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Prozesse : Krankenschwester gesteht vier Morde

  • -Aktualisiert am

Irene B. Bild: AP

Die Krankenschwester Irene B. hat zu Beginn des Prozesses vier Morde an Patienten der Berliner Charité gestanden. Sie sagte, dass es ihr leid tue, „in das Schicksal von Menschen eingegriffen zu haben“. Zwei weitere ihr zur Last gelegte Morde bestritt sie.

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          Zu Beginn des Mordprozesses sagt Irene B., dass es ihr heute leid tue, „in das Schicksal von Menschen eingegriffen zu haben“. Sie wisse, dass das eine Straftat sei: „Dafür werde ich büßen müssen.“ Erst werde sie hören, was die Zeugen vor Gericht sagten, dann werde sie eventuell noch einmal reden. Bis dahin hat ihr Anwalt das Wort. Er verliest am Mittwoch vor dem Landgericht Berlin das Geständnis: Sie gebe zu, vier ihrer Patienten auf der Intensivstation der Charité umgebracht zu haben - zu deren Wohl. Es tue ihr leid, dass die Angehörigen im Strafprozess den Verlust noch einmal durchleben müssten.

          Die Staatsanwaltschaft wirft der 54 Jahre alten Krankenschwester sechs Morde und zwei Mordversuche vor. Sie habe aus Heimtücke und niederen Beweggründen gehandelt: „Aus Machtwillen“ habe sie sich als „Herrscherin über Leben und Tod“ aufgespielt. Vier Morde, begangen zwischen August und Anfang Oktober 2006, gibt Irene B. zu. Die anderen Taten bestreitet sie. Am 4. Oktober 2006 wurde sie festgenommen, am 5. Oktober wurde Haftbefehl erlassen. Seither sitzt Irene B. in Untersuchungshaft, wo sie nach eigenen Angaben Zeit hat, über sich nachzudenken. Sie versuche, „Gott dem Herrn“ ihr Handeln zu erklären. Auch lese sie viel, Rosa Luxemburg zum Beispiel.

          Wieder starb jemand bei Irene

          Über die Aussagen zweier jüngerer Kollegen hat sich Irene B. am Mittwoch nicht zu beklagen. André S. äußert sich respektvoll über sie und ihre Arbeit. Dabei war ihm schon am 16. August 2006 etwas komisch vorgekommen. Da hatte Irene B. einem 77 Jahre alten Patienten, der als hoffnungslos krank galt, gegen die Verabredung der Ärzte, ihn nicht weiter mit Medikamenten zu behandeln, noch zwei Mal Spritzen verabreicht, bevor er starb. S. hatte eine Ampulle sichergestellt, zwei Kollegen unter dem Siegel der Verschwiegenheit von seinen Beobachtungen erzählt, und war kurz drauf in Urlaub gefahren. Einer der beiden brach sein Schweigeversprechen, als ein Arzt ihm scherzhaft berichtete, es sei „wieder jemand bei Irene gestorben“. Er habe sie, berichtet er am Mittwoch vor Gericht, von da an „sorgfältig beobachtet“. Irene B. fragt ihren ehemaligen Kollegen: „Hättest du, wenn du mich angesprochen hättest, eine ehrliche Antwort erwartet?“ Der Kollege hört den Unterton, kann ihn aber nicht deuten - und antwortet nicht.

          Der Aushang des Prozesses

          Die Kollegen berichten, wie Irene B. sich in den letzten Monaten vor der Entdeckung veränderte. Sie sei „unsanfter, ungehaltener, gelegentlich ruppig“ gegenüber Patienten gewesen, sei ihren Kollegen „kaputter“ erschienen. „Und warum ist niemand von Ihnen Schlaubergern auf die Idee gekommen, die Polizei zu rufen?“ fragt der Vorsitzende die zwei Kollegen von Frau B., nachdem er sie darauf hingewiesen hat, dass sie sich als Zeugen nicht selbst belasten müssen. Sie seien sich eben nicht sicher gewesen, sie hätten es ja nicht mit eigenen Augen gesehen, sie hätten es sich nicht vorstellen können. Allein die Vorstellung, eine Kollegin könne Menschen töten, statt Leben zu retten, sei ihnen „abwegig“ erschienen. So verstrichen Wochen zwischen dem Tag, an dem Pfleger S. das Verhalten von Irene B. am Bett des Patienten A. „komisch vorkam“, und dem Tod des 62 Jahre alten Hugo M. am 2. Oktober, nach dem Schwester Irene festgenommen wurde.

          Als jemand starb, hat sie schallend gelacht

          Irene B. stand ein Gespräch wegen Vorwürfen bevor, sie habe sich aggressiv gegenüber Patienten verhalten. Für ihren sensiblen und geduldigen Umgang mit Angehörigen sei sie bekannt und unter Kollegen geachtet gewesen, sagen die Pfleger. Vorschläge, sich mehr auszuruhen und weniger zu arbeiten, habe sie abgelehnt. Während der Arbeit habe sie auf freudlose Art gesungen und gepfiffen. Einmal habe sie auf die Nachricht vom Sterben eines Patienten hin schallend gelacht. Zur Rede gestellt, habe sie sich dafür entschuldigt.

          Der Stationsarzt berichtet, er habe zu Beginn seiner Tätigkeit auf der Intensivstation mit Irene B. während einer langwierigen Reanimation einen lautstarken Konflikt gehabt: Nach einiger Zeit vergeblichen Bemühens habe sie weitere Anstrengungen für sinnlos erklärt und habe die Beatmungsmaschine abstellen wollen. Diesen Vorfall habe er häufiger als Anekdote benutzt, um jungen Ärzten klarzumachen, dass sie diagnostische und therapeutische Entscheidungen auch gegenüber dem Pflegepersonal durchzusetzen hätten. Über Sterbehilfe werde auf der Intensivstation ständig gesprochen, sagen die Pfleger. Irene B. sei nicht durch „besonders radikale“ Positionen aufgefallen. Sie sei dafür gewesen, „Patienten nicht weiter zu quälen“. So denke mancher Pfleger.

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