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Prozess um Tod von Ursula Herrmann : Angeklagter beteuert seine Unschuld

In diesem Verließ am Ammersee wurde Ursula Herrmann festgehalten Bild: dpa

In Augsburg muss sich das Ehepaar M. wegen der Entführung von Ursula Herrmann vor 27 Jahren verantworten. Das damals zehn Jahre alte Opfer erstickte qualvoll in einer Kiste. Der mutmaßliche Täter bestreitet seine Verantwortung.

          6 Min.

          In den Wald geht Werner M. nur zum Pilzesuchen. Er ist kein Spaziergänger. Er kennt sich nicht aus mit Waldarbeiten und Jagdrevieren. Wie soll er da wissen, welche Waldgebiete sich am besten eignen, um dort eine Kiste mit einem Kind darin zu vergraben? Alles an den Haaren herbeigezogen. Ohne jegliche Grundlage. So sieht er es zumindest selbst, als er am Donnerstag zu Beginn des Prozesses schon mal vorsorglich sein auf 20 Seiten niedergeschriebenes und von seinen Anwälten geglättetes Plädoyer in eigener Sache hält.

          Karin Truscheit

          Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Mehr als eine Stunde lang beschreibt Werner M. vor allem Dinge, die er nicht hatte, damals im September 1981, als die zehn Jahre alte Ursula Herrmann verschleppt wurde und in einer Kiste erstickte. Er hatte kein waidmännisches Wissen, um einen Tatort im Wald auszusuchen; keine finanzielle Not, um eine Entführung zu planen; kein Fernglas, um sein Opfer auszuspähen; kein Auto, um das Opfer zu transportieren; keine „Bild am Sonntag“, um daraus Erpresserbriefe zu fertigen; kein Tonbandgerät, um damit Schweigeanrufe bei den Eltern des Mädchens zu tätigen. Kein einziger Holzspan, der zu der Kiste passen würde, sei bei ihm im Haus oder in der Werkstatt gefunden worden, sagt Werner M. „Ich habe keine Kiste gebaut, und ich habe das Mädchen nicht entführt.“

          Es war der erste Schultag nach den Sommerferien

          Die Kiste, in der Ursula Herrmann starb, maß 136 Zentimeter in der Länge, war 59,6 Zentimeter breit und 72 Zentimeter hoch. Außen hatte der Entführer ein 305 Zentimter langes Rohr aus PVC angebracht, das einen Durchmesser von 50 Millimetern hatte. Am Kistendeckel war ebenfalls ein Rohr von 360 Zentimetern Länge angebracht. Beide Rohre waren perforiert, beide hatte der Täter nahezu luftdicht mit Stoff umwickelt. An den Enden waren engmaschige Siebe. In die Kiste hatte er einen Plastikeimer, eine kleine Lampe, ein Transistorradio, Getränke, Lebensmittel, etwas zu lesen und Kleidung gelegt.

          Ursula Herrmann erstickte qualvoll

          Das Erdloch dazu ließ Werner M. nach Angaben der Anklage von einem anderen ausheben. Ein „gutgläubiger Dritter“ habe die Grube, die zu den Maßen der Kiste passte, schon im August oder im September 1981 im Waldgebiet „Weingarten“ zwischen Eching und Schondorf am Ammersee gegraben. Alles weitere erledigten Werner M. und seine Frau Gabriele F.-M., wie die Staatsanwältin vor Gericht erläutert: Am 15. September 1981 wartete Werner M. gegen 19.25 Uhr am Uferweg zwischen Eching und Schondorf am Ammersee. Ursula fuhr gerade mit dem Fahrrad vom Turnunterricht nach Hause, es war der erste Schultag nach den Sommerferien.

          Wenige Stunden nach ihrer Entführung war Ursula Herrmann tot

          Werner M. kannte ihre Wege, hatte er sie doch schon vorher beobachtet. Er riss sie vom Rad und schleppte sie durch den Wald, bis zu der Stelle, an der die Kiste vergraben lag. Dann zwang er das Mädchen in die Kiste, verschloss die Riegel und begrub die Kiste vollständig in der Erde. Auch die Rohre außen an der Kiste sowie die Siebe wurden dabei von Erde bedeckt. Es habe sich ihm aufdrängen müssen, so die Anklage, dass „bei hermetischer Abgeschlossenheit gegenüber der Atmosphäre ein Luftaustausch nicht stattfinden konnte“. Er habe wissen müssen, dass „das Kind binnen kurzer Zeit ersticken werden würde“. Wenige Stunden nach ihrer Entführung war Ursula Herrmann tot.

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