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Prozess im „Fall Horst Arnold“ : Die Geschichten der Heidi K.

Unter tizianroter Perücke: die 48 Jahre alte Heidi K. im Landgericht Darmstadt. Bild: dpa

Fünf Jahre lang saß der Lehrer Horst Arnold im Gefängnis. Dann wurde er nachträglich vom Vorwurf der Vergewaltigung freigesprochen. Sein angebliches Opfer steht nun vor Gericht. Der Vorwurf: schwere Freiheitsberaubung.

          Als die junge Biologie- und Deutschlehrerin Heidi K. im Jahr 2001 an der Georg-August-Zinn-Schule in Reichelsheim für eine Stelle vorsprach, brauchte sie nicht lange, die Runde von sich zu überzeugen. Die Schulleitung, der Personalrat und auch die Frauenbeauftragte des Schulamtes, Anja K., waren nach fünf Minuten überzeugt, die richtige gefunden zu haben. Fachlich schien ihnen die Bewerberin versiert, sie war selbstbewusst und eloquent. Lebhaft und sympathisch, fand Anja K. sofort.

          David Klaubert

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Nach den Sommerferien, Heidi K. hatte inzwischen ihren Dienst angetreten, erhielt Anja K. dann den aufgeregten Anruf einer Kollegin: Heidi sei von dem Biologielehrer Horst Arnold vergewaltigt worden, in der Schule, in der großen Pause.

          Sofort besorgte sich Anja K. die Telefonnummer von Heidi K., die auch ihr die schreckliche Geschichte erzählte. Die Personalakte von Arnold, der im Schulamt wegen seines Alkoholproblems bekannt war, leitete sie als verschnürtes Paket an die Kriminalpolizei weiter. Einige Wochen später erhielt sie einen panischen Anruf von Heidi K.: In Michelstadt sei sie wieder auf Arnold getroffen, er sei ihr nachgelaufen, habe sie bedroht.

          Dann begann der Prozess gegen Arnold. Anja K. begleitete Heidi K. zu zwei Verhandlungstagen ins Landgericht Darmstadt. Von der selbstbewussten Bewerberin war da nicht mehr viel übrig, wie ein junges, zerbrechliches Mädchen wirkte sie nun. Die Richter verurteilten Arnold am 24. Juni 2002 zu fünf Jahren Gefängnis.

          „Ach, der ist gestorben“

          Der freundschaftliche Kontakt zwischen den beiden Frauen hielt auch in den folgenden Jahren. Anja K. unterstützte Heidi K. immer wieder - auch als die sich um eine Versetzung nach Mittelhessen bemühte. In der Klinik in Marburg, erzählte Heidi K., liege ihr Verlobter, Manfred, ein Kriminalpolizist, der sei bei einem Einsatz gegen Al-Qaida in den Kopf geschossen worden. Er habe im Koma gelegen, doch nun sei er bei Bewusstsein, und sie müsse ihm das Sprechen wieder beibringen. Auch ihren Versetzungsantrag an das Schulamt begründete sie mit ihrem pflegebedürftigen Lebensgefährten.

          Einige Zeit später, nach einem gemeinsamen Gymnastikkurs, erzählte Heidi K. freudig, dass sie eine Stelle als Konrektorin in Ober-Ramstadt in Südhessen in Aussicht habe. Was denn mit ihrem Verlobten in Marburg sei, fragte Anja K. „Ach, der ist gestorben“, antwortete Heidi K.

          Doch auch in Ober-Ramstadt schien es Heidi K. nicht lange zu halten. Wieder stellte sie einen Versetzungsantrag. Die Begründung schrieb sie Anja K. in einer E-Mail, und auch über Kolleginnen erfuhr die Frauenbeauftragte: Heidi K. sei an der Schule vergiftet worden. Im Uniklinikum in Heidelberg habe sie mit dem Tod gerungen, Arsen und andere Gifte im Blut. Ein Kollege aus dem Personalrat habe ihr das womöglich in den Tee gemischt; oder die Kollegin, die ihr Gebäck hingestellt habe.

          In Anja K. wuchsen die Zweifel - bis sie eine weitere E-Mail erhielt: „Hallo liebe Anja“, schrieb Heidi K. am 2. November 2007. Sie wolle sich wieder versetzen lassen. Denn nun sei auch noch der Polizist, der in der „Intoxinationsangelegenheit“ ermittelt habe, ermordet worden.

          Da brachen für Anja K., wie ein Kartenhaus, die vielen Geschichten der Heidi K. in sich zusammen. Es blieb die quälende Frage: Was ist, wenn auch die Vergewaltigung durch Arnold ein Hirngespinst war?

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