https://www.faz.net/-gum-8bgui

Prozessauftakt gegen Bayer : Die Pille vor Gericht

Sieht sich von Bayer geschädigt: Felicitas Rohrer am Donnerstag im Landgericht in Waldshut-Tiengen Bild: dpa

Eine Frau nahm die Pille von Bayer – und erlitt eine Lungenembolie. Jetzt klagt sie auf Schadenersatz. Es ist nicht das erste Verfahren gegen den Pharmakonzern. In Amerika wurde es sogar richtig teuer.

          Aktionären des Pharmakonzerns Bayer ist sie wohlbekannt: Felicitas Rohrer. Die 31 Jahre alte Frau ist in den vergangenen Jahren mehrmals bei Hauptversammlungen des Unternehmens aufgetreten – mit hochemotionalen Reden und Appellen an das Management, das bei den Aktionärstreffs stets etwas abgehoben auf einem Podium thront. Rohrer nahm einst eine der Verhütungspillen von Bayer ein, die „Yasminelle“ mit dem Wirkstoff Drospirenon; sie macht schwere Nebenwirkungen geltend und will Schadenersatz. Das Landgericht im baden-württembergischen Waldshut-Tiengen verhandelt seit Donnerstag Rohrers Klage gegen den börsennotierten Arzneimittelkonzern, der zu den 30 Mitgliedern des Leitindex Dax zählt.

          Klaus Max Smolka

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Laut Gericht ist es die erste Klage gegen Bayer. Sie läuft demnach seit Juni 2011, nun kam es zum ersten Prozesstag. Gleich nach Beginn wurde der Prozess auf das kommende Jahr vertagt, nach knapp fünf Stunden Verhandlung. Das Landgericht betrete mit dem Verfahren Neuland, sagte der Vorsitzende Richter Johannes Daun. Genaue Termine stehen noch nicht fest.

          Studien haben erhöhtes Thromboserisiko nachgewiesen

          Rohrer erlitt nach eigenen Angaben im Juni 2009 durch Thrombose eine lebensbedrohliche, beidseitige Lungenembolie und ist daran fast gestorben. Nur durch eine Notoperation sei sie gerettet worden, bis heute leide sie unter gesundheitlichen Folgeschäden. Die Pille habe sie dauerhaft körperlich eingeschränkt. Weil sie regelmäßig bestimmte Medikamente einnehmen müsse, könne sie keine Kinder bekommen.

          „Yasminelle“ gehört zu einer Gruppe von Verhütungspillen, Varianten davon sind „Yasmin“ und „Yaz“. Sie sind seit mehr als einem Jahrzehnt auf dem Markt, Bayer hatte sich diese Mittel mit eingekauft, als der Konzern 2006 den Konkurrenten Schering übernahm: jene Berliner Arzneigesellschaft, mit der viele Menschen die „Pille“ überhaupt assoziieren; Schering war einer der Pioniere bei dieser neuartigen Verhütungsweise.

          In Amerika waren Yasmin und die Schwesterprodukte vor längerer Zeit in Verruf geraten, weil ihnen ein erhöhtes Thromboserisiko im Vergleich mit älteren Verhütungspillen nachgesagt wird. Yasmin ist ein Kombinationspräparat mit zwei Hormontypen: Östrogen und Gestagen. Die neue Gestagenvariante Drospirenon soll unter anderem das weitverbreitete Brustspanngefühl lindern. Bei Thrombosen blockiert verklumptes Blut die Gefäße. Nachdem Studien ein erhöhtes Risiko für Drospirenon nahegelegt hatten, befasste sich die amerikanische Aufsichtsbehörde FDA detaillierter mit den Pillen.

          Vergleiche in Amerika waren teuer

          So wurde Bayer in den Vereinigten Staaten schon mit den gefürchteten Sammelklagen konfrontiert, die meist mit hohem finanziellen Risiko verbunden sind. Tausende Frauen richteten sich gegen den Konzern, weil Yasmin oder ähnliche Pillen zu Gesundheitsschäden geführt hätten, „in Einzelfällen auch mit Todesfolge“, wie Bayer im Geschäftsbericht zum Jahr 2014 ausführte. Außerdem legen viele dem Konzern zu Last, nicht ausreichend vor den Risiken gewarnt zu haben. Der Konzern weist alle Vorwürfe zurück. Etwa 5000 Frauen machten deswegen Ansprüche geltend, mit anderen hatte der größte deutsche Arzneikonzern schon Vergleiche geschlossen. Kosten dafür: rund 1,9 Milliarden Dollar. Yasmin, Yaz und Yasminelle sind nicht die größten Kassenschlager von Bayer, aber immer noch die sechstwichtigste Produktgruppe im klassischen Pharmageschäft, Jahresumsatz zuletzt 768 Millionen Euro, mit sinkender Tendenz, denn nach dem Auslaufen von Patenten sind inzwischen billigere Nachahmerprodukte erhältlich.

          Bayer teilte mit, es handele sich in Deutschland nicht um das erste Gerichtsverfahren, drei weitere habe es schon gegeben, mit Schadenersatzansprüchen im Zusammenhang mit Drospirenon. Wo, will das Unternehmen nicht sagen. In einem Fall habe das Gericht die erhobene Schadenersatzklage rechtskräftig abgewiesen. In einem anderen Fall sei ein Antrag auf Prozesskostenhilfe vom Gericht mangels Erfolgsaussichten der Klage zurückgewiesen geworden, sagte ein Sprecher. In einem weiteren Fall habe die Klägerin ihre Schadenersatzklage wieder zurückgenommen und das Gericht das Verfahren daraufhin beendet. Die Entscheidungen seien zwischen Januar 2014 und August 2015 ergangen.

          Weitere Themen

          Es wird wieder heiß in Deutschland

          Bis zu 37 Grad : Es wird wieder heiß in Deutschland

          Der Deutsche Wetterdienst rechnet in der kommenden Woche mit einer mehrtägigen Hitzeperiode. Es kann bis zu 37 Grad heiß werden – auch „Tropennächte“ sind wahrscheinlich.

          Topmeldungen

          Die „USS Boxer“ habe eine „verteidigende Maßnahme gegen eine iranische Drohne ergriffen“, sagte Trump.

          Straße von Hormus : Trump: Iranische Drohne abgeschossen

          Nach wochenlanger Spannung kommt es in der Straße von Hormus angeblich wieder zu einem Zwischenfall: Ein amerikanisches Marineschiff soll eine iranische Drohne zerstört haben. Donald Trump spricht von einer Provokation.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.