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Fall Tugçe Albayrak : Ohne Maß, mit Ziel

Beileidsbekundungen nahe der McDonald’s-Filiale am Kaiserleikreisel in Offenbach. Bild: Marcus Kaufhold

Mutiges Mädchen, brutaler Schläger – das war sofort nach Tugçe Albayraks Tod die reißerische Deutung. Der Prozess zeichnete ein anderes Bild. Und hätte ohne die massive Berichterstattung einen anderen Verlauf genommen.

          7 Min.

          Sanel M., den mittlerweile halb Deutschland kennt, weil er sich im Prozess um die getötete Tugçe Albayrak verantworten muss, ist jüngst vor dem Oberlandesgericht Frankfurt abgeblitzt. Er hatte Beschwerde gegen die Fortdauer seiner sieben Monate währenden Untersuchungshaft eingelegt. Das Gericht sagte nein. Einer der Gründe dafür: Fluchtgefahr. So weit, so normal. Bemerkenswert ist aber die Begründung wiederum dafür. Der Angeklagte werde „wegen der ihm vorgeworfenen Tat in Deutschland massiv bedroht, gegebenenfalls auch aufgrund der umfangreichen und polarisierenden medialen Berichterstattung“. Deshalb sei zu befürchten, dass er sich ins Ausland – insbesondere nach Serbien – absetzen könnte, wo er Verwandte habe.

          Timo Frasch
          Politischer Korrespondent in München.

          Die Befürchtungen des Oberlandesgerichts sind berechtigt. Der Angeklagte war ja noch nicht einmal in der Justizvollzugsanstalt in Wiesbaden vernünftig zu schützen. Ein Mithäftling hat ihm dort mit Verweis auf seinen Schlag gegen den Kopf von Albayrak die Nase gebrochen. Wie also sollte M., würde man ihn in Kürze in die Freiheit entlassen, in Deutschland oder auch nur in seiner Heimatstadt Offenbach zu schützen sein? Nur sehr schwer. Da waren sich am Freitag die Parteien vor dem Darmstädter Landgericht weitgehend einig. Am Dienstag soll dort das Urteil in dem Fall gesprochen werden. Der Oberstaatsanwalt sagte über M.: „Ich möchte nicht in seiner Haut stecken.“ Und einer der Verteidiger: „Das Leben des Angeklagten wird künftig auch von Angst bestimmt sein. Er wird das Rhein-Main-Gebiet verlassen müssen. Schon deshalb wird er sich ein Leben lang mit dieser Tat auseinandersetzen.“

          Der Beschluss des Oberlandesgerichts ist dabei nur ein kleiner Beleg dafür, wie sehr die juristische Aufarbeitung des fatalen Aufeinandertreffens von M. und Albayrak noch immer durch die Bilder bestimmt ist, die unmittelbar danach vom Opfer und vom Täter gezeichnet wurden: Hier die Gute, dort der Böse. Hinzu kam die „Dimension und die Wucht“ des öffentlichen Interesses, von der am Freitag auch der Oberstaatsanwalt sprach. Nun kann man den Medien aus gutem Grund nicht vorschreiben, wofür sie sich – und mit welcher Intensität – zu interessieren hätten. Man kann auch nicht verlangen, dass sie ihre Einschätzungen immer auf Recherchen stützen, die an den Umfang einer gerichtlichen Beweisaufnahme heranreichen. Für die Bürger, die sich ihre Meinungen bilden, gilt das sowieso. Rechtsstaatliche Prinzipien, voran die Unschuldsvermutung, werden deshalb aber nicht obsolet. Im Fall Albayrak konnte man allerdings manchmal den Eindruck haben, dass es doch so sei.

          „Zivilcourage“ möglicherweise nicht in Reinform

          Zwei Beispiele. Zunächst die Traueranzeige, die das McDonald’s-Restaurant, auf dessen Parkplatz die Tat im November verübt wurde, kurz nach dem Tod der jungen Studentin mit türkischen Wurzeln in der „Bild“-Zeitung veröffentlichte. Auf Deutsch und auf Türkisch stand dort geschrieben: „Wir trauern um eine außergewöhnliche Frau, die Zivilcourage gezeigt hat und dabei ihr eigenes Leben verloren hat. Der brutale Überfall auf Tugçe Albayrak hat auch uns, insbesondere die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Restaurants in Offenbach Kaiserlei, fassungslos gemacht.“ Die Anzeige überhaupt sowie ihr Wortlaut lassen sich erklären. Menschlich sowieso, aber auch taktisch.

          Durch die Medienberichterstattung wurde auch der Schutz des Angeklagten Sanel M. zum Thema.
          Durch die Medienberichterstattung wurde auch der Schutz des Angeklagten Sanel M. zum Thema. : Bild: Reuters

          Der Prozess in Darmstadt hat nämlich Hinweise darauf erbracht, dass McDonald’s-Mitarbeiter – wie alle anderen Menschen auch – nicht gefeit sind gegen mögliches Fehlverhalten. Eine Zeugin wunderte sich, warum die Freunde um M., die sich in jener Nacht in dem Schnellrestaurant mindestens auffällig gebärdet hatten, vom Personal nicht zur Raison gerufen wurden. Freundinnen des Opfers erinnerten sich daran, dass sie Schwierigkeiten hatten, im McDonald’s Wasser zu bekommen, um die am Boden Liegende notzuversorgen. Schließlich hat ein McDonald’s-Mitarbeiter noch in der Tatnacht auf Anweisung einer Vorgesetzten den Blutfleck vom Asphalt entfernt, was zumindest aus Sicht der Ermittler nicht besonders schlau war.

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