https://www.faz.net/-gum-13v2j

S-Bahn-Mord in München : Haftbefehl gegen dritten Jugendlichen

  • -Aktualisiert am

Ein weiterer dritter Jugendlicher soll die blutige Tag angezettelt haben Bild: REUTERS

Ein 50 Jahre alter Mann, der sich in der S-Bahn schützend vor andere gestellt hatte, ist von zwei jungen Männern brutal niedergeschlagen worden und starb an den Folgen. Die Münchner Staatsanwaltschaft geht von Mord aus und ermittelt gegen drei Verdächtige.

          3 Min.

          Als die S 7 am Samstagnachmittag aus der Münchner Innenstadt in Richtung Wolfratshausen rauschte, mussten im Zug viele Fahrgäste ein mulmiges Bauchgefühl gehabt haben. Aggressiv und laut provozierten zwei 17 und 18 Jahre alte Jugendliche vier verängstigte jüngere Teenager. Die Bedrohungen waren so laut, dass im Zug kein Erwachsener gedanklich in seine Zeitungslektüre flüchten konnte, sondern sich höchstens hinter der Zeitung verstecken; so laut, dass kein Blick aus dem Fenster auf die grau vorbeirauschende Stadt von der räuberischen Erpressung, die sich nebenan anbahnte, ablenken konnte.

          Ihr Gewissen wird den Pendlern gesagt haben: „Helft!“, ihre Angst: „Schön raushalten!“, ihre Vernunft: „Ruft doch wenigstens die Polizei“. Ein 50 Jahre alter Münchner hörte nicht nur auf die Vernunft, sondern auch auf sein Gewissen. Er rief aus dem Zug die Polizei und versuchte den 13 bis 15 Jahre alten Opfern, zwei Jungen und zwei Mädchen, schlichtend zu helfen. Fünf Minuten später traten ihn die Provokateure dafür zu Tode.

          Das Drama begann um 15.45 Uhr am S-Bahnhof Donnersbergbrücke nahe der Theresienwiese. Dort vertrieben sich die beiden arbeitslosen deutschen Jugendlichen, die nach Polizeiangaben auch deutsche Nachnamen tragen und keinen „Migrationshintergrund“ haben, mit einem dritten Komplizen die Zeit: Sie versuchten von vier Jugendlichen, die alle noch kindlich wirkten und ihnen körperlich unterlegen waren, Geld zu erpressen. Dies gelang nicht, einer der Älteren schlug einem Jungen ins Gesicht und trat ihn mit den Füßen. Daraufhin flüchtete der Schläger. Die Opfer wehrten sich nicht, gaben aber auch kein Geld heraus. Angeblich ging es um 15 Euro.

          Tatort S-Bahnhof Solln

          Anschließend folgten der Siebzehnjährige und der angetrunkene Achtzehnjährige der Jugendgruppe in die S-Bahn in Richtung Süden. Zunächst ließen sie die Kinder zumindest körperlich in Ruhe, setzten sich aber in die Nähe und sprachen provozierend laut darüber, ob und wie sie weiter Geld verlangen sollten. Die Provokationen ließen nicht nach, hallten durch den Waggon und viele Unbeteiligte müssen in diesen Minuten über Zivilcourage nachgedacht haben - über die Frage, ob sie Verantwortung tragen für die fremden Kinder, nur weil sie zufällig mit ihnen in diese Bahn gestiegen waren.

          Der 50 Jahre alte Münchner Geschäftsmann, wie sein Beruf im Polizeibericht angegeben wird und der laut Zeitungsberichten ein Manager ist, war auf dem Nachhauseweg nach Solln, ein in Isarnähe gelegenes Villenviertel im Münchner Süden. Er versteckte sich nicht hinter einer Zeitung und rief von seinem Handy die Polizei an den Sollner S-Bahnhof und bot den Kindern an, dort gemeinsam mit ihnen auszusteigen. Die verängstigten Jugendlichen nahmen das Angebot dankbar an, obwohl sie eigentlich vorher hätten aussteigen wollen. Um 16.10 Uhr verließen die vier Kinder und der Fünfzigjährige die Bahn - die mutmaßlichen Täter folgten dichtauf. Sie wollten erst die Jugendlichen angreifen, doch der Geschäftsmann wehrte die Schläge ab und wurde dann selbst zum Ziel der Aggressoren. Noch auf dem Bahnsteig schlugen die jungen Männer ihn mit Fäusten nieder und traten in sein Gesicht. Die Polizei traf ein - sehr früh, aber Sekunden zu spät. Sie stellten die Täter noch in der Nähe des Bahnhofs, ein Passant reanimierte das bewusstlose Opfer, das laut Staatsanwaltschaft jedoch wenig später im Krankenhaus an den Folgen mehrerer „gezielter“ Fußtritte gegen den Kopf starb.

