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Prozess in Bonn : Zähe Wahrheitssuche im Fall Niklas P.

Prozessauftakt in Bonn: Der 21 Jahre alte Hauptangeklagte Walid S. (2.v.l.) und sein gleichaltriger mutmaßlicher Begleiter Roman W. (r.) Bild: dpa

Dem 21 Jahre alten Hauptangeklagten aus Bonn wird Körperverletzung mit Todesfolge vorgeworfen - er weist alle Vorwürfe von sich. Nicht nur eine Jacke mit Blutspuren wirft Fragen auf.

          Walid S., ein in Italien geborener 21 Jahre alter Mann mit marokkanischen Wurzeln, steht vor Gericht, weil er für den Tod von Niklas P. verantwortlich sein soll. Der 17 Jahre alte Schüler war in der Nacht zum 7. Mai 2016 nach einem Festival am Bonner Rheinufer auf dem Weg zum Bahnhof im Stadtteil Bad Godesberg. Mit seinen Freunden traf er an einem Rondell auf eine Gruppe junger Männer. Nach einem Wortgefecht griff Walid S. laut Anklage Niklas P. unvermittelt an, verpasste ihm einen Faustschlag gegen die Schläfe. Der Junge ging zu Boden, blieb regungslos liegen. Gleichwohl soll Walid S. noch gegen seinen Kopf getreten haben.

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Roman W., dem zweiten Angeklagten, wird vorgeworfen, einer Begleiterin von Niklas P. mit der Faust gegen den Kopf geschlagen zu haben, und er soll versucht haben, dem Schüler ebenfalls gegen den Kopf zu treten, wovon ihn Niklas’ Freunde aber abhalten konnten. Niklas P. starb wenige Tage später im Krankenhaus.

          Niklas' Mutter will die Wahrheit wissen

          Wie der Tod von Tugce Albayrak aus Offenbach oder von Dominik Brunner aus München wurde auch Niklas’ Tod überregional als Symbol für eine wachsende Verrohung mancher Milieus wahrgenommen. Im früheren Bonner Diplomatenviertel Bad Godesberg sahen sich viele Bürger in ihrer Wahrnehmung bestätigt, ihr Stadtteil sei auf dem absteigenden Ast. Wolfgang Picken, der Pfarrer der drei katholischen Gemeinden in Bad Godesberg, der den Trauergottesdienst für Niklas P. hielt, den 700 Bürger besuchten, sprach von einer Zäsur. Der Tod des Jungen sei die Spitze einer schon seit langem im Stadtteil feststellbaren Eskalation der Gewalt.

          In den Monaten nach der tödlichen Attacke stand Seelsorger Picken Niklas’ Mutter Denise P. zur Seite. Am Freitag begleitet der Dechant sie auch ins Gericht. Denise P. will sich einstweilen nicht selbst in den Medien äußern. Also übernimmt Picken, mit der gebotenen Diskretion, auch diese Aufgabe. „Dieser Prozess ist von großer Bedeutung für Niklas’ Mutter“, sagte Picken im Gespräch mit der F.A.Z. Frau P. gehe es um die Wahrheit. „Die Phantasie ist immer schlimmer als die Wahrheit. Es ist besser die Wahrheit zu kennen, dann kann man sich damit abfinden.“

          Vorbelastete Angeklagte weisen Vorwürfe von sich

          Doch die Wahrheitsfindung dürfte in diesem nach bisheriger Planung des Gerichts auf 17 Verhandlungstage angelegten Verfahren eine zähe Angelegenheit werden. Als der Staatsanwalt die Anklageschrift verlesen hat, will sich Roman W. nicht zum eigentlichen Tathergang äußern. Er gibt lediglich zu, im September 2016 einen Zeugen, der ihn bei der Polizei belastete, bedroht und verprügelt zu haben. Das bereue er, sagt W., der zuvor schon wiederholt mit Gewaltdelikten aufgefallen ist – ebenso wie Walid S., der wenige Tag vor Niklas’ Tod in der Bonner Innenstadt einem Mann unvermittelt mit einer Jägermeister-Flasche auf den Kopf geschlagen haben soll. Auch dafür muss sich der mutmaßlicher Täter nun verantworten.

          Im Fall Niklas lässt der Hauptangeklagte seinen Verteidiger jede Tatbeteiligung bestreiten. Er sei in jener Nacht gar nicht am Bad Godesberger Rondell, sondern einige hundert Meter entfernt im Kurpark mit Freunden „feiern“ gewesen. Zum Tatzeitpunkt habe er in einer Tankstelle in der Nähe gemeinsam mit seiner Freundin Zigaretten und einen Energy-Drink gekauft. Und die Jacke mit Niklas’ Blutspuren, die Ermittler später bei seiner Mutter fanden, gehöre nicht ihm, er habe sie zudem erst später von jemand anderem bekommen.

          Die Ermittler sind überzeugt, dass Walid S. lügt. Sie stützen sich dabei auf Indizien wie etwa Aufzeichnungen aus dem Kassensystem der Tankstelle, in der S. eingekauft haben will. Demnach wurde das Getränk und die Zigarettenpackung dort erst rund eine Stunde nach der Tatzeit abgerechnet.

          Anklage lautet auf Körperverletzung mit Todesfolge

          Eine wichtige Rolle wird in dem Prozess auch ein rechtsmedizinisches Gutachten spielen. Es hatte ergeben, dass Niklas’ Blutgefäße im Hirn vorgeschädigt waren und er deshalb an dem eigentlich nicht tödlichen Schlag gegen seine Schläfe starb. Den anschließenden Tritt gegen seinen Kopf werten die Ermittler als nicht ursächlich für den Todeseintritt.

          Weil die Staatsanwaltschaft glaubt, S. keinen Tötungsvorsatz nachweisen zu können, wirft sie ihm nicht Totschlag, sondern gefährliche Körperverletzung mit Todesfolge vor. Der Anwalt von Denise P. die als Nebenklägerin auftritt, hält das für einen Fehler. Er wertete die Tat als Totschlag mit bedingtem Vorsatz.

          Als der erste Verhandlungstag nach kaum einer halben Stunde zu Ende ist, sagt Dechant Picken im Gespräch mit dieser Zeitung, Niklas’ Mutter gehe es in diesem Verfahren neben der Wahrheit auch um Gerechtigkeit. Am Freitag sei sie Walid S. weder mit Zorn noch mit Vorurteilen gegenübergetreten. Erst das Verfahren müsse zeigen, ob er wirklich schuldig sei. Niklas’ Mutter sagte: „Mir ist nicht geholfen, wenn der Falsche ins Gefängnis müsste. Die Katastrophe meines Kindes, darf nicht die Katastrophe eines anderen werden.“

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