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Neun Tote in russischer Schule : „Das Monster ist erwacht“

Eine Spezialeinheit war am Dienstagmorgen in Kasan im Einsatz. Bild: Uncredited/The Investigative Committee of the Russian Federation/AP/dpa

In Kasan hat am Dienstagmorgen ein junger Mann in seiner ehemaligen Schule um sich geschossen und neun Menschen getötet. Die Waffe soll er legal erworben haben, Präsident Putin ordnete eine Verschärfung der Regeln an.

          2 Min.

          Neun Tote: vier Schüler, drei Schülerinnen, eine junge Englischlehrerin, eine weitere Frau. 21 Verletzte: 18 Kinder, drei Erwachsene. Das sind die Zahlen, die am Dienstagnachmittag aus Kasan an der Wolga gemeldet wurden – die vorläufige Schreckensbilanz eines Schusswaffenangriffs auf Schule Nummer 175. Hinzu kamen die Bilder, die über soziale Medien verbreitet wurden. Ein Video zeigt einen schwarz gekleideten jungen Mann mit Maske und Gewehr, der ins unbewachte Schulgebäude geht. Ein weiteres entstand während der Tat: Rauch steigt vom grauen Schulgebäude zwischen Plattenbauten im Osten der Hauptstadt der russischen Teilrepublik Tatarstan auf, Schüler rennen schreiend über den Rasen, Schüsse fallen.

          Friedrich Schmidt
          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Bald auch kamen Bilder des mutmaßlichen Täters dazu, eines 19 Jahre alten früheren Schülers der Schule, der, wie in russischen Medien üblich, mit Klarnamen genannt wurde. In einem gut eineinhalbminütigen Clip liegt der junge Mann mit nacktem Oberkörper, auf dem wohl Blut klebt, auf einer Pritsche in einer Polizeiwache und ruft, dass er sich als Gott erkannt habe, und zwar vor zwei Monaten. Bei ihm sei „ein Monster erwacht“, und er habe begonnen, alle zu hassen. Ein Psychologe schloss daraufhin im unabhängigen Online-Sender Doschd per Ferndiagnose auf Schizophrenie, ein früherer Mitschüler berichtete, der mutmaßliche Täter sei in seiner Schulzeit „höchst ruhig“ gewesen, ständig gehänselt und Ziel von Mobbing geworden.

          Er suchte gezielt seinen alten Klassenraum auf

          Die Kasaner Berufsschule, an der der junge Mann angeblich Informatik studierte, teilte ebenfalls mit, er sei ruhig gewesen und habe keine Konflikte gesucht, sei aber im April wegen Dauerfehlens exmatrikuliert worden. Offenbar suchte er gezielt seinen alten Klassenraum auf: den der Klasse 8A, welche die meisten späteren Todesopfer besuchten. Verbreitet wurden am Dienstag auch Bilder von Leichnamen zwischen Tischen und Bänken. Angeblich zündete der Täter mindestens einen Sprengsatz. Er soll sich den Einsatzkräften gestellt haben. Ein Video zeigte, wie er abgeführt wurde.

          Zunächst war von zwei Angreifern die Rede gewesen; das wies die Polizei zurück. Das Newsportal RBK berichtete dennoch unter Berufung auf das Umfeld des Geheimdiensts FSB von der Festnahme eines 41 Jahre alten Manns, der im Verdacht stehe, als Komplize gewirkt zu haben. Rustam Minnichanow, der Präsident der Republik Tatarstan, sprach zwar im Staatsfernsehen von dem Täter als einem „Terroristen“ und berief eine Sitzung der Antiterrorkommission ein; Ermittlungen wurden aber wegen Mordes aufgenommen.

          Der Schock sitzt tief: Angehörige der Opfer und Betroffene haben sich nahe der Schule in Kasan versammelt.
          Der Schock sitzt tief: Angehörige der Opfer und Betroffene haben sich nahe der Schule in Kasan versammelt. : Bild: dpa

          Kanäle im Messengerdienst Telegram, die längst auch zu von Sicherheitskräften bespielten Medien geworden sind, zitierten den Vater des jungen Manns mit der Aussage, sein Sohn sei nicht religiös gewesen. Auf einem – mittlerweile blockierten – Kanal des mutmaßlichen Täters soll dieser angekündigt haben, „eine enorme Menge Biomüll zu töten“ und sich dann selbst das Leben zu nehmen.

          Regeln zu Waffenbesitz sollen verschärft werden

          Die Tatwaffe, angeblich ein türkisches Hatsan-Escort-Gewehr, soll der junge Mann Ende April legal erworben haben. Der russische Präsident Wladimir Putin befahl, die Regeln zum Waffenbesitz zu verschärfen. In Tatarstan soll an diesem Mittwoch Trauertag sein, auch wurden den Familien der Opfer Geld und Hilfe versprochen. Zudem wurden Waffenbesitzer in der Republik überprüft.

          In Russland wird viel über sogenannte Todesgruppen junger Leute in sozialen Netzwerken gesprochen, die beobachtet werden; auch über Listen von Extremisten und Terroristen, die immer länger werden. Der mutmaßliche Täter war offenbar aber nicht im Visier der Sicherheitskräfte. So erinnerte die Tat an den Amoklauf eines 18 Jahre alten Schülers an einer Berufsschule in Kertsch auf der russisch besetzten Krim, der im Oktober 2018 mit Sprengsätzen und einer ebenfalls legal erworbenen Hatsan Escort 20 Personen tötete, ehe er sich das Leben nahm.

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