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Polizistenmord : Nicht zu fassen

Komplex und schwierig

Als der Mord an der Polizistin am helllichten Tag geschah, war das Stellwerk des Heilbronner Bahnhofs besetzt. Wenn der Bahnbeamte zum richtigen Zeitpunkt auf den Parkplatz und nicht auf die Gleise geschaut hätte, gäbe es vielleicht einen Augenzeugen, der sagen könnte, woher die mutmaßlichen Täter kamen, die sogar die Dienstwaffen und die Handschellen der Polizistin mitnahmen. Am Computer konnte die Polizei die Schussrichtungen auf dem Parkplatz rekonstruieren, das ist dreidimensional in dieser Präzision erst seit einem Jahr möglich.

Geholfen hat aber auch das wenig. „Warum schweigen Kontaktpersonen und Tatverdächtige? Warum gibt es niemanden, der auspackt?“ fragt sich Huber. Tausende Hinweise von Bürgern hat die Polizei überprüft, es melden sich Mediziner und Medizintechniker, die „strukturierte Ausarbeitungen“ schicken. Auch der Prozess im rheinland-pfälzischen Frankenthal gegen einen ehemaligen V-Mann und seinen Komplizen, die zusammen drei Georgier ermordet haben sollen, brachte kaum neue Erkenntnisse. In einem alten Ford hatte die Polizei auch den genetischen Fingerabdruck des Phantoms gefunden. Für die Polizei ist schwer zu erklären, warum dieser Fall so komplex und schwierig ist. „Die Heilbronner verfolgen unsere Arbeit mit einer Mischung aus Angst und Verständnislosigkeit“, sagt Hubers Kollege Rainer Köller.

Zahl der Analysen steigt rasant

In der Asservatenkammer des Landeskriminalamtes in Stuttgart steht ein roter Wäschekorb mit der Aufschrift „Soko Parkplatz“. Er ist leer. Die fast täglich eintreffenden neuen Proben werden so schnell wie möglich bearbeitet. Zu 95.000 genetischen Fingerabdrücken hat die Polizei spezifische Personendaten, 10.800 genetische Spuren lassen sich keinen Personen zuordnen. Der sich aus acht Merkmalen zusammensetzende genetische Fingerabdruck der UWP ist einer von diesen 10.800, zu dem es kein Phantombild, kein Geburtsdatum und keinen Namen gibt. „Bitte nicht eintreten - Hautabrieb“, warnt ein Schild vor einem der Laborräume. Ein Analyseroboter pipettiert DNA-Fragmente.

Die gewonnenen DNA-Daten werden in einen Analysecomputer des Bundeskriminalamtes eingegeben, der zueinander passende Spuren ermittelt oder eine Personenspur einer bislang nicht identifizierten Spur zuordnet. 1989 ist mit dieser Analysetechnik erstmals ein Vergewaltiger überführt worden, seitdem setzen die Kriminologen auf diese Technik. Die Zahl der Analysen steigt rasant. Mittlerweile arbeiten in der DNA-Analytik des LKA mehr als fünfzig Mitarbeiter, vor allem Mikrobiologen und Molekularbiologen. Der genetische Fingerabdruck aus dem Heilbronner Fall stammt von einer Frau. Da sind sich die Molekularbiologen sicher. Es fehlen jegliche Hinweise auf ein männliches Y-Chromosom.

Belohnung müsste höher sein

In anderen Ländern ist es erlaubt, die Haarfarbe oder die Augenfarbe des mutmaßlichen Täters per DNA-Analyse zu bestimmen. Doch weder Huber noch Pflug glauben, dass das schlagartig Licht in den Heilbronner Fall bringen würde. „Die Haarfarbe hängt von vielen verschiedenen Genen ab, sie ergibt sich erst in der Kombination“, sagt Pflug. Zudem lassen Haare sich färben, die Augenfarbe kann man mit farbigen Kontaktlinsen verändern. Das Rätsel also bleibt.

In Hubers Besprechungszimmer im Heilbronner Polizeipräsidium hängt das Bild der getöteten Polizistin wie eine Mahnung an der Wand. „Merkwürdig ist auch, dass die Taten nicht unbedingt für die Beteiligung einer Frau sprechen. Die Wissenschaftler gehen jedoch zweifelsfrei von einer weiblichen Spur aus. Deshalb können wir nicht ausschließen, dass die Person vielleicht ein männliches Erscheinungsbild hat“, sagt Huber.

Er hofft, dass es für die Ermordung der Krankenschwester in Weinsberg oder den Einbruch in ein Vereinsheim in Saarhölzbach, an der das Phantom vermutlich ebenfalls beteiligt war, irgendwann doch noch Zeugen geben könnte. Die Belohnung ist gerade von 150.000 Euro auf 300.000 Euro erhöht worden. Wenn es nach Frank Huber ginge, müsste die Belohnung noch höher sein, damit endlich einer sein Schweigen bricht.

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