          Die Mordkommission ermittelt nun, erste Zeugen wurden bis tief in die Nacht vernommen. Die Schläger machten auf Anraten ihrer Anwälte keine Angaben zur Tat, gaben aber zu, es habe „Auseinandersetzungen“ gegeben. Am Sonntag wurden sie dem Ermittlungsrichter vorgeführt. Die Staatsanwaltschaft stufte die Tat als Mord ein. Staatsanwalt Laurent Lafleur sagte am Sonntag, die Erpresser hätten aus „niederen Beweggründen“ gehandelt: Vergeltung und Rache für das couragierte Zuhilfekommen des Mannes. „Das steht sittlich auf der allerniedrigsten Stufe“, sagte Lafleur. Beide mutmaßlichen Mörder sind berufslos und zuvor mehrfach straffällig geworden: der Achtzehnjährige wegen schwerer räuberischer Erpressung, Körperverletzung, Diebstahls, der Siebzehnjährige zweifach wegen Diebstahls.

          Am Sonntag lagen am von Bäumen umsäumten Sollner S-Bahnhof Blumen, schon in der Nacht hatten Bürger am Tatort Kerzen entzündet. Zur Pressekonferenz der Polizei erschien am Sonntag auch die bayerische Justizministerin Beate Merk (CSU). Sie forderte längere Höchststrafen im Jugendstrafrecht, 15 statt zehn Jahre Jugendhaft, und ein Journalist fragte Merk ironisch überhöht, ob sie denn ernsthaft meine, dies hätte die Tat verhindert. Einige Reporter lachten. Beate Merk lachte nicht und sagte: „Es geht selbstverständlich auch um die Sühne in einem solchen Fall.“

          Am Montag teilte die Staatsanwaltschaft mit, dass ein Haftbefehl gegen einen dritten Jugendlichen in Vorbereitung sei. Er solle in Kürze beantragt werden, sagte ein Justizsprecher. Die mutmaßlichen Haupttäter gaben zu, an der Auseinandersetzung am Samstagabend beteiligt gewesen zu sein, nannten aber keine Einzelheiten. Der dritte 17 Jahre alte Jugendliche wurde am Sonntag festgenommen. Er war nicht an dem tödlichen Überfall beteiligt, hatte aber die Sache möglicherweise angezettelt: Er soll als erster zugeschlagen haben, um zusammen mit seinen Freunden von vier Kindern Geld zu erpressen.

          Weitere Themen

          Alle wissen: Ich bin Single

          Herzblatt-Geschichten : Alle wissen: Ich bin Single

          Für Otto Walkes sind Scheidungen erfolgreich abgeschlossene Ehen, die Queen hilft mit ihrer Wohltätigkeitsorganisation vor allem sich selbst und Thomas Gottschalk greift Dieter Bohlens Hautmentalität an. Die Herzblatt-Geschichten.

          Topmeldungen

          Weltweiter Aufruhr: Illustration für die F.A.S. von Kat Menschik

          Die Aufstände und der Westen : Was geht uns das an?

          Libanon, Hongkong, Bolivien, Kolumbien, Chile, Irak, Iran: Überall begehren Menschen auf. Wir haben Autoren, die mittendrin sind oder waren, gefragt: Worum geht es euch? Und was hat das mit uns im Westen zu tun?

          Ärger beim FC Bayern : „Ich könnte durchdrehen“

          Joshua Kimmich kocht nach dem 1:2 der Bayern in Gladbach vor Wut, Thomas Müller faucht, Hasan Salihamidzic ist ratlos. Und Trainer Hansi Flick wirkt angeschlagen. Die Münchner haben ein großes Problem.
          Der Umgang mit Algorithmen und Künstlicher Intelligenz steht zur Debatte: Welcher Regelungen bedarf es?

          Regulierungsbedarf? : Die Bändigung der Algorithmen

          Computer fällen zunehmend Entscheidungen, die tief in das Leben eingreifen und willkürlich anmuten. Dafür gibt es erstaunliche Beispiele aus dem Lebensalltag. Zeit für eine breite Debatte.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.