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Prozess um Häftlingstod : „Aus Spaß weghängen“

  • -Aktualisiert am

Tatort Siegburg Bild: REUTERS

Mit umfassenden Geständnissen hat der Prozess gegen die drei mutmaßlichen Mörder eines 20 Jahre alten Häftlings in der JVA Siegburg begonnen. Die Männer gaben zu, den Zellengenossen gequält und zum Selbstmord gezwungen zu haben.

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          In Handschellen werden die drei Angeklagten in den Gerichtssaal S 0.11 des Bonner Landgerichtes geführt. Dort werden sie ihnen abgenommen. Beim Verlassen des Saals – selbst für den Weg zur Toilette – klicken die Schlösser aber sogleich wieder. Die stählernen Fesseln wollen so gar nicht zu den jungen Gesichtern passen. Auch die Vorwürfe, denen sich die drei jungen Männer stellen müssen, scheinen nicht zu ihnen zu passen. Erst recht nicht der Tatablauf, wie ihn Staatsanwalt Robin Faßbender vorträgt. Aus Mordlust und niederen Beweggrünenden sollen Ralf A., 21 Jahre alt, Pascal I., 20 Jahre, und Danny K., 17 Jahre, am 11. November 2006 in der Jugendhaftanstalt Siegburg den 20 Jahre alten Mithäftling Hermann H. gequält, vergewaltigt und dann getötet haben. Es ist eine ungeheuerliche Tat, die bis in die Landespolitik Wellen geschlagen hat (Siehe auch: Video: Prozessauftakt im Mordfall in der JVA Siegburg).

          Ungeheuerlich ist auch die detailreiche Schilderung des Staatsanwaltes. Mit unbewegten Gesichtern folgen die drei jungen Männer den Ausführungen des Anklägers. Sie haben ja längst gestanden, gegenüber den Ermittlungsbehörden. Mit dünnen Stimmen geben sie dem Gericht über ihr bisheriges Leben Auskunft. Auch das will nicht zu den Gesichtern passen, die da auf die Tischplatte starren.

          „Weil ich so wibbelig war“

          Ralf A. weiß nicht, wie alt sein Vater ist. Der Vater ging, als er fünf Jahre alt war. Die Mutter verdiente zeitweise ihr Geld als Prostituierte, jetzt fährt sie Lastwagen. Er selbst ist fünf oder sechs Mal umgezogen und hat die Schule gewechselt. Mehrfach hat er in Heimen gelebt. Die Mutter wollte das Sorgerecht für ihn nicht mehr. Die Hauptschule hat er abgeschlossen, einen Beruf hat er aber nicht gelernt. Zeitweise lebte er unter Obdachlosen. Reichlich Alkohol habe er getrunken und Drogen – Cannabis, Amphitamine, Ecstasy – genommen, bis er wegen eines Einbruchs ins Gefängnis kam. Zwischenzeitlich hatte er auch eine feste Beziehung zu einem Mädchen. Mit ihr zeugte er ein Kind. Als es auf die Welt kam, saß er schon ein.

          Prozessauftakt in Bonn
          Prozessauftakt in Bonn : Bild: dpa

          Pascal I. scheint in einer intakten Familie in Bottrop aufgewachsen zu sein. Er hat einen älteren Bruder und einen jüngeren. Sein Lebensweg verlief recht normal. Die Grundschule besuchte er als mittelmäßiger Schüler. Schwierig sei es auf der Hauptschule geworden. Dort wurde er zunächst einmal versetzt, dann flog er von der Schule. Die neue Hauptschule besuchte er kaum, und die dritte verließ er in der achten oder neunten Klasse mit 14 oder 15 Jahren. So genau will er sich nicht mehr daran erinnern.

          Bis er 18 Jahre alt war, lebte er bei seinen Eltern, die ihn früher schon nicht in ein Heim geben wollten. „Weil ich so wibbelig war“, war er für etwa sieben Wochen in die Kinder- und Jugendpsychiatrie. Zwischen 13 und 14 Jahren begann er mit dem Rauschgiftkonsum, zunächst Cannabis, dann Ecstasy, schließlich Kokain. Das Geld dafür verdiente er sich mit Drogenhandel. 5000 Euro – „mal mehr, mal weniger“ – blieben für ihn monatlich hängen. Auch er hat ein Kind. Es wurde im Februar dieses Jahres geboren. Auch am Abend vor der Tat, so berichtet er jetzt, will er Kokain genommen haben.

          Die Pein nahm kein Ende

          Danny K. ist der jüngste unter den dreien. Deshalb beantragt sein Verteidiger den Ausschluss der Öffentlichkeit für seine Befragung und deutet an, dass er Hemmungen habe, sich zum Verhältnis zu seiner Mutter zu äußern. Das Alter wird auch im Urteil noch eine Rolle spielen. Da Danny K. zur Tatzeit erst 17 Jahre alt war, wird er in jedem Fall nach dem Jugendstrafrecht verurteilt, während auf die beiden anderen das Strafrecht für Erwachsene angewandt wird. Für die Befragung zur Sache aber befindet das Gericht, dass er durchaus öffentlich Stellung nehmen könne.

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