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Prozessdrama um Amanda Knox : Ehemaliger Freund darf Italien nicht verlassen

  • -Aktualisiert am

Amanda Knox, aufgenommen im November 2013 Bild: REUTERS

Ihre Verurteilung zu 28 Jahren Haft für den Mord an Meredith Kercher ist ein Schock für Amanda Knox und Raffaele Sollecito. Den Italiener Sollecito hat die Polizei nahe der Grenze zu Österreich aufgegriffen, ob er das Land verlassen wollte, ist unklar.

          Die Amerikanerin Amanda Knox und ihr früherer Freund Raffaele Sollecito haben geschockt auf ihre erneute Verurteilung für den Mord an der Britin Meredith Kercher reagiert. „Ich bin erschreckt und traurig über dieses ungerechte Urteil“, erklärte die 26 Jahre alte Knox in einem ersten Statement nach dem Schuldspruch am späten Donnerstagabend. Der drei Jahre ältere Italiener Sollecito nahm die Entscheidung nach Angaben seiner Anwälte bestürzt und ungläubig auf.

          Sollecito ist in der Nacht unweit der Grenze zu Slowenien und Österreich aufgegriffen worden. Die Polizei informierte den früheren Freund von Amanda Knox über das vom Gericht in Florenz verhängte Ausreiseverbot wegen Fluchtgefahr, wie italienische Medien am Freitag berichteten. Sein Pass sei eingezogen worden. Der Italiener wird nicht verhaftet, weil das Urteil vom Vorabend nicht rechtskräftig ist.

          Das Berufungsgericht in Florenz hatte Knox zu 28 Jahren und sechs Monaten sowie Sollecito zu 25 Jahren Haft verurteilt. Amanda Knox war aus Furcht vor abermaliger Haft gar nicht erst angereist, sondern zu Hause in Seattle geblieben. Der heute 29 Jahre alte Raffaele Sollecito, ihr italienischer Freund aus Studientagen, war dagegen am Morgen zum Prozess vor dem Berufungsgericht in Florenz gekommen: „Die Leute, die es auf mich abgesehen haben, hätten nicht gedacht, dass ich komme.“ Zur Urteilsverkündung am Abend aber erschien er nicht. Vielleicht ahnte er das Ende.

          Nie zurück nach Italien

          Amanda Knox will niemals freiwillig nach Italien zurückkehren. „Sie werden mich fangen und mich tretend und schreiend in ein Gefängnis zurückzerren müssen, in dem zu sein ich nicht verdient hätte“, sagte die 26 Jahre alte Knox der Londoner Zeitung „The Guardian“ kurz vor ihrer erneuten Verurteilung. „Ich werde für meine Unschuld kämpfen“, bekräftigte Amanda Knox.

          Mit der Verurteilung von Knox ging am späten Donnerstagabend der vierte Prozess gegen die amerikanische Studentin wegen des Mordes an ihrer Kommilitonin Meredith Kercher im Jahr 2007 zu Ende. Damit wurde das Urteil der ersten Instanz im Wesentlichen bestätigt. Die Staatsanwaltschaft hatte für Knox 30 Jahre, für Sollecito 26 Jahre Haft gefordert.

          Widersprüche und Ungereimtheiten

          Elf Stunden lang hatten zuvor die zwei Richter und sechs Schöffen beraten. Am Morgen hatte der Verteidiger der mittlerweile 26 Jahre alten Amanda Knox noch festgestellt, das Wissen über ihre Unschuld sei „nun felsenfest“. Er warte das Urteil gelassen ab. „Man kann niemanden bestrafen, weil er als wahrscheinlich schuldig angesehen wird.“

          Gut sechs Jahre nach der Tat endet der letzte Prozess in einer Folge spektakulärer Knox-Verfahren, die von widersprüchlichen Aussagen der Angeklagten, zahlreichen Ungereimtheiten bei der Suche nach Handlungsabläufen und Motiven sowie von Ermittlungspannen und schwachen Indizien gekennzeichnet war. Zudem führte der Prozess in Amerika zur Kritik an Italiens „mittelalterlichem“ Rechtswesen, dem sich auch Außenministerin Hillary Clinton anschloss. Und er spaltete Italien: Anhänger verteidigten die „unschuldige Amanda“ gegen die „Verfolgung“ durch jene, die sie als kaltblütigen „Engel mit den Eisaugen“ darstellten.

          Nun endet schon der vierte Prozess

          Auch das neue Urteil ist nicht rechtskräftig; allerdings muss Sollecito seinen Pass abgeben. Bei dem Einspruch, den die Verteidiger der beiden Angeklagten umgehend ankündigten, kehrt das Verfahren zum höchsten Gericht zurück, das dann ein endgültiges Urteil spricht. Im Dezember 2009 waren Knox und Sollecito erstmals zu 26 und 25 Jahren Haft verurteilt worden. Sie saßen in Haft, bis sie im Oktober 2011 in zweiter Instanz freigesprochen wurden. Im März 2013 hob dann das höchste Gericht den Freispruch „wegen zahlreicher Widersprüche und offensichtlicher Unstimmigkeiten“ auf und ordnete den vierten Prozess an, der nun endete.

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