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Mord an Susanna F. : Verscharrt an den Gleisen

Fatale Konsequenz von Gewalt, Trieb, Menschenverachtung: Gedenkstätte nahe dem Ort, an dem Susanna F. gefunden wurde. Bild: Marcus Kaufhold

Am Dienstag beginnt in Wiesbaden der Prozess gegen den mutmaßlichen Mörder der 14 Jahre alten Susanna. Ein Verbrechen in einer Parallelwelt?

          Selbst in der nüchternen Sprache der Staatsanwälte nimmt das, was man sich nicht hatte vorstellen können und wollen, grausige Konturen an. Das Verbrechen an der Schülerin Susanna F. aus Mainz ist, folgt man den Ermittlern, nicht nur im Wesentlichen aufgeklärt. Bis in die Details hinein lässt sich nach ihrer Überzeugung rekonstruieren, was der Vierzehnjährigen in der Nacht auf den 23. Mai 2018 gegen ein Uhr früh in einem Feldstück im Wiesbadener Stadtteil Erbenheim widerfuhr.

          Helmut Schwan

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Ali B., ein zur Tatzeit 21 Jahre alter Iraker, soll von dem Mädchen den Geschlechtsverkehr verlangt haben. Als sie sich geweigert habe, soll er einen Ast genommen, sie damit gewürgt oder ins Gesicht geschlagen haben, um sie gefügig zu machen. Aus Angst habe Susanna dann die Vergewaltigung über sich ergehen lassen. Als sie sagte, sie werde zur Polizei gehen, und er sie nicht davon abbringen konnte, habe er das Mädchen mit dem Arm so lange stranguliert, bis es kein Lebenszeichen mehr von sich gegeben habe. Dann, so die Staatsanwaltschaft, verscharrte er die Tote. Das Erdloch nahe den Bahngleisen war, so genau ist die Rekonstruktion, einen Meter breit, 1,80 Meter lang und 35 Zentimeter tief. Die Leiche wurde erst am 6. Juni gefunden; sie war mit Erde und Ästen bedeckt.

          2015 mit Vater, Mutter und fünf Geschwistern nach Deutschland

          Der Angeklagte hat gestanden, das Mädchen erwürgt zu haben. Die Vergewaltigung bestreitet er nach wie vor. Heimtückischer Mord zur Verdeckung einer Straftat, so lautet der Tenor der Anklage. Der Fall wird von Dienstag an vor dem Landgericht Wiesbaden verhandelt.

          Auf dem Weg ins Gefängnis: Ali B. im Juni vergangenen Jahres

          Er ist, rein kriminologisch betrachtet, in der bundesdeutschen Justizgeschichte einer unter Dutzenden und in gewissem Grad austauschbar in seiner fatalen Konsequenz von Gewalt, Macht, Trieb, Menschenverachtung, womöglich verstärkt durch Drogen und Alkohol. Und doch ist der Fall einer von denen, die aus der Historie des Schreckens der Sexualverbrechen herausragen. Der Fall ist aufgeladen durch Ängste und das – auch politisch missbrauchte – Klischee vom gefährlichen jungen, männlichen Flüchtling und wie es sich auf tragische Weise erfüllt hat. Zudem schwebt über dem Fall der Vorwurf, die Polizei habe zu zögerlich agiert. Und er hat fast filmreife Momente, aus denen einige eine kleine Staatsaffäre konstruieren wollten.

          Ali B. war 2015 mit seiner Familie – Vater, Mutter und fünf Geschwister – nach Deutschland gekommen und hatte Asyl beantragt. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge lehnte ab, sah die Familie nicht als verfolgt an. Danach greifen, wenn man so will, zum ersten Mal die üblichen Abläufe. B. legte Widerspruch ein und klagte gegen den Ablehnungsbescheid. Im Verwaltungsgericht kam die Akte ziemlich weit unten in den Stapel. Eilbedürftig war der Fall aus Sicht der Richter nicht; schließlich würden, selbst wenn der Bescheid des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge bestätigt würde, die Iraker bleiben dürfen. Sie wären jedenfalls geduldet, weil man sie angesichts der Wirren des Bürgerkriegs nicht in ihre Heimat abschieben könnte.

          Vergewaltigung einer Elfjährigen an einem Supermarkt

          Die Familie lebte mit anderen Flüchtlingen in einer Unterkunft, ganz in der Nähe des Ortes, an dem Susanna starb. Ali B. galt bald schon als Intensivtäter. Zuletzt wurde gegen ihn wegen eines brutalen Raubüberfalls Ende April 2018 ermittelt. Und es gab einen Durchsuchungsbeschluss für sein Wohnheim, nachdem der Vater einer Elfjährigen Anzeige erstattet hatte: Seine Tochter sei dort von „einem Ali“ vergewaltigt worden. In der Unterkunft hätten, so erklärte später die Polizei, zu diesem Zeitpunkt vier Männer mit diesem Namen gelebt – weshalb sich die Ermittlungen verzögerten. Inzwischen hat die Staatsanwaltschaft keine Zweifel, dass der Täter Ali B. war. Der Asylbewerber muss sich in dem Prozess vor dem Landgericht deshalb auch wegen Vergewaltigung der Elfjährigen verantworten.

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