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Polizistinnenmord in Heilbronn : Generalstaatsanwalt hält Fall für aufgeklärt

Ermordete Polizistin: Haben die Täter Verbindungen in die Neonazi-Szene? Bild: dpa

Der Stuttgarter Generalstaatsanwalt Klaus Pflieger hält den Heilbronner Polizistenmordfall für aufgeklärt. Die gesuchte Frau hat sich gestellt. Unsere Korrespondenten berichten.

          Eines der aufsehenerregendsten Verbrechen in Deutschland scheint aufgeklärt, der Mord an der Heilbronner Polizistin Michèle Kiesewetter im April 2007. Über Jahre schien es so, als kämen die Ermittler den Tätern nicht mehr auf die Spur, aber dann überschlugen sich am Montag und Dienstag die Ereignisse.

          David Klaubert

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          In einem ausgebrannten Wohnwagen im thüringischen Eisenach, wo sich am Freitag nach Angaben der Polizei zwei Bankräuber erschossen hatten, fanden die Beamten die geraubte Dienstwaffe von Michèle Kiesewetter und die ihres jungen Kollegen, der bei der Tat in Heilbronn mit einem Kopfschuss schwer verletzt worden war und sich nicht an die Tat erinnern kann. Am Dienstag dann stellte sich Beate Z. mit ihrem Anwalt der Polizei in Jena. Nach ihr war seit Montag gesucht worden, auch wegen der Explosion eines Hauses in der sächsischen Stadt Zwickau, in dem mit großer Wahrscheinlichkeit auch die Mordwaffe von Heilbronn gefunden wurde. Die beiden Männer und die Frau sollen die Tat in Heilbronn begangen haben; es handele sich zudem um lange vergeblich gesuchte Neonazis.

          Der Stuttgarter Generalstaatsanwalt Klaus Pflieger sagte am Dienstag, der Mordfall Kiesewetter sei durch die neuen Taten in Thüringen und den dortigen Waffenfund aufgeklärt. Wenn er recht behalten sollte, wirft das dennoch kein gutes Licht auf die Arbeit der baden-württembergischen Polizei. Ein Fahndungserfolg ist das nicht. Eine Sprecherin des Landeskriminalamtes sagte, zu der Äußerung des Generalstaatsanwalts Klaus Pflieger werde man sich nicht äußern. Der forsche Generalstaatsanwalt hatte dem Südwestrundfunk gesagt, es habe sich um einen Fall von Beschaffungskriminalität gehandelt: „Solche Waffen gibt man nicht weiter.“

          Das Landeskriminalamt (LKA) in Stuttgart will frühestens am Mittwoch zu den neuen Erkenntnissen Stellung beziehen. Schon seit Samstag sind zehn Kollegen der baden-württembergischen Polizei in Thüringen, um die dortigen Ermittlungen zu unterstützen. Die seit 2007 erfolglos ermittelnde Sonderkommission „Parkplatz“ ist personell aufgestockt worden. Ihr gehören nun wieder Polizisten der Polizeidirektion Heilbronn an. „Die Frage ist jetzt, wie die Männer an die Dienstwaffen der Heilbronner Polizisten gelangt sind“, sagte Horst Haug, Sprecher des baden-württembergischen Landeskriminalamtes. Seit April 2007 fahndet eine Sonderkommission, die zunächst nur in der Heilbronner Polizeidirektion angesiedelt war, nach den Mördern von Michèle Kiesewetter.

          Die 36-Jährige soll mit zwei Bankräubern zusammengewohnt haben. Bei ihnen fand man die Dienstwaffe der ermordeten Polizistin

          Am 25. April 2007 um 14 Uhr hatten die Täter auf der Heilbronner Theresienwiese auf die 22 Jahre alte Polizistin und ihren 25 Jahre alten Kollegen Martin A. geschossen. Die aus dem thüringischen Oberweißbach stammende Polizistin ist sofort tot, ihr Kollege überlebt schwer verletzt. Die Fahnder leuchten viele Milieus aus. Mal suchen sie die Täter unter Obdachlosen, dann in den Zirkeln der organisierten Kriminalität, auch Sinti- und Roma-Familien werden in den Blick genommen. Von einem Fall simpler Beschaffungskriminalität ist auch immer einmal wieder die Rede. Für einen rechtsextremistischen Hintergrund gab es nie Hinweise, zumindest wurden sie von der Polizei nicht öffentlich gemacht.

          Lange Zeit hatten die Fahnder mit DNA-Analysen einen Zusammenhang zwischen dem Polizistenmord und 40 anderen Einbrüchen, Morden und weiteren Straftaten hergestellt. Jede Tat, jeder Tatort wird akribisch untersucht, die Spur der angeblichen Polizistenmörderin wird aber immer länger und verworrener. Auch unaufgeklärte Fälle im Ausland, vor allem in Österreich, werden in die Ermittlungen einbezogen. Die Heilbronner Polizistenmörderin wird zu einem Phantom, einer geheimnisvollen Serientäterin, die immer wieder absurdeste Spekulationen hervorrief. Doch dann kommt der 27. März 2009. Es ist für die baden-württembergische Polizei ein bitterer Tag: Das LKA und die Sonderkommission müssen zugeben, dass die „unbekannte weibliche Person“, die sie über Jahre gesucht haben, eine unbescholtene Verpackerin von Wattestäbchen war.

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