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Reemtsma-Entführer Drach : „Er nimmt sich, was er braucht“

Thomas Drach im Jahr 2011 im Landgericht Hamburg: Im Jahr 2000 war er für die Entführung von Jan Philipp Reemtsma zu vierzehneinhalb Jahren Haft verurteilt worden. Bild: dpa

1996 war Thomas Drach der Haupttäter bei der Entführung von Jan Philipp Reemtsma. Nun soll er an drei Raubüberfällen auf Geldboten in Frankfurt und Köln beteiligt gewesen sein. Als Motiv wäre Geldmangel denkbar.

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          Er sei in den 33 Tagen im Bremer Kellerverlies zu einem „Experten“ geworden, was die Person Thomas Drach anbelangt, hatte Jan Philipp Reemtsma vor knapp 20 Jahren in seiner Schlusserklärung in dem Prozess gegen den Verbrecher gesagt. Nach seinen Worten müsse man sich Drach als eine Mischung aus „Renommiersucht und Beleidigtsein“ vorstellen. Der Mann habe das Gefühl, „dass ihm die Welt etwas schulde, dass, wenn sie es ihm nicht freiwillig gibt, er sich dann eben selber nehmen müsse, was er brauche“. Koste es, was es wolle. Laut Reemtsma waren weitere Verbrechen Drachs, „vielleicht mit noch schlimmeren Folgen“, zu befürchten.

          Karin Truscheit

          Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Reemtsmas Erklärung liest sich heute wie ein düsteres Omen. Die grundsätzliche Gefährlichkeit Drachs, von der Reemtsma überzeugt war, war für das Entführungsopfer in einem der spektakulärsten Kriminalfälle der Nachkriegsgeschichte auch ein Grund, als Nebenkläger die Sicherungsverwahrung zu fordern. Dem entsprach die Große Strafkammer des Landgerichts Hamburg damals jedoch nicht. Verurteilt wurde der 1961 in Erftstadt bei Köln geborene Drach am 8. März 2001 wegen erpresserischen Menschenraubs zu 14 Jahren und sechs Monaten Freiheitsstrafe. Das Gericht hielt Thomas Drach, der sowohl das Gymnasium als auch eine Lehre zum KFZ-Mechaniker abgebrochen hatte, damals für den Haupttäter der Entführung. Er habe die Erpresserbriefe aufgesetzt, er habe den angeketteten Reemtsma in dem Keller bewacht.

          Im Sommer 1995 hatten Drach und sein inzwischen unter mysteriösen Umständen ums Leben gekommene Komplize damit begonnen, die Lebensgewohnheiten ihres da noch ahnungslosen Opfers zu beobachten. Im März 1996 verschleppten sie den damals 43 Jahre alten Reemtsma vor seinem Haus in Hamburg-Blankenese und hinterließen dort ein mit einer Handgranate beschwertes Erpresserschreiben. Ihr Opfer brachten sie in ein Kellerverlies in Bremen. Dass Reemtsma sich im Auto bestimmte Fahrgeräusche merken und Orten wie dem Elbtunnel zuschreiben konnte, half den Ermittlern später, den Aufenthaltsort zu finden. Mindestens zwei Geldübergaben scheiterten.

          Der Verbleib des Geldes ist bis heute nicht restlos geklärt

          Schließlich organisierte die Familie ohne das Wissen der Polizei die erfolgreiche Geldübergabe von rund 30 Millionen Mark – das höchste Lösegeld, das je in der Bundesrepublik gezahlt wurde. Die Übergabe, an der Bekannte und ein Pastor beteiligt waren, fand unter abenteuerlichen Bedingungen statt – unter anderem mit einem an einem Abhang abgestellten Auto, um eine Verfolgung unmöglich zu machen.

          Am 26. April 1996 wurde Reemtsma freigelassen, rund einen Monat später entdeckte die Polizei in Garlstedt bei Bremen das Kellerverlies. Kurz darauf wurden zwei Komplizen in Spanien gefasst und später zu Haftstrafen verurteilt. Drach wurde im März 1998 in Buenos Aires gefasst und im Juli 2000 nach Hamburg ausgeliefert, im Dezember des Jahres begann der Prozess gegen ihn. Vor Gericht wies er auf Flöhe, Schaben und Ratten hin, mit denen er sich angeblich die Zelle in Argentinien habe teilen müssen – ein Gegensatz zu der „De-luxe-Entführung“, von der er Reemtsma gegenüber gesprochen hatte. Was darunter zu verstehen sei, verdeutlichten Drachs Verteidiger vor Gericht mit Käseauswahl und Lesestoff, die Drach Reemtsma habe angedeihen lassen. Reemtsma wiederum verwies auf die Drohung Drachs, ihm einen Finger abzuschneiden.

          Im Jahr 2013 schließlich kam Thomas Drach frei. Danach hat er sich offenbar sofort im Ausland abgesetzt, sein Aufenthalt wurde zuletzt im deutsch-niederländischen Grenzgebiet vermutet. Große Teile des Lösegelds, das an unterschiedlichen Orten auftauchte, zum Beispiel in einem Bankfach in Uruguay, soll in Geldwäschegeschäften und der Bezahlung von Komplizen versickert sein. So ist der Verbleib des gesamten Geldes bis heute nicht restlos geklärt. Ein Motiv für die mutmaßlichen Taten, die ihm nun offenbar zur Last gelegt werden, könnte also Geldmangel sein: Thomas Drach gilt nicht nur als mittellos, sondern auch als Freund eines überaus großzügigen Lebensstils.

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