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Ist Naama Issachar ein politisches Faustpfand? Bild: Reuters

Russland inhaftiert Israelin : Eine Art Geiselnahme

In Russland ist eine Israelin zu einer langen Haftstrafe verurteilt worden, weil sie etwas Haschisch im Gepäck hatte. Um die Droge geht es dabei nur vordergründig – der Fall folgt einem politischen Drehbuch.

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          Zwischen Israel und Russland entfaltet sich ein Kriminalfall, in dem es vordergründig um Rauschgift, tatsächlich aber um staatliche Geiselnahme geht. Täterin und Opfer ist die 26 Jahre alte Naama Issachar. Sie wurde im amerikanischen Bundesstaat New Jersey in eine jüdische Familie geboren, wanderte mit 15 Jahren nach Israel aus und hat Staatsangehörigkeiten beider Länder. Im Dezember buchte sie Flugtickets von Tel Aviv nach Delhi. In Indien sei Issachar schon nach dem Militärdienst gewesen, erzählte nun ihre Mutter, habe danach als Kellnerin gearbeitet, jetzt aber professionell Yoga machen wollen. Weil Aeroflot billiger war als die Konkurrenz, buchte Issachar Tickets der russischen Staatsfluglinie mit Umstieg in Moskau. Und diese Ersparnis, rund 200 Dollar, kommt Issachar nun teuer zu stehen: Am Freitag verurteilte sie ein Gericht nahe der russischen Hauptstadt zu siebeneinhalb Jahren Lagerhaft wegen Besitzes und Schmuggels von Rauschgift, nämlich 9,6 Gramm Haschisch.

          Friedrich Schmidt

          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Der Stoff war in einem Rucksack, den Issachar mit Yoga-Matte und Koffer als Gepäck aufgegeben hatte. Den Besitz hat Issachar zugegeben und im Prozess bereut. Den Schmuggel bestritt sie. Doch die Vorwürfe erscheinen als Mittel zum Zweck: Alles spricht dafür, dass die junge Frau ein Faustpfand geworden ist, dass Moskau Issachar gegen einen Russen austauschen möchte, den Israel an die Vereinigten Staaten ausliefern will.

          Ein Spürhund hatte Anfang April das Haschisch im Rucksack am Moskauer Flughafen Scheremetjewo erschnüffelt. Als Issachar kurz darauf das Flugzeug nach Tel Aviv besteigen wollte, wurde sie abgeführt. In Israel ist die bei ihr gefundene Menge des Rauschgifts für persönlichen Gebrauch legal. In Russland nicht. Zunächst schien es glimpflich abzulaufen. Es lief auf Anklage wegen Rauschgiftbesitzes hinaus. Darauf stehen zwar bis zu drei Jahre Haft, doch Issachars Anwalt erklärte der Familie, in Fällen mit Auslandsbezug wie diesem erhalte man in Russland eine Geldstrafe, höchstens aber zwei Monate Hausarrest.

          Der Fall Issachar ist beispiellos 

          Ein aktueller Fall bestätigt das: Mitte September wurde eine junge Amerikanerin in Sankt Petersburg verurteilt, in deren Gepäck am örtlichen Flughafen 19,05 Gramm Marihuana entdeckt worden waren. Die Reisende gab an, den Stoff im Ausland erworben zu haben. Sie wies ein amerikanisches Attest vor, laut dem sie im Rahmen eines medizinischen Programms Marihuana konsumieren dürfe. Zur Fußball-WM in Russland 2018 war es laut den Organisatoren legal, im Ausland verschriebene Präparate wie Marihuana mitzubringen. Jetzt urteilte das Petersburger Gericht zwar, das Attest sei in Russland nicht gültig, verhängte aber nur eine Geldstrafe von umgerechnet etwa 210 Euro.

          Issachar setzte auf eine ähnliche Entscheidung. Sie kam aber nicht, wie ihre Familie und die israelische Botschaft hofften, in Hausarrest, sondern in Untersuchungshaft. Dann warf ihr die Staatsanwaltschaft zusätzlich Rauschgiftschmuggel vor, wofür fünf bis zehn Jahre Haft drohen. Vergebens hoben die Verteidiger hervor, dass Issachar erst am Zielort das Haschisch aus dem Gepäck nehmen konnte, dass sie nur im Transitbereich war und dass sie das Rauschgift niemandem in Russland hätte übergeben können.

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