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Roman Polanski : Wenn du geschwiegen hättest, Hollywood!

  • -Aktualisiert am

Unsichtbar im Fond des Wagens wird Polanski zu seinem Chalet gefahren Bild: AFP

Die Empörung über Polanski und die Doppelmoral Hollywoods wächst. Auch wegen der Reaktion der kulturellen Elite, die ein widerwärtiges Verbrechen verharmlost, nur weil es einer aus dem eigenen Lager begangen hat.

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          Wenn du doch geschwiegen hättest, Hollywood! Doch Hollywood schweigt natürlich nicht, zu nichts und zu niemandem. Also sprach, nein schrie Hollywood, als der Oscar-Preisträger Roman Polanski am 26. September bei der Einreise in die Schweiz festgenommen wurde. In einer Petition, unterschrieben von mehr als 200 amerikanischen und internationalen Filmschaffenden – unter ihnen Woody Allen, Pedro Almodóvar, David Lynch, Martin Scorsese, Bertrand Tavernier und Wim Wenders –, zeigten sich die Künstler „bestürzt“ über den Umstand, dass „einem der größten Filmemacher der Gegenwart“ nun wegen eines amerikanischen Haftbefehls von 1978 die Auslieferung nach Los Angeles drohe und er „schwere Konsequenzen und den Verlust seiner Freiheit“ gewärtigen müsse.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Nach gut zwei Monaten Gefängnis verbringt Polanski nun seit Freitag den Rest seiner Auslieferungshaft im überwachten Hausarrest in seinem Chalet in Gstaad. Das Auslieferungsverfahren selbst dürfte sich noch über Monate hinziehen, denn selbstverständlich hat Polanski das Recht, die Entscheidung der Schweizer Behörden von seinen Anwälten anfechten zu lassen. Doch vieles spricht dafür, dass inzwischen nur noch eine verschwindend kleine Minderheit von Amerikanern glaubt, der heute 76 Jahre alte polnisch-französische Regisseur habe irgendwelche Vergünstigungen verdient, etwa dass er statt in einer Gefängniszelle sitzen zu müssen im Hausarrest leben darf. Bei einer Leserumfrage der „Los Angeles Times“ äußerten jüngst 92 Prozent der Befragten die Befürchtung, Polanski werde die Freilassung unter Auflagen dazu nutzen, unterzutauchen und sich seiner fälligen Bestrafung in Kalifornien zu entziehen.

          Wachsende Empörung über die Doppelmoral

          Denn kaum war die Petition zur „sofortigen Freilassung“ Polanskis bekanntgeworden, wurden längst vergessene Einzelheiten des Vergewaltigungsfalls von 1977 wieder ausgegraben. Seither braut sich in Amerika wachsende Empörung über Polanski und auch über die Doppelmoral und den Elitismus Hollywoods zusammen. Als ob die Petition für Polanski diesem nicht schon genug Schaden zugefügt hätte, verharmloste der mächtige Filmproduzent Harvey Weinstein die Tat als „sogenanntes Verbrechen“, und die Schauspielerin Whoopi Goldberg sprach Polanski mit dem denkwürdigen Stammtischargument vollends frei, die damals 13 Jahre alte Samantha Geimer sei gar nicht Opfer einer Vergewaltigung gewesen, sondern habe es ja irgendwie selbst gewollt oder jedenfalls mitverschuldet.

          Im Haus wurde Polanski von seiner Familie erwartet, hier zu sehen seine Frau Emmanuelle Seigner

          Die Akten des Gerichtsverfahrens von 1977 und zeitgenössische Interviews Polanskis sprechen freilich eine andere Sprache. Das Mädchen war vom seinerzeit 43 Jahre alten Polanski in das Haus von Jack Nicholson am Mulholland Drive in Los Angeles mit dem Vorwand gelockt worden, er wolle von ihm Fotos machen. Nach der Verabreichung von Champagner und der damaligen Modedroge „Quaalude“ vergewaltigte Polanski Samantha Geimer, obwohl das Mädchen laut Gerichtsprotokoll mehrfach gefleht hatte, verschont und sofort nach Hause gebracht zu werden. Zum Samenerguss kam es gemäß Aussage Geimers beim Analverkehr, weil das Mädchen auf die offenbar aus Sorge vor möglichen „Folgen“ der Vergewaltigung gestellte Frage Polanskis wahrheitsgemäß geantwortet habe, sie nehme die Pille nicht. Nachdem die Qual zu einem Ende gekommen war, gab Polanski seinem Opfer den Befehl mit auf den Weg: „Erzähle deiner Mutter nichts davon. Das ist unser Geheimnis.“

          „Alle wollen junge Mädchen ficken!“

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