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Droge aus dem Jemen : Flucht in den Rausch

Dass der Anbau der Pflanze Unmengen Wasser verbraucht, kümmert Qat-Händler und -Käufer nicht. Bild: Sanaa Center for Strategic Studies

Während im Jemen der Krieg tobt und eine Hungersnot droht, blüht der Handel mit Qat. Die Droge lässt das Elend vergessen – und befeuert es.

          2 Min.

          Qat kommt immer durch. Baschir Samedy und Mahadi Ali Ahmed sind bester Dinge. Der lukrative Handel mit den Trieben des Qat-Strauches hat die beiden zu Partnern gemacht – und zu sehr wohlhabenden Männern. Jeden Tag rollt ihr Lastwagen mit Nachschub von den Großmärkten im Westen in die Provinz Marib, wo sie ihr Geschäft betreiben.

          Christoph Ehrhardt

          Korrespondent für die arabischen Länder mit Sitz in Beirut.

          Marib liegt in jenem Teil des Jemens, der von der Regierung unter Präsident Abd Rabbo Mansur Hadi kontrolliert wird. Das Hochland um die Hauptstadt Sanaa mit seinen Qat-Plantagen liegt im Reich der Houthi-Rebellen, ihrer Feinde. Aber die Ware muss ankommen, Krieg hin oder her. Mühsam und gefährlich sei der Transport schon, sagt Samedy. Die Großmärkte liegen jenseits der Front, die Fahrer werden manchmal von aufflammenden Gefechten zu langen Pausen gezwungen und geraten aus Versehen ins Kreuzfeuer. „Aber niemand schießt auf einen Qat-Fahrer“, sagt Samedy. „Alle kennen uns.“

          Im Jemen mag ein Krieg toben, das Land mag auf eine Hungerkatastrophe zusteuern – auf den rituellen, geselligen Rausch am Nachmittag wollen die Jemeniten unter keinen Umständen verzichten. Es ist leichter, Qat unters Volk zu bringen als Hilfsgüter. Es macht der Bevölkerung offenbar nichts aus, dass der Qat-Anbau die Hungersnot befördert, weil die Bauern lieber den pflegeleichten Strauch pflanzen als Obst oder Getreide.

          Es stört die Leute offenbar nicht, dass der Verbrauch des ohnehin schon sehr knappen Grundwassers die Cholera-Epidemie begünstigt. Dass Qat-Konsum Zähne und Magen ruiniert, Schleimhautentzündungen und Schlafstörungen verursacht. Die Händler aus Marib wischen solche Einwände beiseite. Jeden Nachmittag werden die Bündel der frischen Triebe verteilt und gewaschen. Dann wölben sich die Wangen der Kauenden, die die bitteren Qat-Blätter zu einem grünen Klumpen zermalmen, der eine milde, anregende Wirkung entfaltet. Es ist, als würde sich der Jemen dann eine Pause vom Krieg gönnen. Samedy nennt es „einen täglichen Mittagsschlaf“.

          Dieser Artikel stammt aus der Frankfurter Allgemeine Woche.

          In aller Munde: Gekaut entfalten die Qat-Blätter ihre Wirkung.

          Der Qat-Anbau fördert die Hungersnot

          Sein Partner Mahadi Ali Ahmed ist vom Krieg vertrieben worden. Früher betrieb er in der Hafenstadt Hodaida eine Autowerkstatt. Für ihn war der Qat-Handel der Weg des Aufstiegs. In diesem Geschäft könnten auch einfache Leute Geld machen, die keine gute Ausbildung genossen hätten, sagt er. Jetzt stehe er in gutem Kontakt zu den Mächtigen, denn jeder habe gerne gute Beziehungen zu den Qat-Händlern. „Gelobt sei Gott, es läuft sehr gut.“ Es sei auch nicht schwierig, ins Geschäft zu kommen: Man kaufe beim Großhändler ein, besorge sich einen guten Fahrer, der die Leute an den Checkpoints kenne, ein guter Fahrer sei Gold wert und verkaufe die Ware wieder. Und weil Qat so reichlich vorhanden ist wie die Kundschaft, gibt es auch keine Qat-Kartelle. „Man kann Qat nicht monopolisieren“, erklärt Baschir Samedy. „Die Bauern müssen es ernten, weil es sonst verdirbt. Man kann Qat auch nicht lagern.“

          Versuche in der Vergangenheit, den Konsum einzudämmen, sollten sie überhaupt ernsthaft gewesen sein, haben keine Ergebnisse gezeitigt. Die Wasserverschwendung der Qat-Bauern wurde staatlich subventioniert, auch unter den Mächtigen im Jemen gibt es einige, die gut an dem Handel mit Qat verdienen. Als 2011 die Massenproteste der Arabellion das bitterarme Land erfassten, mögen die Leute in Sanaa zwar die harte Hand der Sicherheitskräfte zu spüren bekommen haben. Aber auch damals herrschte in der Hauptstadt kein Mangel an Qat.

          Die Alltagsdroge ist fester Bestandteil des Krieges. Vor Offensiven werden die berauschenden Triebe an Soldaten verteilt. „Qat kommt vor der Munition“, sagt ein junger Soldat, der mit einem zertrümmerten Bein im Krankenhaus von Marib liegt, allenfalls halb im Scherz. „Mit Qat ist es einfacher zu kämpfen. Dann ist die Erregung größer.“ Dass viele Soldaten ohne Qat nicht kämpfen würden, bestätigen auch die Händler Baschir Samedy und Mahadi Ali Ahmed. Die Kommandeure verteilten allerdings nur günstiges Zeug, nicht die Premiumware aus Arhab, einem Distrikt nördlich von Sanaa, sagen sie. Die Armee ist dennoch ein guter Kunde. Rabatt bekommt sie allerdings keinen.

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