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Priester vor Gericht : An drei Nichten vergangen

Vor Gericht: Der katholische Priester soll seine Nichten missbraucht haben. Bild: dpa

In den neunziger Jahren soll ein katholischer Priester seine drei Nichten sexuell missbraucht haben. Nun muss sich der inzwischen 70 Jahre alte Geistliche vor Gericht verantworten.

          3 Min.

          Nicht einmal 15 Minuten be­nötigt der Staatsanwalt, um den ersten Teil der Anklage gegen den katholischen Priester Hans Bernhard U. zu verlesen. Doch allein das, was in dieser kurzen Zeitspanne in Saal 210 des Landgerichts Köln zu hören ist, dürfte dazu angetan sein, in den Ohrenzeugen jeden erdenklichen Ekel aufsteigen zu lassen. 31 Fälle sexueller Gewalt wirft der Vertreter der Anklage dem mittlerweile 70 Jahre alte Geist­lichen vor. Verübt haben soll er sie zwischen 1993 und 1999 in seiner Wohnung in Gummersbach, die Opfer waren drei Nichten im Kindesalter.

          Daniel Deckers
          in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.

          Berührungen gegen Geschenke, Übergriffe in der Badewanne, Bettszenen mit Mädchen, die vor Schmerzen weinten – der Staatsanwalt spricht hastig, ganz so, als wollte er den Widerwärtigkeiten so wenig Raum geben wie möglich. Doch nicht nur dem Angeklagten und seinen beiden Verteidigern bleibt kein Detail erspart. Der Zuschauerraum des größten Saals des Kölner Justizzentrums ist nur spärlich gefüllt, die Presseplätze hingegen reichen kaum aus.

          Denn das öffentliche Interesse an diesem Prozess ist so groß wie sonst nur bei den Missbrauchsverfahren wie „Bergisch Gladbach“ mit mehreren Angeklagten und Dutzenden Betroffenen. Nach Recherchen der F.A.Z. wusste nämlich nicht nur die Staatsanwaltschaft Köln seit dem Sommer 2010 von den Umtrieben des Päderasten im Rang eines Krankenhausseelsorgers. Auch seine kirchlichen Vorgesetzten waren über die Vorgänge in den Jahren 1993 bis 1999 vollumfänglich im Bild.

          Den Leitlinien folgte man nicht

          Im Oktober 2010 war dem Leiter der Hauptabteilung Seelsorge/Personal, dem heutigen Hamburger Erzbischof Stefan Heße, durch einen anonymen Hinweis bekannt geworden, dass die drei Nichten ihren Onkel über den Sommer als ­Päderasten angezeigt, aber schon bald von ihrem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch gemacht hatten. Anstatt nun den seit 2002 geltenden Leitlinien zum Umgang mit Fällen sexuellen Missbrauchs zu folgen, also den Beschuldigten zum Gespräch einzubestellen und ein von beiden Seiten unterzeichnetes Protokoll anzufertigen, den Priester einer ­psychiatrischen Begutachtung zu unterziehen, eine kirchenrechtliche Voruntersuchung einzuleiten und den Fall der vatikanischen Kongregation für die ­Glaubenslehre zu melden, setzten Heße und der oberste Kirchenrichter Günter Assenmacher schon im November darauf, dass die Staatsanwaltschaft das Verfahren werde einstellen müssen – dann könne man die Zeugenaussagen der drei Betroffenen im Fall des Falles auch in einem kirchlichen Verfahren nicht ­verwerten.

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          Um aber ganz sicherzugehen, dass alle bistumsinternen Vorgänge der Staatsanwaltschaft keine weitere Handhabe gegen den Priester geben könnten, wurde der Priester zwar einbestellt. Aber mit dem Einverständnis Heßes wurde von dem Gespräch kein schriftliches, da „beschlagnahmefähiges“ Protokoll angefertigt. Stattdessen freute man sich in Köln über das schwache Echo, das die Mitteilung von der Suspendierung des in Wuppertal weithin bekannten Krankenhausseelsorgers in der örtlichen Presse hinterlassen hatte, und sann darauf, den Mann umgehend zu rehabilitieren.

          Keine dauerhaften Konsequenzen für Heße

          Tatsächlich arbeitete der Priester vom folgenden Jahr an wieder an seiner alten Einsatzstelle. Wenige Jahre später wurde er sogar stellvertretender Stadtdechant – obwohl die Kölner Personalverantwortlichen die Akten der Staatsanwaltschaft vollumfänglich hatten einsehen können und wussten, dass die drei Betroffenen im Jahr 2010 nur ­aufgrund des innerfamiliären Drucks von ihrem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch gemacht hatten.

          Für Heße hat dieser Fall keine dauerhaften Konsequenzen. Er selbst beteuert bis heute, sich niemals bewusst an Ver­tuschung beteiligt zu haben. Zwar wollte er im März 2021 trotzdem von dem Amt des Erzbischofs von Hamburg zurück­treten, doch Papst Franziskus sah keinen Grund, Heßes Bitte um Amtsverzicht stattzugeben. Mittlerweile hat die Deutsche Bischofskonferenz Heße wieder in ihre Reihen aufgenommen und präsentiert ihn abermals als ihren „Flüchtlings­bischof“.

          Womöglich aber hätten der Papst und seine Berater wie der Münsteraner Bischof Felix Genn anders entscheiden müssen, wäre ihnen bekannt gewesen, was auch das Kölner Landgericht erst vor wenigen Wochen erfuhr: Anfang Januar 2011 und damit just in der Zeit, als man im Kölner Generalvikariat darauf wartete, die Suspendierung des Priesters U. aufheben zu können, könnte es in Wuppertal neuerlich zu einem Angriff auf ein wehrloses Mädchen gekommen sein – diesmal die Freundin einer Tochter einer befreundeten Familie. So jedenfalls lautet die Anklage in einem zweiten Verfahren, das die 2. große Strafkammer des Landgerichts kurzfristig mit dem schon länger anhängigen Hauptverfahren verbunden hatte. Und wieder entledigt sich der Staatsanwalt seiner Aufgabe hastig und emotionslos, ganz so, als wolle er die Gräuel zumindest mit Worten ungeschehen machen.

          Es fallen die Worte „außerdienstlich“ und „privater Bereich“

          Ehe die Öffentlichkeit auf den zu Beginn der Verhandlung gestellten Antrag des Strafverteidigers Rüdiger Deckers hin ausgeschlossen wird, erbittet dieser nochmals das Wort. Der Tat­kontext sei ja wohl nicht die Institution Kirche, so lässt sich der Jurist vernehmen. Es fallen die Worte „außerdienstlich“ und „privater Bereich“.

          Grau die kranzrunden Haare, grau die Gesichtsfarbe, grau der Pullover über blassblauem Hemd, den Blick immer wieder nach unten gerichtet, so folgt der Angeklagte dem Geschehen. Vor ihm liegt ein Stapel Blätter mit dem, was er mit seiner Verteidigung für seine Ein­lassung zur Person und zur Sache vor­bereitet hat.

          Was U. unter Ausschluss der Öffentlichkeit zu sagen sich vorgenommen hat, sollte geeignet sein, das auf 20 Verhandlungstage angesetzte Verfahren drastisch abzukürzen. Denn ein schnelles Schuldeingeständnis würde die für Januar angesetzte Zeugenvernehmung von Heße und Assenmacher überflüssig machen. Einen besseren Dienst könnte Hans Bernhard U. der Kölner Staatsanwaltschaft, die seinerzeit das Verfahren einstellte, nicht leisten. Und auch seiner Kirche nicht.

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