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Rangun : Punk gegen den Polizeistaat

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Viele der alten Machthaber haben aber nur die Uniform abgelegt und sind weiter aktiv. Die Nomenklatura hat die Macht nur neu unter sich aufgeteilt. So etwas ist möglich in einem Land, in dem es keine Bürgergesellschaft gibt und die Opposition gegängelt wird. Trotz Rohstoffreichtum beträgt das Bruttoinlandsprodukt durchschnittliche 1600 Dollar pro Kopf und Jahr. Wer hier arm ist, der bleibt es mit großer Wahrscheinlichkeit. Auch deswegen ist Kyaw Kyaw Punk. Er hat es satt, keine Chancen zu haben.

„Mein Vater ist auch gegen die Regierung“

Ein Punk zu sein, das ist für ihn auch ein Ausweg aus dem beengenden Alltag, in dem es keine Privatsphäre gibt. Sein Zuhause ist ein großes Zimmer, in dem er mit seinen Eltern und den zwei Brüdern lebt. Eine Plastikplane auf dem Dach soll den Regen abhalten, die Wände sind voll mit Familienfotos und Postern von Fernsehstars. Eine provisorische Trennwand teilt den Raum. In einer Ecke stehen drei Fernseher mit angeschlossenen Playstations, mit denen er sein Gehalt aufbessert. Wer es sich leisten kann, darf hier zocken und zahlt ihm dafür einige Kyat.

Nach Meinung seiner Eltern soll ihr Junge endlich seine Freundin heiraten, statt sich seltsam zu kleiden und komische Musik zu hören. Während er sich abends fertigmacht, sitzen sie auf ihren Plastikstühlen. In Wickelröcke gekleidet, schauen sie ihrem Sohn zu, wie er sich in einen Rebellen verwandelt. Sein Vater arbeitet für den Staat, gegen den sein Junge sich auflehnt. Dennoch duldet er die Parallelwelt seines Sohns. „Insgeheim“, sagt Kyaw Kyaw, „ist er auch gegen unsere Regierung.“

„Wir können nicht den ganzen Tag Punk sein“

Er war 16 Jahre alt, als er den Punk in sich entdeckte. Ihm habe die Respektlosigkeit der Songs gefallen. Seitdem verehrt er Sid Vicious, den 1979 verstorbenen Bassisten der Sex Pistols. „Sid war einfach wild“, sagt Kyaw Kyaw. So, wie er es gerne auch wäre. Es war die Zeit, als die Oppositionsführerin Aung San Suu Kyi, seine Heldin, wieder mal festgehalten wurde. Während der damalige deutsche Außenminister Joschka Fischer 2003 den burmesischen Botschafter ins Auswärtige Amt einbestellte, verurteilte die Junta zehn Demokratie-Aktivisten wegen Anstiftung zu öffentlichen Protesten zu Haftstrafen zwischen zwei und 28 Jahren.

Kyaw Kyaw beendete gerade die Schule und musste miterleben, dass er wie die meisten Menschen hier keine schlechten Perspektiven hatte, sondern dass er gar keine hatte. Er stellte fest, dass es kaum Wege nach oben gibt. Damals schlich sich die Auflehnung in sein Denken ein. „Wir können aber nicht den ganzen Tag Punk sein, weil wir unseren Lebensunterhalt verdienen müssen“, sagt Kyaw Kyaw. „Wer hier Punk ist, der ist es aus Überzeugung gegen den beschissenen Polizeistaat. Für uns ist Punk keine Spaßgesellschaft wie für viele unserer Freunde im Ausland. Das können wir uns gar nicht leisten.“ Für ihren Lebensstil, für Klamotten, Musik, Alkohol, brauchen sie eigentlich Geld. Aber es mangelt ihnen an allem. Deswegen wird improvisiert. Ihre Doc-Martens bekommen sie gebraucht von einem Freund, der Punk-Accessoires vertreibt.

Ein gläubiger Buddhist wird Punk

Als 2007 während der „Safran-Revolution“ Tausende Menschen, vor allem Mönche, öffentlich protestierten, war auch er unter den Massen. Damals wurden die Demonstranten von der Junta niedergeknüppelt, festgenommen und erschossen. Die wenigen Bilder die es von diesen Szenen gab, gingen um die Welt. „Sie haben unsere Mönche angegriffen“, entsetzt sich Kyaw Kyaw bis heute. Er ist selbst gläubiger Buddhist und verbrachte einige Monate in einem Kloster.

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