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Prozessauftakt : Anschlag auf Richard von Weizsäckers Sohn

Vor Prozessauftakt: der Angeklagte und sein Verteidiger im Gerichtssaal Bild: dpa

Bei einem öffentlichen Vortrag in Berlin im November wurde Fritz von Weizsäcker, der Sohn des ehemaligen Bundespräsidenten, erstochen. Ein 57 Jahre alter Mann muss sich nun für die Tat verantworten.

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          Jahrelang soll Gregor Sch. die Familie von Weizsäcker im Internet ausgeforscht haben. Der 57 Jahre alte schlanke Mann mit schütterem Haar und schmaler Brille sitzt am Dienstag zum Prozessauftakt auf der Anklagebank im Landgericht Berlin. Die Anklage wirft ihm Mord und versuchten Mord vor sowie schwere Körperverletzung. Sch. habe Hass, einen wahnhaften Hass auf Richard von Weizsäcker empfunden, den ehemaligen Bundespräsidenten. Er meinte offenbar, dass Weizsäcker durch seine frühere Tätigkeit für das Pharmaunternehmen Boehringer Ingelheim mitverantwortlich für die Produktion von Agent Orange gewesen sei, einem Entlaubungsmittel, das die amerikanischen Streitkräfte im Vietnam-Krieg einsetzten, wodurch zahlreiche Vietnamesen ums Leben gekommen seien.

          Markus Wehner

          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Sch. wollte laut Anklage diesen Hass ausleben. Und da Richard von Weizsäcker tot war, übertrug er ihn – in der Annahme einer Kollektivschuld – auf dessen ganze Familie. Vor allem die drei Kinder des ehemaligen Staatsoberhaupts hatte er demnach jahrelang im Fokus. Als er im Internet entdeckte, dass der Sohn Fritz von Weizsäcker, Chefarzt in der Berliner Schlossparkklinik, einen öffentlichen Vortrag halten würde, meldete sich der Lagerist aus Andernach in Rheinland-Pfalz telefonisch für die Veranstaltung an.

          Genau vor sechs Monaten, am 19. November, kaufte er sich ein Hin- und Rückfahrtticket nach Berlin und vor der Abfahrt in Koblenz ein Klappmesser. Bevor der Vortrag am Abend in der Schlossparkklinik begann, zerstörte Sch. noch seinen Laptop. Die Polizei sollte keine Daten finden, was ihr später aber doch gelang. Gegen 18.50 Uhr, trägt Staatsanwältin Silke van Sweringen am Dienstag vor Gericht vor, habe sich Sch. während des Vortrags von seinem Platz erhoben und Fritz von Weizsäcker in den Hals gestochen, dabei habe er mit dem Messer die Luftröhre und die Halsarterie getroffen. Der Arzt, Vater von vier Kindern und bei seinen Patienten beliebt, starb kurz darauf.

          Angriff vor Publikum

          Der Polizeibeamte Ferrid B., der am Dienstag im Gerichtssaal anwesend ist, hatte die Veranstaltung privat besucht. Er wollte Fritz von Weizsäcker zu Hilfe kommen, Sch. das Messer entwinden. Doch der stach und schnitt während des Kampfes in den Hals, den Oberkörper und die Hände des Polizisten, an denen er Sehnen durchtrennte. Dennoch konnte B. den Angreifer überwältigen, bis herbeigerufene Kollegen ihm zu Hilfe kamen.

          Sch. ist offenbar psychisch krank, von Schizophrenie ist die Rede. Er ist im Krankenhaus des Maßregelvollzugs untergebracht. Inwieweit seine Schuldfähigkeit eingeschränkt oder aufgehoben ist, soll im Laufe der Hauptverhandlung geklärt werden. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass seine Schuldfähigkeit nur „erheblich vermindert“ war. Offenbar ist es die minutiöse Tatplanung, die eine hohe kriminelle Energie zutage treten ließ, die Zweifel an einer vollkommenen Schuldunfähigkeit begründet.

          Auch der Anwalt Roland Weber geht davon aus, dass es sich bei Sch. um „einen völlig kranken Mann“ handele. Er vertritt die beiden minderjährigen Kinder von Fritz von Weizsäcker, seinen 17 Jahre alten Sohn und seine 14 Jahre alte Tochter. Der Schicksalsschlag habe die Kinder schwer getroffen, sagt er am Rande der Verhandlung. Es sei für sie nicht nachzuvollziehen, dass ihr Vater für etwas büßen sollte, was der Großvater angeblich gemacht habe und was offensichtlich an den Haaren herbeigezogen sei. Die Familie empfinde den Prozess als belastend, sie wünsche sich einen sachlichen Verlauf.

          Ähnlich äußert sich der Anwalt Stephan Maigné, der Beatrice von Weizsäcker vertritt, die Schwester des getöteten Arztes. Sch. habe seinen Hass über Jahrzehnte gehegt, er soll behauptet haben, schon einmal einen Anschlag geplant zu haben. Von seinem Ausspionieren, das auch seiner Mandantin galt, habe die Familie nichts gewusst, sagt Maigné. „Der Schlag kam aus dem Nichts.“

          Sch., der am Dienstag unbekümmert wirkt, will sich im Prozess äußern. Er beginnt auch ein paar Worte zu sprechen, doch sein Verteidiger unterbricht ihn. Für seine Aussage muss der psychiatrische Sachverständige anwesend sein. Der ist an diesem Tag verhindert. In einer Woche will Sch. aussagen.

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