutzig: Ausgerechnet auf dem vom Feuer betroffenen Gelände der Favela will die Stadt einen Bahnhof für das neue S-Bahn-System bauen. Ein Megabauprojekt, an dem es viele Millionen Euro zu verdienen gibt. Brasilien plant für die anstehenden Großereignisse Milliardeninvestitionen in die Infrastruktur, aber auch in Hotels und Stadien. Doch die Bewohner der Favela do Moinho wollen nicht kampflos das Feld räumen. Seit Jahren führen sie mit den städtischen Behörden einen Rechtsstreit um das begehrte Gebiet.

          „Andere Favelas mit der gleichen Baustruktur sind ebenfalls der Trockenheit ausgesetzt“, sagt Freitas. „Doch in den Regionen außerhalb der Zentren passieren die Brände weit weniger häufig.“ Wo es interessante Baugrundstücke gibt, brennt es also wesentlich häufiger als in den weniger lukrativen Gegenden.

          In einem offenen Brief berichten die Favela-Bewohner, dass in der vom Feuer betroffenen Zone die Menschen erst vor zwei Wochen von der Stadtverwaltung aufgefordert wurden, ihre Wohnungen bis Oktober zu verlassen. Außerdem brach der Brand an drei Stellen gleichzeitig aus. Das widerspreche der Version, dass ein Streit zwischen Drogenabhängigen die Ursache war, schreiben die Bewohner. Sie wollen die Brände nicht mehr einfach so hinnehmen. In dieser Woche wollen sie vor dem Stadtparlament demonstrieren. Dann tagt dort eine Untersuchungskommission, die sich - bislang ohne nennenswerte Ergebnisse - mit den Bränden beschäftigt.

          Marcos de Moura gehört zu denen, die im Feuer alles verloren haben. „Wir wollen ja nicht viel, nur ein Dach über dem Kopf. Wir leben hier, nicht weil wir es so wollen, sondern weil wir keine andere Wahl haben. Heute ist mein Bett und das vieler anderer Bewohner der nackte Boden, und die Decke ist das Blau des Himmels. Wir haben keine Kleidung, keinen Ort, wo wir uns baden können.“ Denise Agnes sah bereits zum zweiten Mal innerhalb kurzer Zeit ihr Hab und Gut in Flammen aufgehen. „Beim ersten Mal mussten wir alles allein wieder auf die Beine stellen. Es gab keine Hilfe. Wir haben unser Leben selbst neu aufgebaut und jetzt alles wieder verloren. Ich weiß nicht mehr, was ich noch machen soll“, sagt die Vierunddreißigjährige. Die Stadt hat offenbar kein Interesse daran, dass sich die Menschen an derselben Stelle abermals ansiedeln.

          Eigentlich gibt es seit 2009 ein städtisches Programm zur Brandvorsorge für die Favelas. Doch kurioserweise sind in diesem Jahr noch keine Gelder geflossen, um die dringend benötigten Hydranten zu installieren, Feuerlöscher zu kaufen oder Brandleitern und Fluchtwege anzulegen. Insgesamt gibt es in São Paulo 1.633 Areale, die als irreguläre Wohngebiete ausgezeichnet sind. Gerade einmal 50 Favelas kamen bislang in den Genuss des städtischen Programms. In der Favela do Moinho warten die Menschen auch nach dem zweiten Großbrand immer noch auf die notwendigen Schläuche für die Hydranten - und einen Schlüssel, mit dem sich dieser öffnen lässt.

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