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Prozess gegen Raser : „Er war ein Internet-Poser“

Vor Gericht: Der Angeklagte will unerkannt bleiben. Bild: dpa

In Stuttgart steht ein Zwanzigjähriger vor Gericht, der mit einem Jaguar durch die Stadt raste und zwei Menschen tötete. Das Auto soll er sich geliehen haben, um Fotos auf Instagram posten zu können.

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          Auf der Rosensteinstraße im Stuttgarter Nordbahnhofsviertel sind 50 Kilometer pro Stunde vorgeschrieben. Am 6. März dieses Jahres bricht ein 20 Jahre alter Mechatroniker-Lehrling mit einem Kumpel gegen 23 Uhr zu einer kleinen Ausfahrt auf. Es geht darum, im Viertel zu zeigen, wie viel PS man auf die Straße bringen kann. Der junge Mechatroniker hat sich dazu einen Jaguar vom Typ F bei einem Händler in Nürtingen ausgeliehen. 550 PS, Höchstgeschwindigkeit 270 Kilometern pro Stunde, Kaufpreis mindestens 62.000 Euro. Der Sportwagen lässt sich innerhalb von fünf Sekunden auf 100 Stundenkilometer beschleunigen. Ein Freund warnt den Mechatroniker noch, das Auto sei „anders“ und eine „kranke Karre“, also ein supergeiles Auto. „Übertreib es nicht“, soll er kurz vor der Fahrt gesagt haben.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Den 20 Jahre alten Lehrling hält das nicht auf. Er holt einen Kumpel ab, der setzt sich zu ihm ins Auto, vor einer Kreuzung der Rosensteinstraße drückt der Mechatroniker das Gaspedal voll durch. Die Fahrt dauert nicht länger als 50 Sekunden. Er versucht vor einer Kreuzung nach links auszuweichen, dann kollidiert der Jaguar mit einem Citroën-Kleinwagen vom Typ C1, der aus einer Seitenstraße kommt. Die Aufprallgeschwindigkeit soll etwa 110 Stundenkilometer betragen haben. Die 22 Jahre alte Frau und der 25 Jahre alte Mann in dem Citroën, beide stammen aus Nordrhein-Westfalen und leben erst seit kurzer Zeit in Stuttgart, sterben noch am Unfallort. Der Citroën ist ein Trümmerhaufen, die Scheiben eines Billard-Cafés gehen zu Bruch.

          Am Mittwoch saßen die Angehörigen der beiden Opfer als Nebenkläger in Verhandlungssaal 1 des Stuttgarter Landgerichts. Der Vater des jungen Manns trug ein Polo-Shirt mit einem Porträt seines getöteten Sohns. Auf den Tischen haben sie gerahmte Porträtfotos ihrer verstorbenen Kinder so aufgestellt, dass der Angeklagte die Fotos eigentlich sehen muss.

          Die Stuttgarter Staatsanwaltschaft hatte zunächst nur wegen fahrlässiger Tötung ermittelt, dann hatte sie den Zwanzigjährigen nach Jugendstrafrecht doch wegen Mordes, verbotener Kraftfahrzeugrennen und wegen vorsätzlicher Gefährdung des Straßenverkehrs angeklagt. Die Auswertung der Daten der Bordelektronik des Fahrzeugs hatten nahegelegt, dass der Angeklagte vorsätzlich gehandelt haben könnte. „Sie haben das Gaspedal vor den Straßeneinmündungen voll durchgedrückt, schon vor dem Kolping-Bildungswerk hatten sie eine Geschwindigkeit von 145 Stundenkilometern erreicht“, sagte die Staatsanwältin zur Begründung ihrer Anklage. „Berechtigte Interessen anderer Verkehrsteilnehmer waren ihnen gleichgültig. Ihnen war bewusst, dass ein direkter Zusammenstoß zum Tode von Verkehrsteilnehmern führen konnte.“ Die Staatsanwaltschaft stuft die Tat als Mord ein, weil dem Angeklagten damit bedingter Tötungsvorsatz nachgewiesen wurde.

          Fotos von geliehenen Autos

          Schon am ersten Verhandlungstag nahm in der Zeugenvernehmung die Frage, wie der Angeklagte das Gaspedal des Jaguars bedient hatte, einen großen Raum ein. Als ersten Zeugen hörte das Gericht den Freund des Angeklagten an, der bei der kurzen, tödlichen Fahrt mit im Sportcoupé saß. Er habe am späten Abend auf Instagram gesehen, dass sein „gelegentlicher Freund“ in der Stadt mit dem weißen Sportwagen unterwegs gewesen sei. Dann habe man gechattet, sein Freund habe ihn angerufen: „Hey, lass mal eine Runde fahren.“ Wenige Minuten später habe er mit dem Jaguar vor seiner Tür gestanden. „Er war ein Internet-Poser, er wusste, dass es bei Frauen gut ankommt, wenn man mit solchen Autos herumfährt.“ Der Angeklagte habe sich den Jaguar nur ausgeliehen, um ein paar Fotos auf Instagram posten zu können. Bei den verschiedenen Cliquen im Viertel sei er eher unbeliebt gewesen, weil er selbst für die Fahrt zum nächsten Burger-Restaurant noch ein Tankgeld verlangt habe, weil er eben geizig gewesen sei. „Er ist keine Person, die Stress macht. Er hat Fotos von geliehenen Autos immer wieder gepostet.“

          Die Verteidiger halten den Mordvorwurf für ungerechtfertigt und begründeten das am Mittwoch in einer kurzen Erklärung: „Der Angeklagte hatte bis zum März ein ganz normales Leben.“ Er habe mit dem Strafgesetzbuch keine Erfahrung gemacht, das Unfallgeschehen sei „unfassbar tragisch“. Für eine Verurteilung wegen Mordes werde es aber „aus tatsächlichen und rechtlichen Gründen“ nicht reichen. Der Stuttgarter Fall unterscheide sich von anderen Raserprozessen, er eigne sich auch nicht zur Generalprävention. Das wird das Gericht in den nächsten Wochen zu klären haben.

          Anders als in vorherigen Strafverfahren ereignete sich der Unfall nicht bei einem illegalen Autorennen, an dem mehrere Fahrzeuge beteiligt waren, rechtlich ist das für eine Verurteilung wegen Raserei (Paragraph 315d) auch nicht notwendig. Für ein bedingt vorsätzliches Handeln spricht zudem viel, weil der Angeklagte schon am Nachmittag teilweise mit einer Geschwindigkeit von mehr als 200 Stundenkilometern auf den Autobahnen rund um Stuttgart unterwegs war. Auch hierfür musste er das Gaspedal immer wieder „voll durchdrücken“.

          Das erste Mordurteil in einem „Raserprozess“ hatte der Bundesgerichtshof (BGH) im Jahr 2017 aufgehoben. Das Urteil gegen einen Mann, der mit einem gestohlenen Taxi mit bis zu 145 Stundenkilometern durch Hamburg raste, einen Mann tötete und zwei schwer verletzte, war hingegen vom BGH kürzlich bestätigt worden. Dem Zeugen und Mitfahrer fiel es am ersten Verhandlungstag schwer, Mitgefühl zu zeigen. Wie er sich denn gefühlt habe, als er vom Tod zweier Menschen erfahren habe: „Ich war jetzt nicht happy. Entschuldigung. Es war Scheiße.“

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