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Reemtsma-Entführer Drach vor Gericht : Mein Bruder, der Pudel

  • -Aktualisiert am

Anfang Oktober: Thomas Drach im Hamburger Gerichtssaal Bild: dapd

Reemtsma-Entführer Thomas Drach führt im Gerichtssaal das große Wort und bestreitet seine Tat mit wirren Aussagen. Ein psychatrischer Gutachter hält ihn für voll schuldfähig.

          Thomas Drach hat am Montag vor dem Hamburger Landgericht wieder das große Wort geführt. Dem wegen der Entführung von Jan Philipp Reemtsma im Gefängnis sitzenden Angeklagten wird von der Staatsanwaltschaft vorgeworfen, zwei Freunde per Brief aus dem Gefängnis zur räuberischen Erpressung seines Bruders angestiftet zu haben. Die Briefe wurden von Justizvollzugsbeamten abgefangen.

          Der jüngere Bruder Lutz war an der Entführung Reemtsmas 1996 beteiligt und hatte seine Haftstrafe 2009 verbüßt. Hatte Drach den Bruder in der vergangenen Woche als seinen „Angestellten“ bezeichnet, der für ihn gegen ein Gehalt von 100000 Dollar im Jahr Geld „waschen“ sollte, so sagte er am Montag: „Ich verlange 15 Millionen Euro Schmerzensgeld für die 14 Jahre Gefängnis und 15 Millionen Euro Verdienstausfall.“

          „Ein Pudel wird nie ein Schäferhund“

          Außerdem warf Drach dem Bruder vor, durch ihn und einen seiner Freunde „geschnappt“ worden zu sein. „Hätten die nicht gequatscht, wäre ich jetzt noch in Uruguay.“ Was er mit seinem Bruder abzumachen habe, setzte Drach hinzu, gehe niemanden etwas an, „selbst wenn wir uns mit Panzern beschießen“. Sein Bruder sei ein Pudel, so wie 90 Prozent der Menschen, die niemals eine Million Euro auf einem Haufen sehen würden. Die anderen zehn Prozent, zu denen er sich wohl selbst zählt, seien Schäferhunde. „Man kann den Pudel frisieren wie man will, er wird nie ein Schäferhund.“

          Drach hatte mit mehreren Komplizen den Leiter des Hamburger Zentrums für Sozialforschung im März 1996 von dessen Grundstück in Hamburg entführt und die Familie erpresst, bis diese tatsächlich das geforderte Lösegeld von 30 Millionen Mark gezahlt hatte - eine bis dahin unvorstellbar hohe Summe. Nach 33 Tagen, die er in einer Art Kellerverlies hatte zubringen müssen, kam Reemtsma frei. Erst zwei Jahre nach der Tat wurde Drach in Lateinamerika festgenommen und wiederum zwei Jahre später nach Deutschland ausgeliefert.

          Psychiater: unreif-pubertäres Verhalten

          Von dem Lösegeld ist bislang nur ein Bruchteil wieder aufgetaucht. Thomas Drach, inzwischen 51 Jahre alt, hat mehr als zwei Drittel seiner Strafe abgesessen. In dem neuen Prozess geht es auch darum festzustellen, wie gefährlich Drach wirklich ist und ob er womöglich nach Verbüßen der Gesamtstrafe in Sicherungsverwahrung genommen wird.

          Dazu wurde am Montag der psychiatrische Gutachter Norbert Leygraf gehört, der allerdings mit Drach nicht hatte sprechen können. Drach hatte ein Gespräch abgelehnt mit der Begründung: „Ich rechne mit einem Freispruch, alles andere ist für mich ein Rechtsbruch.“ Leygraf hält Drach für voll schuldfähig. Eine psychische Erkrankung liege nicht vor. Drach zeige ein unreif-pubertäres Verhalten, eine gewisse Impulsivität und eine narzisstische Persönlichkeit. Seine Taten habe Drach nicht im Affekt begangen, sondern akribisch geplant. Dabei habe er nicht vor massiver Gewalt zurückgeschreckt. Mit hoher Wahrscheinlichkeit werde Drach sein kriminelles Verhalten in Freiheit fortführen. Ob er in Sicherungsverwahrung müsse, sei letztlich aber eine juristische Entscheidung.

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