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Illegaler Waffenhandel im Netz : Aus dem Darknet in Haft

Wegen Waffenhandel in den Tiefen des Internets muss sich nun ein Heidelberger vor Gericht verantworten. Bild: dpa

In Heidelberg wird ein junger Mann zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt. Der Angeklagte hat im Darknet mehrere Waffen verkauft – auch an Kriminelle.

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          Im Darknet trat Christian L. großmäulig als einer der größten Waffen- und Munitionsverkäufer Europas auf. Die Waffe vom Typ Glock, mit der Amoktäter Ali David S. am vergangenen Freitag in München neun Menschen tötete, hatte der gelernte und später beruflich gescheiterte Optiker aus Heidelberg auch im Programm. Er war aber nicht diejenige, der dem Deutsch-Iraner die Glock schließlich lieferte, prahlte aber damit, eine solche Waffe über seinen Internet-Shop innerhalb von 14 Tagen besorgen zu können. Unter dem Pseudonym „Dosensuppe“ und nach dem Herunterladen eines Spezialprogramms, mit dem man ins Darknet gelangt, war es über 20 Monate möglich, bei dem Heidelberger einzukaufen. Nicht wenige Kriminelle taten das.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Durch ein von Zollfahndern entdecktes Waffenpaket flog Christian L. im November 2014 auf. Nach aufwendigen Ermittlungen im Darknet und neun Verhandlungstagen verurteilte die zweite Strafkammer des Heidelberger Landgerichts den 32 Jahre alten Optikermeister und Sportschützen am Donnerstag zu einer Freiheitsstrafe von fünf Jahren und sechs Monaten.

          Die Staatsanwaltschaft hatte eine Freiheitsstrafe von sieben Jahren gefordert, die Verteidigung dafür plädiert, den Mann nicht länger als fünf Jahre in die Justizvollzugsanstalt zu schicken. „Als effektiv verkauft konnten wir zwölf Waffen und sechs Kriegswaffen nachweisen“, sagte der Vorsitzende Richter. Die Staatsanwaltschaft hatte in der Anklage davon gesprochen, dass Christian L. etwa 65 Waffen über das Darknet verkauft haben könnte.

          Gefährliche Kriminelle als Kunden

          „Es kann kein Zweifel daran bestehen, dass ein gewerbsmäßiger Handel mit Waffen vorliegt“, sagte der Richter. Vielleicht sei sein Motiv der gute Verdienst gewesen; er habe 15.000 bis 20.000 Euro eingenommen. Vielleicht habe der Angeklagte aus „guten bürgerlichen Verhältnissen“ aber auch in einem „großen Spiel“ mitmachen wollen. Auch mit zwölf Waffen, verkauft an anonyme, unbekannte Käufer, hätte man viele schlimme Dinge anrichten können, die Waffen hätten für eine kleine Armee gereicht.

          Christian L. hat einige Waffen in der Tat an gefährliche Kriminelle verkauft. Ein 21 Jahre alter Brite soll mit einer Waffe des Darknet-Händlers wahllos auf Verkehrsschilder geschossen haben. Auch ein Rechtsradikaler, der sich im Darknet „Sturmsoldat“ nannte, kaufte im Dosensuppen-Shop eine Waffe. „Man hat das Darknet genutzt und mit so starker Verschlüsselung gearbeitet, dass es selbst der Zollfahndung nicht gelungen ist, manche Daten zu entschlüsseln“, sagte der Richter. Zur Entschlüsselung habe man die Hilfe des Angeklagten zwingend benötigt.

          Mit dem Amoklauf in München habe der Waffenhändler nichts zu tun. Dass das Darknet „hochgefährlich“ sei, gerade weil ein anonymisierter Verkauf stattfinde, sei auch schon vor dem Münchner Amoklauf bekannt gewesen. Man könne den Angeklagten deshalb nun nicht zu einer höheren Freiheitsstrafe verurteilen, auch wenn es entsprechende Forderungen von Politikern nach härteren Strafen gebe.

          Zur Kooperation wird geraten

          Mehrfach wies der Richter auf Ungereimtheiten des deutschen Waffenrechts hin, das selbst für Juristen schwer zu durchschauen sei. Biete zum Beispiel jemand eine Kriegswaffe zum Verkauf an, dann sei das so lange nicht strafbar, wie er die Waffe nicht selbst besitze. In dem Strafverfahren wurde auch deutlich, wie außerordentlich schwierig es ist, getätigte Geschäfte in den Tiefen des dunklen Netzes überhaupt gerichtsfest zu rekonstruieren; die Staatsanwaltschaft und das Gericht mussten viele Einzelverkäufe nachweisen und Identitäten von Käufern und Verkäufern mit komplizierten Recherchen dechiffrieren.

          Das Darknet ist ein fast rechtsfreier Raum. Fachleute des Bundeskriminalamtes schätzen, dass eine Million Deutsche in dieser Dunkelzone des Internets schon einmal ein Geschäft getätigt haben könnten. Angeblich soll es 50.000 Adressen geben. Im Verfahren gegen Christian L. stellte es sich schon als äußerst schwierig heraus, überhaupt nachzuweisen, dass der Angeklagte unter dem Decknamen „Dosensuppe“ tätig war. Das Gericht war sich letztlich sicher, dass der Angeklagte diese Deckadresse benutzt hat. Dass er sie selbst eingerichtet hat, konnte ihm nicht nachgewiesen werden.

          Die Strafe, so der Richter, sei nicht milde, sie müsse aber der Tat gerecht werden. Der junge Angeklagte müsse nun darüber nachdenken, was er aus seinem Leben noch machen wolle. Die generalpräventive Wirkung der Strafe, von der Staatsanwaltschaft ins Gespräch gebracht, sei nur im Rahmen der üblichen Strafzumessung zulässig. „Sollten sich die Zollfahnder noch um ihre Hilfe bemühen, dann wäre ihnen zu raten, weiter zu kooperieren, weil das die zuständigen Stellen im Vollzug beeindrucken könnte.“

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