https://www.faz.net/-gum-9qboz

Prozess gegen Alexander Falk : „Damit diese Bazille nicht mehr existiert“

Angeklagt: Der Unternehmer Alexander Falk (Mitte) mit seinen Anwälten im Frankfurter Landgericht Bild: EPA

Hat Alexander Falk, der Erbe des Stadtplan-Verlags, den Auftrag erteilt, einen Anwalt zu töten? Vor Gericht bestreitet er das. Und was auf den ersten Blick ein logischer Schluss ist, beginnt beim Blick auf die Details zu wackeln.

          4 Min.

          Eine ganze Weile, bevor es am Mittwochmorgen am Frankfurter Landgericht losgeht, sagt jemand im Flur vor Saal 10: „Das wird ein richtiges Schauspiel heute.“ Es ist einer der Journalisten, die in so großer Zahl gekommen sind, wie es das Gericht schon lange nicht mehr erlebt hat. Als um kurz vor halb zehn die Wachtmeister die Türen öffnen, ist der Andrang so groß, dass schließlich gar nicht alle Berichterstatter einen Platz finden und manche draußen bleiben müssen. Damit beginnt das Theater – und der Journalist wird recht behalten.

          Anna-Sophia Lang

          Freie Autorin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Dieser Tag ist der Auftakt zu einem Prozess, bei dem eines unbestritten ist: Die Tat, über die vor der 22. Großen Schwurgerichtskammer verhandelt wird, hat alle Zutaten eines Dramas. Gewalt, Erpressung, Gier und Rache, dazu verschwimmende Grenzen zwischen der betuchten Unternehmer-Oberschicht und zwielichtigen Gestalten aus der Unterwelt – all das steckt in dieser komplizierten Geschichte mit ihren unzähligen Verästelungen.

          Da ist der Angeklagte Alexander Falk, Hamburger, 50 Jahre alt, dessen schon lange verstorbener Vater den mit Stadtplänen erfolgreich gewordenen Falk-Verlag gegründet hat. Der Sohn, ein „Millionen-Erbe“, wie es so schön heißt, wurde 2008 vom Landgericht Hamburg in einem aufsehenerregenden Prozess wegen versuchten Betrugs zu vier Jahren Haft verurteilt und war schon lange davor eine schillernde Figur, einer der größten Stars der New Economy um die Jahrtausendwende. Nachdem er seine Anteile am Verlag verkauft hatte, investierte er in Internettechnologien. Mit 31 Jahren war er einer der 100 reichsten Deutschen. Sein Niedergang begann, als er angeklagt wurde, Teile seiner Firma Ision zu einem künstlich hochgetriebenen Preis an die britische Telekommunikationsgruppe Energis verkauft zu haben. Falk musste ins Gefängnis und sollte nach einem Zivilprozess 200 Millionen Euro Schadenersatz zahlen; auch 30 Millionen aus seinem Privatvermögen wurden gepfändet.

          Umschlag mit 200.000 Euro

          Darin liegt die Wurzel dessen, was jetzt in Frankfurt verhandelt wird. Die Staatsanwaltschaft wirft Falk vor, aus Rache einen Auftragsmörder auf einen Frankfurter Rechtsanwalt angesetzt zu haben, der die Pfändung maßgeblich vorangetrieben haben soll. Im September 2009 soll er dafür, so heißt es in der Anklage, in einem Hamburger Steak-Haus einen Umschlag mit 200.000 Euro über den Tisch geschoben haben, „damit diese Bazille nicht mehr existiert“. Der Anwalt solle „eiskalt gemacht“ werden, soll Falk gesagt und dazu eine schneidende Geste vor dem Hals gemacht haben. Im Februar 2010 lauerte dem Anwalt tatsächlich jemand vor seiner Wohnung in Frankfurt auf und versetzte ihm einen Durchschuss im Oberschenkel. Der Täter ist bis heute nicht gefunden.

          Allein: Was auf den ersten Blick ein logischer Schluss ist, beginnt beim Blick auf die Details zu wackeln. Es gibt zwar eine Tonbandaufnahme aus dem Juni 2010, auf der zu hören ist, wie Falk sich über den Angriff freut. „War sehr geil“, heißt es da unter anderem, dass er „sehr gejubelt“ habe, und dass es „die einzige richtige Konsequenz“ gewesen sei, „dem einmal ins Bein zu ballern“. Was Falk da sagt, nennt einer seiner Verteidiger „schäbigste Schadenfreude“, aber er argumentiert auch, dass an keiner Stelle von einem Auftrag Falks die Rede sei. Außerdem will die Verteidigung mit einem Gutachten beweisen, dass die Aufnahme an mindestens zwei Stellen manipuliert worden ist. Dennoch: Wer den Mitschnitt im Gericht hört, kann den Eindruck gewinnen, dass da mehr als Schadenfreude über ein zufälliges Ereignis im Spiel ist.

          „Ein richtiges Schauspiel“: großer Andrang beim Prozess gegen Alexander Falk

          Problematisch ist die heimlich gemachte Aufnahme, die nur einen Gesprächsausschnitt wiedergibt, trotzdem. Sie wurde den Ermittlern erst 2017 zugespielt von einem Mann, der noch dazu dabei gewesen sein will, als Falk den Mordauftrag erteilte. Auf ihn, Etem E., stützt sich die Anklage maßgeblich. Er ist der Zeuge, von dem in diesem Verfahren fast alles abhängt. Die Verteidigung nennt ihn einen „Berufskriminellen“ und vermutet zudem, dass er ein V-Mann des Landeskriminalamts Hamburg ist. Noch dazu einer, der die Familie Falk jahrelang mit der Aufnahme erpresst habe, um an Geld zu kommen. Als er damit keinen Erfolg hatte, habe er einen anderen Weg gewählt – als Kronzeuge der Staatsanwaltschaft an die 100.000 Euro Belohnung zu kommen, die von der ehemaligen und der neuen Kanzlei des angeschossenen Anwalts ausgesetzt waren.

