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Prostituierte aus Nigeria : Bestellt, verraten und verkauft

  • -Aktualisiert am

Immer mehr nigerianische Prostituierte „arbeiten“ in Europa. Frauenhändler verfrachten sie wie Sklavinnen aus ihrem Heimatland und schicken sie in Deutschland, Österreich oder Schweden auf den Strich. Wer sich dagegen wehrt, lebt gefährlich.

          Am Platz der Republik in Frankfurt. Eine Frau betritt einen afrikanischen Laden. Zwischen Perücken, Haargel und Videofilmen kommt sie mit zwei nigerianischen Männern ins Gespräch. Sie erzählt ihnen, der Visumantrag ihrer Schwester aus Nigeria sei abgelehnt worden. Sie habe aber jemanden gefunden, der das Mädchen für 60 000 Euro nach Europa holt. Die beiden Männer lachen. Für diese Summe könnten sie nicht nur das Mädchen, sondern die ganze Familie nach Europa schaffen.

          Die Geschichte der Schwester ist erfunden, das Angebot der Männer nicht. Joana Adesuwa Reiterer wollte wissen, wie schwierig es ist, ein Mädchen aus ihrer Heimat illegal nach Europa zu holen, und musste erfahren, wie leicht es doch ist.

          Justiz unternimmt nichts

          Sie selbst war vor 2003 mit 22 Jahren aus Nigeria nach Österreich gekommen, freiwillig und legal. „Ich hatte in meiner Heimatstadt Benin City einen Nigerianer mit österreichischer Staatsbürgerschaft geheiratet, der in Wien lebte und dort als Geschäftsmann arbeitete. Ich zog zu ihm.

          Bald fand ich heraus, dass die Ware, mit der er handelte, junge Frauen waren. Die Mädchen, die er nach Europa brachte, mussten dort auf den Billigstrich gehen, um die ,Reisekosten' abzuarbeiten“, sagt Joana Reiterer in österreichisch-charmant gefärbtem Dialekt. Sie erzählte anderen Nigerianern in Wien von ihrem Schicksal. Doch die wussten längst Bescheid. Sie zeigte ihren Mann bei der Polizei an. Doch die nahm sie nicht ernst.

          Laut Europol ist Frauenhandel das Verbrechen auf der Welt mit den höchsten Zuwachsraten. In Deutschland werden jedes Jahr mindestens 10 000 junge Frauen Opfer von Menschenhandel und Zwangsprostitution. In Europa schätzt man die Zahl der Opfer auf Hunderttausende.

          „Ware Frau“

          Die österreichischen Journalistinnen Mary Kreutzer und Corinna Milborn schreiben in ihrem gerade erschienenen Buch „Ware Frau“, dass allein in Italien 20 000 bis 40 000 Nigerianerinnen als Zwangsprostituierte arbeiten. Auf den Ramblas in Barcelona und in Teilen Stockholms hätten sie den Straßenstrich vollständig übernommen. Auch in Holland, Belgien, Norwegen, Dänemark und Deutschland seien sie zu finden. Fast alle kämen wie Joana Reiterer aus Benin City.

          Das Geschäft mit den jungen Nigerianerinnen begann in den frühen achtziger Jahren in Italien. Verkäuferinnen von Handtaschen erkannten damals, wie viel Geld sich mit Sex machen lässt. So holten die Frauen Mädchen aus ihrer Heimatstadt Benin City nach Italien, um sie für sich arbeiten zu lassen.

          Prostituierte werden Zuhälterin

          Noch heute sind es nicht Zuhälter, sondern Zuhälterinnen, die über die Mädchen bestimmen. „Diese ,Madames', wie sie genannt werden, waren selbst einmal junge Zwangsprostituierte“, sagt Elvira Niesner vom hessischen Beratungszentrum für Migranntinen „Frauenrecht ist Menschenrecht“ (FIM).

          „Es mag schwer nachzuvollziehen sein, dass die jungen Frauen, die jahrelang unter ihrer Zuhälterin gelitten haben, selbst in diese Rolle schlüpfen.“ Doch mit den Jahren sähen sich die wie Sklavinnen gehaltenen Mädchen immer weniger als Opfer. „Überlebensnotwendige Psychohygiene“ nennt Elvira Niesner das Phänomen, dass die jungen Frauen ihre Lebenssituation umdefinieren - und sie nach dem Aufstieg zur Madame ohne Gewissensbisse zum Peiniger werden.

          Eingeflogene Mädchen bevorzugt

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