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Rapperin vor Gericht : Zuhälterei als Zubrot zum Rap

  • -Aktualisiert am

Hart drauf: „Schwesta Ewa“ im Club „Nachtleben“ mit Tänzerin Bild: dpa

„Schwesta Ewa, einst die Nutte vom Bahnhof“ – so lautet eine der Zeilen von Ewa Malanda. Doch die Vergangenheit hat die Rapperin eingeholt. Am Donnerstag beginnt gegen sie der Prozess wegen Zuhälterei.

          Ewa Malanda belehrt alle eines besseren, die bislang dachten, Sabrina Setlur sei Frankfurts härteste Rapperin. Setlur, vormals BWL-Studentin, machte Mitte der Neunziger Jahre unter dem Namen „Schwester S“ mit der Unterstützung des Rödelheimer Produzenten Moses Pelham Karriere. Das Cover ihres zweiten Albums, das ihren erfolgreichsten Hit „Du liebst mich nicht“ enthielt, zierte ein Porträt der finster dreinschauenden Rapperin. In den Nuller Jahren schaffte sie es nicht nur mit einer Kurzzeit-Beziehung zu Boris Becker in die Schlagzeilen, sondern auch mit zwei Gerichtsverfahren: In einem ging es um eine angebliche Urheberrechtsverletzung, im anderen verklagte die Musikerin einen Soap-Darsteller, der öffentlich behauptet hatte, Sex mit ihr gehabt zu haben. Setlur gewann beide Prozesse.

          Neben der Frankfurter Rapperin Ewa Malanda, die seit 2012 unter dem Namen „Schwesta Ewa“ auftritt, wirkt Setlur mit dieser durchaus bewegten Vergangenheit wie eine Betschwester. Ähnlichkeiten zwischen den Musikerinnen gibt es mehrere, etwa den Künstlernamen, den Songtitel „Du liebst mich nicht“, der sich auf Malandas Debütalbum findet, und ab Donnerstag auch ein Gerichtsverfahren. „Schwesta Ewa“ muss sich vor dem Landgericht Frankfurt wegen Menschenhandels, Zuhälterei und Steuerhinterziehung verantworten. Die Staatsanwaltschaft wirft ihr vor, zwischen November 2015 und September 2016 mehrere weibliche Fans im Alter von 17 bis 19 Jahren bundesweit zur Prostitution gezwungen zu haben. Malanda soll die jungen Frauen finanziell abhängig gemacht und körperlich und seelisch misshandelt haben. Außerdem soll sie dem Finanzamt die Umsätze aus der Zuhälterei verschwiegen haben.

          Die Neugier auf die Kurwa

          Falls sich die Angeklagte zu den Vorwürfen und ihren persönlichen Verhältnissen äußert, dürfte das dem interessierten Beobachter aber kaum neue Erkenntnisse über ihr Leben liefern, denn die 32 Jahre alte Musikerin hat darüber schon oft ausführlich gesprochen. Bekannt ist vor allem, dass sie zehn Jahre lang als Prostituierte im Bahnhofsviertel arbeitete, bis sie zu rappen begann. In Wahrheit, so sagt „Schwesta Ewa“, sei jedes vorgebliche Interesse an ihr als Musikerin bloß ein Interesse an ihrer Vergangenheit.

          Die Neugier allerdings hat sie selbst verursacht, indem sie sich von Beginn an bei Facebook und Youtube über ihre Zeit im Rotlichtmilieu vermarktete. Ihr Debütalbum trägt den Titel „Kurwa“, was auf Polnisch „Nutte“ bedeutet. Auf dem Cover posiert die ganzkörpertätowierte „Schwesta Ewa“ bloß mit zwei Feigenblättern bedeckt, um ihren Hals liegt eine Schlange, in den Händen hält sie eine Pistole und einen angebissenen Apfel. Das solle, so die Rapperin, die biblische Eva darstellen - „die Schlampe, die in den Apfel gebissen hat“. In Musikvideos ist Malanda wie männliche Gangsterrapper mit Luxusautos, übergroßen Joints und leicht bekleideten Tänzerinnen zu sehen.

          „Ich hab gedacht, ich bin ein Gangster.“

          Bei Youtube gibt es Interviews und Fernsehberichte, in denen sie mit unschönen Anekdoten aus ihrem Leben nicht geizt. Demnach wurde sie im polnischen Koszalin geboren und emigrierte wenige Jahre, nachdem ihr Vater wegen fünffachen Mordes verurteilt wurde, mit der Mutter nach Deutschland. Als Kind zog sie durch Frauenhäuser und Asylantenheime. Geld war immer knapp, deshalb stahl Malanda Lebensmittel und fischte Winterjacken aus Altkleidercontainern. Gewalt war an der Tagesordnung, ihre Mutter verprügelte sie regelmäßig mit dem Gürtel und dem Rohrstock.

          Um der Armut zu entkommen, dealte Malanda als Teenager mit Cannabis. Als Achtzehnjährige begann sie, mit Sex Geld zu verdienen. Die finanzielle Not war damit passé, nicht aber die Gewalt. Ihre Tageseinnahmen verwahrte sie im Laufhaus in einem Schrank, dessen Türen sie mit den Füßen zuhielt, wenn ein Freier sie verprügelte. Die Jahre auf dem Straßenstrich und in Bordellen hätten aus ihr eine „abgewichste Hure“ gemacht, sagt Malanda und meint damit: eine Frau, die sich ohne Skrupel an anderen bereichert. Zu den harmloseren Geschichten gehört, dass eine ihrer Freundinnen die Portemonnaies der Freier leerte, während Malanda sie bediente. Zu den härteren, dass sie schon mit 17 andere Mädchen auf den Strich schickte, die das Geld bei ihr ablieferten, während sie in einer Kneipe saß: „Ich hatte eine Waffe dabei, die ich mir von einem Albaner auf der Reeperbahn geholt hatte, einen Schlagring und ein CS-Gas. Ich hab gedacht, ich bin ein Gangster.“ Dass sie vor Gewaltanwendung nicht zurückschreckt, zeigt ein im Internet kursierender Ausschnitt aus Spiegel TV, in dem zu sehen ist, wie Malanda augenscheinlich grundlos eine Frau zu Boden schlägt und tritt.

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          Daraus, dass das Rotlichtmilieu rentabler war als das Rappen, hat „Schwesta Ewa“ nie einen Hehl gemacht. Bis zu 20.000 Euro monatlich will sie mit sexuellen Dienstleistungen verdient haben. Diese Summe werde sie mit Musik zwar nicht erreichen, sagte sie 2013: „Aber ich wünsche mir, dass ich damit die nächsten Jahre in meinem Leben finanzieren kann.“ Der Prozess wird zeigen, ob sich „Schwesta Ewa“ etwas hinzuverdiente, indem sie minderjährige Fans auf den Strich schickte.

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