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Rangun : Punk gegen den Polizeistaat

  • -Aktualisiert am

Von oben bis unten Punk: Mit Föhn und Haarspray stylen sich die Männer angemessen Bild: Cigdem Akyol

Wenn es dunkelt in Rangun wird Kyaw Kyaw zum Rebellen. Er hasst die korrupte Junta, die ihm das Leben ruiniert. Die Militärregierung von Burma versteckt ihre korrupten Machenschaften unter einem zivilen Mantel. Immer mehr Menschen lehnen sich auf.

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          Kyaw Kyaw schiebt seinen Daumen über die Handytastatur und klickt auf den Song „I’m Against It“ von den Ramones. Schon der fünfte Satz des Songs trägt seine Haltung in sich. „I do not like politics“, kreischt der Sänger mit wütender Stimme. „I do not like communists. I do not like games and fun. I do not like anyone“. Kyaw Kyaw, der auf einem Plastikhocker in der schimmeligen Küche eines Freundes sitzt, wippt mit den Füßen.

          Das Lied ist für den Vierundzwanzigjährigen eine Hymne, er ist Punk. Unter normalen Umständen wäre seine Leidenschaft nicht weiter bemerkenswert. Aber Kyaw Kyaw lebt in Rangun, der ehemaligen Hauptstadt von Burma. In diesem Land können Lappalien schnell zum Problem werden. Und Kyaw Kyaw sucht die Auseinandersetzung: „Ich will nicht diese verlogene Doppelmoral unserer Politik weiterhin ertragen müssen. Ich will sagen, was ich meine, leben, wie ich es will.“ Seinen richtigen Namen kann er nicht preisgeben. Er weiß, dass jedes falsche Wort Gefängnis bedeuten kann. „Ich hasse diesen Staat, in dem ich lebe. Unser Volk ist eine Geisel der Machthaber.“ Für das Regime hat er nur Verachtung.

          Am Tag fallen sie nicht auf

          Er ist scheu, wirkt sanft und lächelt viel. Kyaw Kyaw, ein hübscher junger Mann mit weichen Gesichtszügen, sieht nicht aus wie ein Durchschnittsjugendlicher. Er hat schulterlanges pechschwarzes Haar, das er mit einem Haarreifen nach hinten drückt, trägt Marken-Jeans und hat seine Ohrläppchen auf die Größe einer Euro-Münze gedehnt. Tagsüber arbeitet er in einer Fabrik, abends zieht er enge Hosen und zerfetzte Shirts an, schnürt seine Doc-Martens, schnallt sich einen Nietengürtel um, gelt und sprayt seine Haare zu Irokesenform und trifft sich mit Gleichgesinnten. Dann hören sie Musik, schauen Filme, reden, rauchen, trinken Bier und billigen Whisky.

          Stacheln zeigen: Punks in Burma wappnen sich für die Nacht

          Wenn es hell ist, fallen sie nicht auf. Wenn es dunkel wird, sind sie die Unangepassten. Etwa 200 Punks leben in Rangun, schätzt Kyaw Kyaw. Es ist eine übersichtliche Szene, eine Generation, die zerrissen ist zwischen Rebellion und Angst. In Burma werden selbst Komiker eingesperrt, wenn sie Witze über das System wagen. Es soll etwa 2000 politische Gefangene geben, in Gefängnissen oder Arbeitslagern. Warum Kyaw Kyaw trotzdem mit Journalisten spricht? Warum er dennoch auf Facebook, wo er Hunderte Freunde aus aller Welt hat, täglich Regimekritisches postet? Warum er dennoch Lieder voller Hass auf die Junta dichtet und sie ins Netz stellt? „Weil ich will, dass die Welt von uns erfährt. Weil ich will, dass die Welt weiß, dass wir Burmesen so nicht mehr weiterleben wollen.“ Er sehnt sich nach Sicherheit, nach Freiheit, nach Demokratie – nach alldem, was er nicht hat. Es geht um große Dinge in seiner eigenen kleinen Welt.

          Korrupte Regierung unter zivilem Mantel

          Burma ist eines der ärmsten und korruptesten Länder Asiens. Die Militärs, die das Land seit 1962 beherrschten und in „Myanmar“ umbenannten, zogen sich im Frühjahr offiziell aus der Politik zurück. Im November 2010 wurde erstmals seit 1990 wieder ein Parlament gewählt. Gewonnen hat die von der Junta unterstützte Partei Union Solidarität und Entwicklung (USDP). Thein Sein, bis dahin Regierungschef der Junta und früher selbst General, wurde neuer Staatschef. Die neue Regierung ist seit April unter einem zivilen Mantel im Amt.

