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Prozess im „Fall Horst Arnold“ : In der Persönlichkeit gestört, aber schuldfähig

Die 48 Jahre alte Heidi K. im Landgericht Darmstadt Bild: dpa

Die Lehrerin Heidi K. soll Horst Arnold, einen früheren Kollegen, fälschlich der Vergewaltigung beschuldigt und so ins Gefängnis gebracht haben. Der psychiatrische Gutachter bescheinigt ihr eine erhebliche Persönlichkeitsstörung - unter Vorbehalt.

          Mit Hypothesen zu arbeiten, gehört für psychiatrische Gutachter wie Norbert Leygraf zum Alltag. Ihre Aufgabe in Strafprozessen ist es, die Schuldfähigkeit eines Angeklagten zu bewerten. Dazu gehen sie - hypothetisch - davon aus, dass die Tat so stattgefunden hat wie von der Anklage geschildert. Bei der Begutachtung der Angeklagten Heidi K. aber, der vorgeworfen wird, ihren früheren Kollegen Horst Arnold fälschlich der Vergewaltigung bezichtigt und damit für fünf Jahre ins Gefängnis gebracht zu haben, muss Leygraf gleich von einer ganzen Reihe von Hypothesen ausgehen.

          David Klaubert

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Denn nicht nur in Bezug auf die angebliche Tat gibt es in diesem Prozess gegensätzliche Angaben. Auch die Schilderungen der Biologie- und Deutschlehrerin Heidi K. zu ihrem Leben unterscheiden sich zum Teil erheblich von den Aussagen zahlreicher Zeugen. Ehemalige Kollegen, ehemalige Vorgesetzte, ehemalige Bekannte und ehemalige Ehemänner wurden seit April vom Landgericht Darmstadt gehört. Und viele der Aussagen zeichnen ein ähnliches Bild von Heidi K.

          Zunächst erlebten die Zeugen sie als offen und engagiert. Doch schon nach einiger Zeit zeigte sie eine andere Seite von sich: Herrisch sei sie dann aufgetreten, habe ihre ehrgeizigen Ziele rücksichtslos verfolgt. Sie habe Intrigen gesponnen. Und habe sich mit dramatischen Geschichten in den Mittelpunkt gedrängt.

          Kolleginnen erzählte sie von einem angeblichen Lebensgefährten, einem Polizisten, der nach einem Terroreinsatz im Koma lag und später starb. Sie berichtete von Misshandlungen durch ihre drei Ehemänner. Von einer Tochter, die sie durch einen Verkehrsunfall verloren habe. Und davon, dass ihr in der Schule Gift in Tee oder Kuchen gemischt worden sei, dass sie deshalb mit dem Tod gerungen habe.

          Von einigen dieser Geschichten will Heidi K. nun vor Gericht nichts mehr wissen. Sie sei missverstanden oder verleugnet worden, sagt sie. An anderen Geschichten aber, wie der angeblichen Vergiftung, hält sie fest. Auch den Vorwurf, dass ihr früherer Kollege Horst Arnold sie am 28. August 2001 während der großen Pause im Biologie-Vorbereitungsraum der Georg-August-Zinn-Schule in Reichelsheim anal vergewaltigt hat, wiederholt sie.

          Und so betont Psychiater Leygraf, der an diesem 13.Verhandlungstag sein Gutachten vorträgt, immer wieder, dass seine Ausführungen gleich auf mehreren Hypothesen beruhen. Er muss für die Beurteilung der Schuldfähigkeit von Heidi K. davon ausgehen, dass sie die Vergewaltigung durch Horst Arnold tatsächlich erfunden hat - und dass die Aussagen der vielen Zeugen der Wahrheit entsprechen.

          Unter eben diesen Prämissen attestiert Leygraf der Angeklagten eine histrionische Persönlichkeitsstörung erheblichen Ausmaßes. Heidi K. habe ein weitreichendes inneres Bedürfnis, sich selbst als einen besonderen Menschen darzustellen, sich durch Leidensgeschichten, die sie selbst oder ihr Nahestehende beträfen, in den Mittelpunkt zu stellen. Dabei gehe es ihr nicht vorrangig um persönliche und berufliche Vorteile, sondern um die Befriedigung ihres großen Bedürfnisses nach Anerkennung.

          Zuweilen, sagt Psychiater Leygraf, scheint die Angeklagte in einer kindlichen Phantasie- und Vorstellungswelt gelebt zu haben. Sollte sie den Vergewaltigungsvorwurf erfunden haben, so sei das nur ein weiterer Mosaikstein eines Lebenslaufes, geprägt durch dramatisch anmutende Erlebnisse, die nicht real seien.

          Zur Frage, was Heidi K. dazu angetrieben habe, derartige Scheinwelten aufzubauen, ob etwa ein Mangel an Selbstbewusstsein der Grund sei, sagt Leygraf, dazu könne er nichts beitragen. Dazu müsste Heidi K. selbst Auskunft geben - doch auch in ihrem zweieinhalbstündigen Gespräch mit ihm habe sie weiter auf ihrer Sicht der Dinge beharrt.

          Eine Verminderung der Schuldfähigkeit von Heidi K. sieht Leygraf trotz der Persönlichkeitsstörung nicht. Das Unrechtsbewusstsein der Angeklagten sei nicht beeinträchtigt gewesen. Außerdem habe sie einen komplexen Tatablauf in mehreren Etappen ausgeführt, wenn man, so hebt Leygraf abermals hervor, von der Hypothese ausgehe, dass Heidi K. die Vergewaltigung tatsächlich erfunden habe.

          Horst Arnold, der von Heidi K. beschuldigte Kollege, war knapp fünf Jahre nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis in einem Wiederaufnahmeverfahren vom Landgericht Kassel freigesprochen worden - wegen erwiesener Unschuld. Auf dieses Urteil aber können sich die Richter in diesem Prozess in Darmstadt nicht stützen. Sie müssen selbst entscheiden, wie weit sie den Geschichten der Heidi K. glauben.

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