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Racheakt auf Pendlerparkplatz : Lynchjustiz in Südbaden

Gut einsehbar: der Pendlerparkplatz beim Grenzübergang in Neuenburg Bild: Polizeipräsidium Freiburg

Ein 17 Jahre alter Mann tötet in Südbaden auf einem Pendlerparkplatz den mutmaßlichen Vergewaltiger seiner Schwester. Der ebenfalls anwesende Vater des Mannes kann die Tat nicht verhindern.

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          Auf einem gut einsehbaren Parkplatz an der deutsch-französischen Grenze in der Nähe von Freiburg rächte der 17 Jahre alte Bruder die Vergewaltigung seiner 26 Jahre alten Schwester: 23 Mal verletzte er den 27 Jahre alten Patrick H. mit dem Messer. Die französischen Feuerwehrleute und französischen Rettungssanitäter sind wenige Minuten später auf dem Parkplatz, der von der Straße und aus den vorbeifahrenden Zügen gut einsehbar ist. Der Notarzt versucht noch Patrick H., den mutmaßlichen Vergewaltiger, zu reanimieren, doch der vorbestrafte Mann stirbt noch auf dem Parkplatz.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Am Abend des 12. Juni war die aus einer libanesischen Einwandererfamilie stammende Frau von Patrick H. auf einem Feldweg vergewaltigt worden. Die Frau erkannte ihren Vergewaltiger sofort und erstattete umgehend Anzeige, schon am 13. Juni erließ die Staatsanwaltschaft Freiburg Haftbefehl. Die Polizei fahndete in Südbaden, sie wollte den Verdächtigen aber mit einer öffentlichen Fahndung nicht aus der Region und dem ihm vertrauten Markgräfler Land vertreiben. Obwohl bei einer schweren Vergewaltigung eine Telefonüberwachung möglich ist, verzichtete die Polizei hierauf, auch weil Ermittler niedrigschwellige Möglichkeiten haben, die Kommunikation von Verdächtigen – zum Beispiel in den sozialen Netzwerken – zu überwachen.

          „Die Polizei hatte keine Erkenntnisse“

          Nach Darstellung der Polizei soll der Bruder über die Vergewaltigung seiner Schwester sehr verbittert gewesen sein. „Die Polizei hatte keine Erkenntnisse, dass die Situation nach der Vergewaltigung eskalieren könnte“, sagte Kriminaloberrat Michael Granzow. Über einen Bekannten gelang es dem Bruder, Patrick H. am Abend des 18. Juni auf den Pendlerparkplatz in der Nähe des Grenzübergangs zu locken. Ein Bekannter des mutmaßlichen Bruders hatte Patrick H. Marihuana oder Haschisch angeboten – wahrscheinlich über ein soziales Netzwerk. Patrick H. lief in die Falle und traf auf dem Parkplatz auf seine späteren Mörder. „Wir wissen, dass die Familie auf den späteren Täter mäßigend eingewirkt und ihn aufgefordert hat, sich auf die Polizei zu verlassen.“ Möglicherweise begleitete der 48 Jahre alte Vater seinen Sohn auch deshalb auf den Parkplatz. Er konnte die Tat aber nicht verhindern.

          Durch einen Hinweis aus einer der beteiligten Familie, konnte die Polizei noch am Abend des 18. Juni die drei Männer, die Patrick H. auf dem Parkplatz gelockt hatten, festnehmen. Gegen sie wurde Haftbefehl wegen gemeinschaftlichen Mordes erlassen. Der Bekannte des Bruders, der für die Anbahnung des vermeintlichen Rauschgiftgeschäfts gesorgt hatte, wurde als vierter Tatverdächtiger am Donnerstagmorgen verhaftet, dann aber wieder frei gelassen, weil der Tatverdacht nicht ausreichend war. „Es gibt einen Täter, der auf das Opfer eingestochen hat, welche Rolle der Vater beim Tatgeschehen spielte, muss nun noch ermittelt werden“, sagte Granzow.

          Oberstaatsanwalt Dieter Inhofer sagte, Hinweise auf einen gezielten „Feme-Mord“ gebe es bislang nicht. „Aber Selbstjustiz ist in unserer Rechtsordnung ein absolutes Tabu: Das ist ein Gesichtspunkt, den das Gericht berücksichtigen muss. Für die Bewertung des Tatgeschehens spielt das eine ganz entscheidende Rolle“, so Inhofer. Über die libanesische Familie, aus der die vergewaltigte Frau und der mutmaßliche Mörder des Vergewaltigers stammen, ist bislang – auch aus Gründen des Opferschutzes – wenig bekannt. Die Kinder wuchsen im Markgräfler Land in der Nähe von Neuenburg und Müllheim auf; der Vater solle für eine gewisse Zeit in den Libanon zurückgekehrt sein. Die vergewaltigte Frau und ihr Vergewaltiger kannten sich aus der Schulzeit nur oberflächlich.

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