          Viele der alten Machthaber haben aber nur die Uniform abgelegt und sind weiter aktiv. Die Nomenklatura hat die Macht nur neu unter sich aufgeteilt. So etwas ist möglich in einem Land, in dem es keine Bürgergesellschaft gibt und die Opposition gegängelt wird. Trotz Rohstoffreichtum beträgt das Bruttoinlandsprodukt durchschnittliche 1600 Dollar pro Kopf und Jahr. Wer hier arm ist, der bleibt es mit großer Wahrscheinlichkeit. Auch deswegen ist Kyaw Kyaw Punk. Er hat es satt, keine Chancen zu haben.

          „Mein Vater ist auch gegen die Regierung“

          Ein Punk zu sein, das ist für ihn auch ein Ausweg aus dem beengenden Alltag, in dem es keine Privatsphäre gibt. Sein Zuhause ist ein großes Zimmer, in dem er mit seinen Eltern und den zwei Brüdern lebt. Eine Plastikplane auf dem Dach soll den Regen abhalten, die Wände sind voll mit Familienfotos und Postern von Fernsehstars. Eine provisorische Trennwand teilt den Raum. In einer Ecke stehen drei Fernseher mit angeschlossenen Playstations, mit denen er sein Gehalt aufbessert. Wer es sich leisten kann, darf hier zocken und zahlt ihm dafür einige Kyat.

          Nach Meinung seiner Eltern soll ihr Junge endlich seine Freundin heiraten, statt sich seltsam zu kleiden und komische Musik zu hören. Während er sich abends fertigmacht, sitzen sie auf ihren Plastikstühlen. In Wickelröcke gekleidet, schauen sie ihrem Sohn zu, wie er sich in einen Rebellen verwandelt. Sein Vater arbeitet für den Staat, gegen den sein Junge sich auflehnt. Dennoch duldet er die Parallelwelt seines Sohns. „Insgeheim“, sagt Kyaw Kyaw, „ist er auch gegen unsere Regierung.“

          „Wir können nicht den ganzen Tag Punk sein“

          Er war 16 Jahre alt, als er den Punk in sich entdeckte. Ihm habe die Respektlosigkeit der Songs gefallen. Seitdem verehrt er Sid Vicious, den 1979 verstorbenen Bassisten der Sex Pistols. „Sid war einfach wild“, sagt Kyaw Kyaw. So, wie er es gerne auch wäre. Es war die Zeit, als die Oppositionsführerin Aung San Suu Kyi, seine Heldin, wieder mal festgehalten wurde. Während der damalige deutsche Außenminister Joschka Fischer 2003 den burmesischen Botschafter ins Auswärtige Amt einbestellte, verurteilte die Junta zehn Demokratie-Aktivisten wegen Anstiftung zu öffentlichen Protesten zu Haftstrafen zwischen zwei und 28 Jahren.

          Kyaw Kyaw beendete gerade die Schule und musste miterleben, dass er wie die meisten Menschen hier keine schlechten Perspektiven hatte, sondern dass er gar keine hatte. Er stellte fest, dass es kaum Wege nach oben gibt. Damals schlich sich die Auflehnung in sein Denken ein. „Wir können aber nicht den ganzen Tag Punk sein, weil wir unseren Lebensunterhalt verdienen müssen“, sagt Kyaw Kyaw. „Wer hier Punk ist, der ist es aus Überzeugung gegen den beschissenen Polizeistaat. Für uns ist Punk keine Spaßgesellschaft wie für viele unserer Freunde im Ausland. Das können wir uns gar nicht leisten.“ Für ihren Lebensstil, für Klamotten, Musik, Alkohol, brauchen sie eigentlich Geld. Aber es mangelt ihnen an allem. Deswegen wird improvisiert. Ihre Doc-Martens bekommen sie gebraucht von einem Freund, der Punk-Accessoires vertreibt.

          Ein gläubiger Buddhist wird Punk

          Als 2007 während der „Safran-Revolution“ Tausende Menschen, vor allem Mönche, öffentlich protestierten, war auch er unter den Massen. Damals wurden die Demonstranten von der Junta niedergeknüppelt, festgenommen und erschossen. Die wenigen Bilder die es von diesen Szenen gab, gingen um die Welt. „Sie haben unsere Mönche angegriffen“, entsetzt sich Kyaw Kyaw bis heute. Er ist selbst gläubiger Buddhist und verbrachte einige Monate in einem Kloster.

