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Radikalisierung der Querdenker : „Es sind Rufe nach Exekutionen“

Polizisten sichern die Tankstelle in Idar-Oberstein, nachdem dort ein Angestellter erschossen wurde. Bild: dpa

Nach dem tödlichen Angriff auf den Kassierer einer Tankstelle in Idar-Oberstein zeigen sich Politiker entsetzt vom Ausmaß der Radikalisierung des Täters. Kenner der Verschwörungstheoretiker-Szene sind dagegen weniger überrascht.

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          Der tödliche Angriff auf den Kassierer einer Tankstelle in Idar-Oberstein und die Reaktionen darauf in rechtsextremen Kreisen sorgen für Entsetzen. „Die Radikalisierung des Querdenkermilieus bereitet mir große Sorgen“, schrieb die Kanzlerkandidatin der Grünen, Annalena Baerbock am Dienstag auf Twitter. Zuvor hatte sie sich erschüttert darüber gezeigt, dass ein junger Mann, „der nur darum bat, die geltenden Regeln zu befolgen, umsichtig und solidarisch zu sein“, erschossen wurde. Ähnlich wie Baerbock reagierte CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak. „Ein junger Mensch wird nahezu hingerichtet, weil er auf die Maskenpflicht hinweist“, schrieb Ziemiak auf Twitter und sprach von einem „unfassbaren Maß an Radikalisierung“. SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz erklärte, der Täter müsse „hart bestraft werden“.

          Sebastian Eder
          Redakteur im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.
          Julian Staib
          Politischer Korrespondent für Hessen, Rheinland-Pfalz und das Saarland mit Sitz in Wiesbaden.

          Im Streit über das Tragen einer Mund-Nasen-Bedeckung soll ein 49 Jahre alter Mann einem 20 Jahre alten Mitarbeiter einer Tankstelle in Idar-Oberstein am Samstagabend in den Kopf geschossen und damit getötet haben. Der Beschuldigte ist Deutscher, er hat die Tat nach Angaben der Staatsanwaltschaft Bad Kreuznach gestanden. Gegen ihn erging Haftbefehl, er wird des Mordes aus niedrigen Beweggründen verdächtigt. Der Beschuldigte befindet sich in Untersuchungshaft.

          Der Tatablauf sei „ziemlich klar“, sagte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft der F.A.Z. Es gebe umfangreiche Videoaufnahmen. Den Angaben zufolge hatte der Verdächtige den Verkaufsraum der Tankstelle zunächst ohne Maske betreten und zwei Sechserpack Bier auf den Tresen an der Kasse gestellt. Der Staatsanwaltschaft zufolge gab er an, die Maske vergessen zu haben. Der Kassierer wies den Mann auf die Maskenpflicht hin – woraufhin der Mann den Ermittlungen nach den Raum verließ und dabei drohend die Hand hob. Anschließend sei er mit Maske zurückgekehrt, habe wieder ein Sechserpack Bier genommen und sei zur Kasse gegangen. „Dort setzte er die Mund-Nasen-Bedeckung ab“, sagte der zuständige Oberstaatsanwalt Kai Fuhrmann. Der Kassierer habe den Mann abermals auf die Einhaltung der Maskenpflicht hingewiesen. Daraufhin habe dieser die Waffe gezogen und dem Mitarbeiter der Tankstelle „gezielt von vorne in den Kopf“ geschossen.

          Nach Angaben der Staatsanwaltschaft sagte der mutmaßliche Täter aus, dass er die Corona-Maßnahmen ablehne. Zum Motiv habe er angegeben, dass ihn die Situation rund um die Pandemie stark belaste. Der Beschuldigte habe sich in die Ecke gedrängt gefühlt und „keinen anderen Ausweg gesehen“, als ein Zeichen zu setzen. Das Opfer schien ihm dabei „verantwortlich für die Gesamtsituation, da es die Regeln durchgesetzt habe“, sagte Fuhrmann. Der 20 Jahre alte Student lebte der Stadtverwaltung zufolge in Idar-Oberstein, mit seinem Job an der Tankstelle wollte er sich Geld für einen Führerschein verdienen.

          Der Beschuldigte ist nach Angaben der Staatsanwaltschaft bisher nicht polizeibekannt. Bei einer Durchsuchung seines Hauses in Idar-Oberstein wurde den Angaben zufolge die mutmaßliche Tatwaffe sowie eine weitere Waffe und Munition gefunden. Der Beschuldigte hatte keine Waffenerlaubnis, die Herkunft der Waffen ist bisher unklar. Bei der Hausdurchsuchung seien auch Beweismittel sichergestellt worden, sagte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft. Elektronische Medien würden nun ausgewertet. Ob der Beschuldigte etwa Teil der sogenannten Querdenker ist, sei Gegenstand von Ermittlungen. Laut der Deutschen Presse-Agentur wurde am Dienstag aus Ermittlerkreisen bekannt, dass der Mann in den Theorien der Corona-Leugner „bewandert“ sei. „Er kennt die Quellen und hat auch angegeben, dass er sich da schlau gemacht hat“, hieß es demnach. Der Beschuldigte sei als Selbständiger in der IT-Branche tätig.

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