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Polizei kämpft gegen Gaffer : „Wir erleben solche Situationen tagtäglich“

Stefan Pfeiffer setzt beim Umgang mit Gaffern derzeit auf Emotionalität. Bild: dpa

Nach seiner robusten Ansprache von Gaffern erklärt Verkehrspolizist Stefan Pfeiffer, warum er die Schaulustigen zu den Toten führt. Als Mitglied der Deutschen Polizeigewerkschaft fordert er, ihnen das Handy abzunehmen.

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          Stefan Pfeiffer, Leiter der Verkehrspolizeiinspektion im mittelfränkischen Feucht, seit 35 Jahren Polizeibeamter, im zwölften Jahr bei der Autobahnpolizei, zählt auf, an was er sich nie gewöhnen wird: „Wenn man bei einem schweren Unfall Busse an der Unfallstelle vorbeilenkt und alle Insassen, inklusive Fahrer, halten ihre Handys hoch um zu filmen.“ Oder wenn Angehörige in sozialen Medien auf von Gaffern geposteten Bildern das zerquetschte Auto erkennen, das dem Sohn oder der Mutter gehört – noch bevor die Polizei die Chance hatte, die Verwandten zu benachrichtigen.

          Karin Truscheit

          Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Der Polizist Stefan Pfeiffer wurde vergangene Woche ungewollt im Netz als Held gefeiert, weil er dabei gefilmt wurde, wie er nach einem Unfall Gaffer dazu aufforderte, aus dem Auto auszusteigen und mitzukommen, wenn sie unbedingt eine Leiche sehen wollten. An diesem Mittwoch nun tritt er in seiner Eigenschaft als bayerisches Mitglied der Verkehrskommission der Deutschen Polizeigewerkschaft vor die Kameras. Doch auf der Pressekonferenz zu den verkehrspolitischen Forderungen der Gewerkschaft steht vor allem seine beherzte Ansprache der Schaulustigen im Vordergrund. Pfeiffer, unangenehm berührt angesichts des Rummels um seine Person, versucht, die Diskussion in sachliche Bahnen zu lenken, was ihm gut gelingt: Als ihm der Journalist eines Radiosenders plötzlich eine gläserne Trophäe als Auszeichnung der Hörer ans Podium bringt, windet er sich kurz und nimmt dann die Ehrung „stellvertretend für alle Helfer bei solchen Einsätzen“ entgegen.

          „Will ich das, wenn ich da liege?“

          Das macht Pfeiffer immer wieder deutlich: Es gehe nicht um ihn und es gehe nicht um diesen einen Einsatz vergangene Woche. „Wir, Polizisten, Feuerwehrleute, Rettungssanitäter, Helfer vom Roten Kreuz, erleben solche Situationen tagtäglich. Und es ist auch nicht das erste Mal, dass wir so reagieren.“ Die persönliche Ansprache von Schaulustigen zeigt nach seinen Schilderungen oft große Wirkung. So war Pfeiffer am Dienstag vergangener Woche auf der Autobahn 6 auf in Autos und Lastwagen sitzende Fahrer zugegangen, die den Unfall filmten oder fotografierten. Er fragte sie auf englisch oder deutsch, ob sie unbedingt eine Leiche sehen wollten. „Sie wollen Fotos machen? Schauen Sie ihn sich an! Kommen Sie!“ Manche Fahrer, große, stämmige Männer, schüttelten betreten den Kopf und schlichen wie begossene Pudel davon. „Shame on you!“, gab Pfeiffer, sichtlich bewegt, einem der Fahrer mit auf den Weg.

          Am Mittwoch begründet er sein Vorgehen. Man müsse die Leute „aus ihrer Schutzzone im Auto“ herausholen. Wenn sie dann draußen stünden und die Dramatik der Situation erfassten, würde ihnen vielleicht klar werden, was sie da mit ihren Kameras eigentlich machten. Natürlich sei seine Vorgehensweise „nichts fürs Lehrbuch“. Aber er würde es, wenn die Situation ähnlich wäre, wieder so machen. Denn zwar sei „Emotionalität“ inzwischen verpönt. „Doch manchmal muss man darauf zurückgreifen.“ Er habe es oft von Verletzten gehört, wie schlimm es für sie war, eingeklemmt in einem Auto zu sitzen, während sie von wildfremden Menschen gefilmt oder fotografiert wurden. „Das ist entwürdigend.“ Jeder sollte sich fragen: „Will ich das, wenn ich da liege, dass mich jemand filmt? Oder mein totes Kind?“

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