          Bei E., sagt die Verteidigung, gebe es ein Motiv, sich das alles auszudenken. Im Gegensatz zu Alexander Falk.

          Der Angeklagte ist mit den Anwälten, die er um sich geschart hat, gut vorbereitet auf diesen Prozess. Besser könnte er es gar nicht sein. Schon lange vor Verhandlungsbeginn verteilen seine Medienanwälte morgens auf dem Flur eine Mappe an die Journalisten, in der die Position der Verteidigung dargelegt ist, Gutachten und schmeichelhafte Fotos inklusive. Noch bevor es losgeht, gibt Falk ein Statement vor den Kameras ab, sogar zweimal, weil ein Team nicht schnell genug da war. „Seit einem Jahr sitze ich unschuldig in Untersuchungshaft“, sagt er. Dass er seine Frau und seine fünf Kinder vermisse, aber dennoch froh sei, dass es jetzt losgehe. „Damit ich meine Unschuld beweisen kann.“

          Falk präsentiert sich zurückhaltend

          Falk, der in der Vergangenheit – und in so manchem großen Bericht, der vor dieser Verhandlung erschienen ist – oft als arrogant und herablassend beschrieben wurde, präsentiert sich hier zurückhaltend. Er belehrt das Gericht nicht so, wie er es in seinem ersten Prozess vor mehr als zehn Jahren mit Powerpoint-Präsentationen getan hatte. Zumindest am ersten Tag. Den großen Rundumschlag mit dem Vorwurf, Staatsanwaltschaft und Gericht gingen nicht neutral an diesen Prozess heran, überlässt er seiner Verteidigung. Die hinterlässt den Eindruck, mehr in Richtung der Journalisten als der Prozessbeteiligten zu sprechen. Mit manchmal zu durchschaubarem Charme und Witz, aber auch mit intensiv vorgetragenen Argumenten präsentiert sie Falk als Opfer einer Justiz, die ihren Schuldigen zu schnell gefunden zu haben glaubte. Falk selbst nimmt das alles ruhig und gefasst wahr. Als er schließlich selbst zum Gericht spricht, steht er auf, wohl um Respekt zu zeigen.

          „Einen Auftrag von mir zu Gewalt, sei es ein Schuss oder eine Ohrfeige, hat es nie gegeben“, sagt er. „Das ist von vorne bis hinten erlogen. Auch wenn ich mich im Nachhinein sehr darüber gefreut habe.“ Er stellt sich in einer langen Einlassung als jemanden dar, der Rückschläge „sportlich“ nehme und der vor allem eins sei: „nicht feige“. Deshalb, sagt er, sei ein Auftragsmord an jemandem wie dem Rechtsanwalt, der juristisch gegen ihn vorgehe, „so jenseits von allem, wofür ich stehe“. Außerdem, das ist eines der Hauptargumente in seiner Verteidigungsstrategie, sei der angeschossene Rechtsanwalt für ihn keine wichtige Person im Verfahren gewesen. „Es war offensichtlich, dass er auf der unteren hierarchischen Ebene war.“ Das Treffen in dem Hamburger Steak-Haus im September 2009, wo er den Mordauftrag erteilt haben soll, habe es nie gegeben.

          Es gibt noch viele weitere Stränge dieser Geschichte, die am ersten Tag nur angerissen werden konnten. Jetzt ist das Gericht dran. Mehr als 20 Zeugen und verschiedene Sachverständige hat die Kammer bislang geladen, und je nach Anträgen und Entwicklung könnten es mehr werden. Die 17 verbleibenden Verhandlungstage bis Mitte Dezember könnten da knapp werden. Hat die Staatsanwaltschaft Fehler gemacht? Hat sie einem dubiosen Zeugen vertraut, der in Wahrheit ein Lügner ist? Oder präsentiert die Verteidigung eine Version der Ereignisse, die Falk zu Unrecht als Unschuldslamm darstellt? All das wird dieser Prozess klären müssen. Eine leichte Aufgabe, so viel ist klar, wird das nicht.

          Weitere Themen

          Eine Art Geiselnahme

          Russland inhaftiert Israelin : Eine Art Geiselnahme

          In Russland ist eine Israelin zu einer langen Haftstrafe verurteilt worden, weil sie etwas Haschisch im Gepäck hatte. Um die Droge geht es dabei nur vordergründig – der Fall folgt einem politischen Drehbuch.

          Topmeldungen

          Johnson und der Brexit : Drei Briefe und ein einziges Ziel

          Boris Johnson will weiter versuchen, das Brexit-Abkommen bis Ende des Monats zu ratifizieren. Schon am Montag könnte die Regierung in London eine neue Abstimmung über den Brexit-Vertrag ansetzen – wenn John Bercow das zulässt.
          Kurdisches Fahnenmeer: Demonstranten am Samstag in Köln

          Türken-Kurden-Konflikt : Kurz vor der Explosion

          Der Krieg in Nordsyrien führt auch in Deutschland zu handfesten Auseinandersetzungen zwischen türkischen und kurdischen Migranten. Das könnte erst der Anfang sein.
          Mit Arte in Oslo: Carola Rackete.

          Carola Rackete bei Arte : Ein ganz persönlicher Kulturschock

          In der Arte-Reihe „Durch die Nacht mit ...“ treffen die Aktivistin Carola Rackete und die norwegische Schriftstellerin Maja Lunde aufeinander. Man meint, sie hätten einander viel zu sagen. Es kommt anders.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.