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Pistorius-Prozess : Rätselraten über Reevas letzte Mahlzeit

Steht zu seiner Aussage: der Angeklagte Oscar Pistorius Bild: dpa

Der Prozess gegen Oscar Pistorius geht mit einem harten Kreuzverhör in die Schlussphase. Und mit der Frage: Hatte das Opfer zuvor doch nicht geschlafen?

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          Wann hat Reeva Steenkamp ihre letzte Mahlzeit zu sich genommen? Mit dieser Frage befassten sich Verteidigung und Staatsanwaltschaft am Donnerstag im Prozess gegen Oscar Pistorius. Das Verfahren befindet sich in der Schlussphase, in der die Verteidigung noch einmal zu einem großen Schlag ausholt, berechtigte Zweifel an der Anklage aufkommen zu lassen.

          Claudia Bröll

          Freie Autorin für die Wirtschaft in Südafrika.

          Der unterschenkelamputierte Paralympics-Star hat zugegeben, seine 29 Jahre alte Freundin in der Nacht zum Valentinstag im vergangenen Jahr durch eine geschlossene Toilettentür mit vier Schüssen getötet zu haben. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, nach einem Streit vorsätzlich gehandelt zu haben. Pistorius jedoch blieb auch nach einem harten Kreuzverhör durch Staatsanwalt Gerrie Nel bei der Aussage, einen Einbrecher hinter der Tür vermutet zu haben. Wird der „Blade Runner“ wegen Mordes verurteilt, könnte ihm eine lebenslange Haft bevorstehen.

          Einem von der Staatsanwaltschaft geladenen Pathologie-Professor zufolge fanden sich 200 Milliliter Essensreste in Steenkamps Magen. Das 29 Jahre alte Fotomodell habe nicht länger als zwei Stunden vor ihrem Tod in den frühen Morgenstunden noch Nahrung zu sich genommen. Laut Pistorius jedoch haben die beiden zu der Zeit geschlafen. Sein Anwalt Barry Roux hatte bezweifelt, aus der Analyse des Magens eindeutig die Zeit der Essensaufnahme bestimmen zu können.

          Eine von der Verteidigung geladene Professorin stützte diese Sicht am Donnerstag, weigerte sich jedoch den Pathologen zu kritisieren. Mehrere Faktoren könnten den Verdauungsprozess hinauszögern, sagte die Wissenschaftlerin, die ihre Doktorarbeit über Tod nach Anästhesie geschrieben hatte. Dazu gehörten die Schlafposition, das Alter der Person, Emotionen, Medikamente und die Art des Essens. Auch die Tatsache, dass Steenkamp am Morgen Yoga gemacht habe, könne eine Rolle spielen. Es handle sich nicht um eine „exakte Wissenschaft“.

          Grundsätzlich könnten sich auch sechs Stunden nach dem Essen noch 10 Prozent der Nahrung im Magen befinden. Nel, der wegen seiner harten Vernehmungstaktiken den Beinamen „Bulldogge“ bekommen hat, rechnete vor, Steenkamp habe in diesem Fall mindestens zwei Liter Essen zu sich nehmen müssen. „Sie warnen ihre Patienten (vor einer Operation) nicht davor, ein schweres Pfannengericht zu essen“, setzte er nach, „und jetzt sagen Sie, es sei wichtig“.

          Anfang der Woche hatte die Verteidigung mehrere Nachbarn in den Zeugenstand gerufen. Eine zentrale Rolle spielte die Frage, ob, wann und in welcher Intensität Schreie in der Nacht zu hören gewesen waren, und ob sie von einem Mann oder einer Frau stammten. Verteidiger Roux argumentiert, in der Nacht habe nur Pistorius geschrien, nachdem er seinen angeblichen Irrtum festgestellt hatte. Sollte auch eine Frau zu hören gewesen sein, könnte dies auf einen Streit der beiden hindeuten. Bei Schreien einer Frau stellt sich auch die Frage, weshalb Pistorius in dem Moment nicht aufhörte zu schießen. Die Zeugenaussagen geben noch keinen klaren Hinweis, welche Version wahrscheinlicher ist. Bisher wurden zehn Nachbarn gehört, jeweils fünf  waren von der Staatsanwaltschaft und von der Verteidigung geladen worden.

          Der Paralympics-Sportler, der in dem emotionsgeladenen Verfahren mehrere Male geweint, geschluchzt und sich übergeben hatte, trat in dieser Woche wenig in Erscheinung. Die meiste Zeit blickte er zu Boden. Für Aufsehen sorgte er nur am Dienstag, als Freunde von Steenkamp bei der Staatsanwaltschaft eine formale Beschwerde abgegeben haben.  Der Angeklagte soll sie in einer Verhandlungspause provozierend gefragt haben, wie sie nachts schlafen könnten. Pistorius bestreitet es.

          Eine Sozialarbeiterin, die Pistorius nach der Tat gesehen hatte, sagte am Donnerstag, der Angeklagte habe ernsthaft über den Tod getrauert. Sie wies vehement Anschuldigungen in der südafrikanischen Presse zurück, der Sportler habe Schauspielunterricht genommen und könne auf Knopfdruck weinen. „Ich war dort, um emotionale Unterstützung zu geben. Ich sah einen Mann mit gebrochenem Herzen“.

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