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Russische LGBT-Aktivistin : Erst bedroht, dann erstochen

Jelena Grigorjewa bei einem Einzelprotest (nur die sind ohne Genehmigung erlaubt) im April Bild: Reuters

Die Menschenrechtsaktivistin Jelena Grigorjewa ist in Sankt Petersburg brutal ermordet worden. Sie hatte auf der Todesliste einer homophoben Gruppe gestanden.

          Jelena Grigorjewa war 41 Jahre alt und wohnte in Sankt Petersburg. Dort setzte sie sich für Menschengruppen ein, die es in oder durch Russland schwer haben: für Homo-, Bi- und Transsexuelle (LGBT); für die Krimtataren, eine Minderheit auf der ukrainischen Halbinsel Krim, die von Moskau verfolgt wird; für Fernfahrer, die gegen eine Maut protestieren; und zuletzt für die Schwestern Chatschaturjan, drei junge Moskauerinnen, die ihren Vater töteten, der sie missbraucht hatte. In den Berichten über ihre Ermordung wird Grigorjewa als Aktivistin bezeichnet.

          Friedrich Schmidt

          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Die Leiche wurde am Sonntagabend in Büschen in dem Petersburger Viertel gefunden, in dem sie wohnte. Ihr Körper soll acht Stichwunden und Würgemale aufweisen. Ermittler teilten mit, prioritäre Version sei bisher ein Motiv im persönlichen Umfeld des Opfers. „Fontanka.ru“ berichtet, man habe Grigorjewa kurz vor ihrem Tod in Gesellschaft ihrer Freundin und vierer Männer gesehen. Die Runde habe Alkohol auf einer Bank konsumiert. Ein 40 Jahre alter Mann, dessen Spur Polizeihund „Jasmin“ aufgenommen habe, gelte als Mitglied der Gruppe, aber bisher nicht als verdächtig. Die Ermittlungen erschwere, dass die Leiche erst zwölf bis 16 Stunden nach der Tat entdeckt wurde, die am Sonntag zwischen ein und fünf Uhr verübt worden sei.

          Der Rechtschützer Dinar Idrissow schrieb auf Facebook, Grigorjewa sei in jüngster Zeit „Opfer von Gewalt geworden, und sie wurde mehrfach mit dem Tod bedroht“. Sie habe sich an die Rechtschutzstellen gewandt, „aber eine sichtbare Reaktion der Polizei gab es nicht“. Die Petersburger Innenbehörde teilte mit, Grigorjewa habe über Drohungen informiert, die sich aber nicht gegen das Leben gerichtet und aus ihrem Umfeld gestammt hätten.

          Menschenrechtler beklagen brutale Übergriffe auf Homosexuelle in Russland, die oft folgenlos blieben. Positive Äußerungen über Homosexuelle in Anwesenheit von Minderjährigen stehen als „Propaganda“ unter Strafe. Dagegen gibt es internationalen Protest, wie gegen eine Folter- und Mordkampagne gegen Homosexuelle in der Republik Tschetschenien. Grigorjewa veröffentlichte zwei Tage vor ihrer Ermordung auf Facebook eine Anleitung dazu, wie man sich verhalten solle, wenn man ins Visier von „Säge gegen LGBT“ lande – die anonyme Gruppe führt laut Medienberichten eine Liste und droht den Leuten darauf mit „grausamen Geschenkchen“.

          Grigorjewa galt demnach seit dem 1. Juli als Ziel. Vor solchen Bedrohungen haben viele russische Schwule und Lesben Zuflucht im Westen gesucht. Jelena Grigorjewa blieb. Ein Foto zeigt sie bei einem Einzelprotest (nur die sind ohne behördliche Erlaubnis legal) mit zugeklebtem Mund. „In Russland gibt es mehr als fünf Millionen LGBT“, steht auf dem Schild, das sie hält. „Wegen der Ignoranz und des Hasses der Gesellschaft leben sie verschlossen.“

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