          In der Zeit reifte der Gedanke, sich noch stärker gegen die Regierung aufzulehnen. Deswegen gründete Kyaw Kyaw seine Band, die Rebel-Riots. Er ist Sänger und Songwriter. Die anderen Mitglieder wechseln ständig. Manche bekommen Angst und hören auf, andere haben neben der Arbeit keine Zeit mehr, heimlich Punk zu sein. Auch mit ihrer Musik äußern sie ihren Ärger auf den Staat und die Gesellschaft. Damit sind sie nicht nur Systemkritiker, sondern auch Staatsfeinde.

          Zeichen setzen mit Haarspray und Föhn

          Einmal traten die Rebel-Riots sogar auf einer kleinen Bühne in einem Club auf. Im Video sieht man einen in das Mikrofon brüllenden Kyaw Kyaw, der wild über die Bühne tanzt und sich in die Arme des jubelnden Publikums wirft. Vor der Bühne stehen aufgekratzte Fans, die schwitzen, schreien und ihn auffangen. Aber warum duldete das Regime ihren Auftritt? Warum ist ihnen bisher nichts passiert? „Wir sind eine zu kleine Gruppe, sie nehmen uns nicht ernst“, glaubt Kyaw Kyaw. Außerdem verstehe die Junta nicht, was Punk eigentlich sei. Da irrt er sich, denn die Junta hat ihren Staat fest im Griff. Der Sänger Scum von der Punk-Band System Holocaust sitzt wieder im Gefängnis, weiß Kyaw Kyaw. Scum war erst im vergangenem Jahr aus dem berüchtigten Insein-Gefängnis entlassen worden, damals saß er wegen Rauschgiftbesitzes ein. Nun halte man ihn wegen seiner Kritik am Staat fest.

          Ihre Treffpunkte sind Hinterhöfe, Keller und Wohnungen. Wenn er und seine Freunde feiern wollen, dann müssen sie lange sparen. In einer schwülen Mittwochnacht trifft sich Kyaw Kyaw mit zwei Freunden, die sich Ku Ku und Metal nennen. Sie gehen zu Metal, durchqueren das Zimmer, in dem die Familie schläft, und ziehen den Vorhang zur Küche zu. Dann holen sie einen Plastikfön und eine Dose Haarspray hervor und frisieren Kyaw Kyaw zwei Stunden lang. Am Ende stehen ihm seine Haare in wie Stachel ab, genau wie bei den beiden anderen

          „Ich hasse diesen Staat, weil ich ein Mensch bin!“

          Erst um zwei Uhr morgens ziehen die drei los, um zu feiern. Mit einem klapprigem Taxi fahren sie zu einem Hochhaus. „Heute Abend machen wir durch“, freut sich Kyaw Kyaw, „denn wir sind Punks.“ Sie laufen die acht Stockwerke hinauf zu der Bar, der Fahrstuhl ist kaputt. Es gibt kein Licht. Verrostete Rohre und Müll liegen auf den schmutzigen Steintreppen, die in den Club führen, der eigentlich nur ein tristes Hotelzimmer ist, das sie für eine Nacht mieten. Es stinkt, die Toilettentür fehlt, Neonlicht erhellt den fiesen Raum.

          Aber es ist eine feindfreie Zone, die sie sich manchmal gönnen können. Sie setzen sich auf ein abgewetztes Sofa, rauchen und schwatzen. Sie legen sich mit ihren schweren Schuhen gemeinsam auf das durchgelegene Doppelbett und schauen sich Filme auf einem Laptop an. „Normalerweise schauen wir Pornos“, sagt Kyaw Kyaw. „Aber heute natürlich nicht.“ Plötzlich dreht sich Ku Ku um und fragt: „Weißt du warum ich diesen Staat hasse?“ Er gibt sich die Antwort selbst: „Weil ich ein Mensch bin.“ Ku Ku lächelt, aber sein Gesicht wirkt traurig. Er hat vor drei Jahren seine Tochter und seine Frau im verheerenden Wirbelsturm Nargis verloren, der vor allem Burma schwer traf. Die Regierung habe ihm nicht geholfen. Die Zehntausenden Opfer im ganzen Land seien im Stich gelassen worden. Seit diesem Schicksalsschlag ist auch Ku Ku Punk.

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