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Raub von Goldnest : „Das war eine Machtdemonstration“

Da war es noch da: „Goldenes Nest“ in der Schule in Marzahn Bild: dpa

Auf einem Video ist laut dem Künstler Thorsten Goldberg zu sehen, wie maskierte Einbrecher mit schwerem Gerät sein „Goldenes Nest“ aus einer Berliner Grundschule rauben. Dass es ihnen ums Geld ging, glaubt er nicht.

          Eigentlich hätte die Glasvitrine erst nach 14 Jahren geöffnet werden sollen. So hatte es sich Künstler Thorsten Goldberg gewünscht, als er sein „Goldenes Nest“ im Herbst 2018 an die Fuchsberg-Grundschule in Berlin-Marzahn übergeben hatte. 80.000 Euro konnte der Senat ihm dank der Regel zahlen, dass beim Neubau öffentlicher Gebäude ein Teil für Kunst ausgegeben werden muss. Allein das von Goldberg verwendete Material war 30.000 Euro wert, das Nest bestand aus 74 Zweigen und 814 Gramm Feingold. „Ich fand es toll, dass in einem sonst oft vernachlässigten Viertel in eine moderne Schule investiert wurde“, sagt Goldberg am Donnerstag im Gespräch mit FAZ.NET. „Aber wer weiß, wie es dort in 14 Jahren aussieht. Deswegen hätten die Schüler das Gold dann einschmelzen lassen und etwas für die Schule kaufen können.“

          Sebastian Eder

          Redakteur im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.

          Auf die Idee mit dem Einschmelzen kamen aber schnell auch Kriminelle: Im November gab es den ersten Einbruchsversuch, im Februar den nächsten. In der Nacht zum Mittwoch bemerkte der Wachdienst schließlich, dass in die Schule eingebrochen worden war – diesmal mit Erfolg, das Nest war verschwunden. Auf dem Video einer Überwachungskamera ist laut Goldberg zu sehen, wie sich zwei maskierte Einbrecher „mit Spezialausrüstung und viel Kraft“ an der Vitrine zu schaffen machten. „Zuerst haben sie es mit einer Axt versucht. Dann mit einer Art elektrischer Rettungssäge, die sonst die Feuerwehr benutzt. Nach 15 Minuten konnten sie durch einen kleinen Schnitt die Äste rausfischen.“

          Den Vorwurf, dass die Vitrine nicht ausreichend gesichert war, weist er zurück: „Ich habe mich von der Kriminalpolizei und einem Sicherheitsdienst beraten lassen. Die Vitrine wurde mit einem zwölf Millimeter dicken Edelstahlrahmen in die Wand eingegossen und mit einem speziellen Gas gefüllt, das eine Sprengung verhindert. Das Panzerglas war fünf Zentimeter dick und hatte die höchste Sicherheitsstufe. Und es gab drei Alarmanlagen, eine in der Vitrine, eine in der Wand und die Schul-Alarmananlage. Das war sicherer als in jedem Museum.“

          Mit den Alarmanlagen gab es laut dem „Tagesspiegel“ allerdings vor dem Einbruch am Mittwoch Probleme. Außerdem soll die Polizei kürzlich Mitglieder eines kriminellen Clans beim Auskundschaften des Gebäudes beobachtet haben – ohne danach die Schutzmaßnahmen wesentlich zu verstärken. Dafür durchsuchte sie am Mittwoch ein Auto und drei Objekte. Dass darunter auch die Villa von Issa R. war, der als Chef einer kriminellen arabischen Großfamilie gilt, bestätigte dieser der „Bild“-Zeitung: „Der Vorwurf ist lächerlich. Jedes Mal, wenn in dieser Stadt Gold verschwindet, soll ich schuld sein.“

          Drei Mitglieder seines Clans stehen gerade vor Gericht, weil sie eine Goldmünze im Wert von drei Millionen Euro aus dem Bode-Museum geraubt haben sollen. Das Gold wurde nie gefunden. Die Ermittler reagierten jetzt wohl auch so schnell, um einem Einschmelzen des „Goldenen Nests“ zuvorzukommen. Auch ein Juwelier wurde durchsucht. Fündig wurde die Polizei nicht, auch Festnahmen gab es keine.

          Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung will trotz des Vorfalls daran festhalten, dass bei öffentlichen Gebäuden in „Kunst am Bau“ investiert werden muss. „Diese Regel ist gut, wir werden sie nicht aufweichen“, sagt eine Sprecherin am Donnerstag. „Kinder sollen Kunst in Schulen nicht nur aus Büchern kennenlernen.“ Goldberg findet das gut. „Hier ging es nicht um den materiellen Wert, der ist ja lächerlich im Vergleich zu der Goldmünze“, sagt er. Aufwand und Risiko seien enorm hoch gewesen, der Ertrag selbst im Vergleich zu vielen Autodiebstählen gering. „Das war eine Machtdemonstration einer Gruppe, die beweisen will, dass sie zu allem in der Lage ist.“

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