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Polizistenmord : Nicht zu fassen

Auf der Suche nach einer „unbekannten weiblichen Person”: Polizisten gedenken am Tatort in Heilbronn ihrer getöteten Kollegin Bild: AP

Seit zwei Jahren jagt die Polizei das „Phantom von Heilbronn“ - eine brutale Kriminelle, die an mindestens drei Morden sowie zwei Mordversuchen beteiligt gewesen sein könnte. Von ihr gibt es bis heute weder eine Personenbeschreibung noch ein Phantombild. Die Ermittler sind frustriert.

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          Verlierer sehen anders aus. Frank Huber trägt ein sportliches Sakko und ein blaues Oberhemd. Sein Händedruck ist so fest, dass es einige Minuten dauert, bis man sich davon erholt hat. Huber ist 41 und macht keine ausschweifenden Ausführungen; er sagt, wie es ist: „Fast sämtliche Motive bleiben offen. Den Polizistenmord haben mindestens zwei Täter begangen. Es besteht der Verdacht, dass die spurenlegende Person an der Tat beteiligt war. Wir wissen nicht, in welcher Form.“

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Es ist die Bilanz von Tausenden von Überstunden und fast zwei Jahren fieberhaften Ermittelns durch die „Sonderkommission Parkplatz“. Zusammen mit Sonderkommissionen aus dem Saarland, Rheinland-Pfalz und Österreich soll sie den Mord an der Polizistin Michèle Kiesewetter aufklären. Die Verdächtige in diesem Fall war auch sonst kriminell höchst aktiv; seit Mai 1993 hat sie an insgesamt 38 Tatorten ihre DNA-Spur hinterlassen, könnte an mindestens drei Morden sowie zwei Mordversuchen beteiligt gewesen sein - von ihr gibt es bis heute aber weder eine Personenbeschreibung noch ein Phantombild.

          Keine neuen Erkenntnisse

          Gegen 14 Uhr am 25. April 2007 fallen auf einem Parkplatz an der Heilbronner Theresienwiese mehrere Schüsse. Die Polizistin Michèle Kiesewetter ist sofort tot, ihr ebenfalls junger Kollege überlebt, verliert aber jede Erinnerung an diesen Tag. Seit diesem Apriltag vor knapp zwei Jahren hat Huber den vermutlich schwierigsten Job aller deutschen Kriminalbeamten: Er muss eine Person finden, von der im Wesentlichen acht Erbmerkmale und das Geschlecht bekannt sind. „So ist das leider“, sagt er.

          Vermutlich zwei Mordversuche, drei Morde, unzählige Einbrüche: Polizisten sichern Spuren in Heilbronn

          Hubers Soko hat fast die gesamte Stadt Heilbronn auf den Kopf gestellt, die - statistisch betrachtet - die sicherste Baden-Württembergs ist. Er hat die Hilfsarbeiter und Karussellbremser überprüft, die auf der Theresienwiese mit dem Aufbau der Kirmes beschäftigt waren, er hat das Bordell mit den osteuropäischen Huren und Zuhältern auf den Kopf stellen lassen, das, nur wenige Meter vom Parkplatz entfernt, an einer Bahnunterführung liegt. Hubers Leute verbringen auch heute noch viel Zeit in Kneipen, die Albaner und Slowaken bevorzugen. 700 verdächtige und polizeibekannte Frauen haben eine Speichelprobe abgegeben - auch das brachte keine neuen Erkenntnisse.

          „Nichts ist grausamer als ein Genie, das über etwas Idiotisches stolpert“, heißt in Friedrich Dürrenmatts Kriminalroman „Das Versprechen“. Bei Dürrenmatt scheitert der Ermittler. Huber hat seit zwei Jahren kaum noch Freizeit, und er will nicht scheitern. Die Heilbronner Soko ist sogar von hessischen Kollegen überprüft worden, um sicherzugehen, dass nichts übersehen wird. Huber spricht von einem „mehrstufigen Controlling“. Bis heute prüfen die Polizisten ihre Erkenntnisse aus den Tatorten immer wieder, fragen sich ständig, ob sie nicht ein zunächst noch so unwichtig anmutendes Detail übersehen haben. Sind die DNA-Spuren vielleicht gelegt worden? Wollte ein Täter die Polizei in die Irre führen? Hat es bei den Untersuchungen des Erbmaterials Verunreinigungen gegeben?

          „Entweder hat sie keinen Zugang zu den Medien, oder ihr ist das alles egal“

          All diese Fragen glaubt Huber mit einem Nein beantworten zu können. Die DNA ist in Haaren, Hautschuppen, Blut und im Speichel gefunden worden. In Heilbronn, Ludwigsburg und im Saarland muss die UWP, die „unbekannte weibliche Person“, wie es im Polizeijargon heißt, irgendwelche Kontaktpersonen haben. In diese Gegend kehrt sie bis heute zurück, übernachtet in Gartenschuppen oder Weingärtnerhäuschen, klaut mal Gucci-Uhren oder Laptops zur schnellen Geldbeschaffung, mal Airbags, die sie organisiert vermarkten muss.

          Huber hält eine zweiseitige Liste in der Hand. Auf ihr sind alle 38 Fundorte verzeichnet, an denen die „UWP“ ihre Spuren hinterließ. Darunter ist auch das baden-württembergische Weinsberg; dort wurde im Oktober 2008 eine 45 Jahre alte Krankenpflegerin tot aufgefunden. Im Fiat Panda des Opfers fand die Spurensicherung auch DNA-Spuren der mutmaßlichen Polizistenmörderin. Zu den Morden und Mordversuchen, an denen sie beteiligt gewesen sein könnte, kommen noch unzählige Einbrüche in Firmengebäude und Wohnhäuser. Doch ein eindeutiges Tätermilieu und Täterprofil hat sich aus diesen Straftaten bis heute nicht ergeben. „Dreieinhalb Monate nach der Tat war sie in Kornwestheim, nahe Heilbronn. Das ist merkwürdig. Entweder hat sie keinen Zugang zu den Medien, oder ihr ist das alles egal“, sagt Huber.

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