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Polizistenmord von Herborn : Mordprozess an Gleis 2

  • Aktualisiert am

Der Angeklagte beim Ortstermin am Montagabend in einem Zug am Herborner Bahnhof, begleitet von Sicherheitsbeamten. Bild: dpa

Im Prozess um den Mord an einem Polizisten zählt jedes Detail, weshalb es zu einem ungewöhnlichen Ausflug an den Herborner Bahnhof kommt. Dabei läuft nicht alles nach Plan – eine wichtige Frage kann aber geklärt werden.

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          Zu einem ungewöhnlichen Besuch ist es am Montagabend am Herborner Bahnhof gekommen. Grund dafür war der Prozess um den Polizistenmord, bei dem ein heute 28 Jahre alter Fahrgast, der als Schwarzfahrer aufgefallen war, an Heiligabend vergangenen Jahres einen 46 Jahre alten Polizisten erstochen und dessen 47 Jahre alten Kollegen schwer verletzt haben soll.

          Am Montagabend beginnt der Lokaltermin am Tatort: Der Zug mit dem mutmaßlichen Polizistenmörder an Bord fährt in den Bahnhof ein. Er hält auf Gleis 2, genau an der Stelle, wo der heute 28-Jährige vor neun Monaten einen Beamten erstochen und dessen Kollegen schwer verletzt haben soll. Die Türen gehen auf. Richter und weitere Prozessbeteiligte steigen hinzu, um eine wichtige Frage zu klären: Hat der Angeklagte erkennen können, dass sich Polizisten nähern? Die Antwort ist zentral, um den Fall juristisch bewerten zu können.

          Der Ortstermin am späten Montagabend in der mittelhessischen Stadt ist ungewöhnlich für eine Gerichtsverhandlung. „Das ist relativ selten, weil man die meisten Fragen im Gerichtssaal oder mit Sachverständigen klären kann“, erläutert Gerichtssprecher Henrik Gemmer. In diesem Fall aber will sich das Landgericht Limburg, das den mutmaßlichen Mord seit Juni verhandelt, am Tatort ein Bild machen. Denn der Angeklagte hatte ausgesagt, wegen schwieriger Sichtverhältnisse die nahenden Beamten in Uniform aus dem Zug heraus nicht erkannt zu haben. Er habe sich bedroht gefühlt und einen Angriff von Rockern befürchtet. Der Angeklagte argumentiert also mit Notwehr.

          Der Aufwand für den Ortstermin ist groß: Zahlreiche Polizisten und Justiz-Wachtmeister sind im Einsatz, um einen Teil des Bahnsteigs zu sperren und die Zuschauer vor dem Einlass zu kontrollieren. Im Dienst sind allerdings keine Beamten der Polizeidirektion Lahn-Dill, für die die beiden 46 und 47 Jahre alten Opfer arbeiteten. Man habe den Kollegen den Einsatz ersparen wollen, sagt Polizeidirektor Rolf Krämer, „weil die Emotionen noch so stark ausgeprägt sind.“ Auch die anwesenden Angehörigen des getöteten Beamten müssen so dicht am Tatort mit ihren Gefühlen kämpfen.

          Eine Panne sorgt für Verzögerungen

          Das Gericht wählte den Ortstermin am späten Abend, um ähnliches Licht wie zur Tatzeit zu haben. Gegen 7.00 Uhr morgens am 24. Dezember soll der Angeklagte, der zuvor in einem Regionalzug als Schwarzfahrer erwischt worden war, die hinzugerufenen Polizisten attackiert haben. Damit die Situationen damals und heute vergleichbar sind, müssen alle Details stimmen, sagt Gerichtssprecher Gemmer. So können die Prozessbeteiligten wegen einer Panne erst mit einer Stunde Verspätung den Zug betreten. Dieser fuhr zunächst falsch und damit spiegelverkehrt in den Bahnsteig ein. Also muss er zurück nach Gießen, wenden und wieder nach Herborn rollen. Dann wird noch eine Lampe im Zug ausgeschaltet, weil diese zur Tatzeit defekt war.

          Großer Aufwand: Zahlreiche Polizisten und Justiz-Wachtmeister sind beim Ortstermin am Bahnhof im Einsatz, genauso wie alle Prozessbeteiligte.
          Großer Aufwand: Zahlreiche Polizisten und Justiz-Wachtmeister sind beim Ortstermin am Bahnhof im Einsatz, genauso wie alle Prozessbeteiligte. : Bild: dpa

          Schließlich sind alle Prozessbeteiligten - vom Angeklagten bis zur Nebenklage – im Zug. Er wird so für kurze Zeit zum Gerichtssaal. Während der Angeklagte von mehreren Beamten bewacht wird, schauen sich die anderen um. Sie blicken aus den Fenstern und beobachten, wie sich ein Polizeibeamter langsam nähert: Ähnlich wie am Tattag geht er die Treppen zum Bahnsteig hinauf. Dann bleibt er oben etwas entfernt von der geöffneten Tür stehen. Der Vorgang wird noch einmal wiederholt. Nach 15 Minuten ist das Prozedere beendet.

          Und die Erkenntnis? Für den Vertreter der Nebenklage, Jochen Hentschel ist klar: „Es war erkennbar, dass ein Polizeibeamter sich nähert.“ Anklagevertreter Dominik Mies macht keine genauen Angaben zu seinen Beobachtungen, betont aber, dass er keine Notwehrsituation sehe. Das Gericht will nun die Erkenntnisse bei der nächsten Verhandlung erörtern. Die Beamten der Polizeidirektion Lahn-Dill hoffen, dass das Gericht bald das Urteil spricht. „Die Kollegen warten auf das Urteil, um zur Ruhe zu kommen“, sagt Polizeidirektor Krämer.

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