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Senioren um Erspartes gebracht : Polizei im Kampf gegen Trickbetrüger

Kaum mehr Anrufe: Dank der guten internationalen Zusammenarbeit der Ermittler ist der Enkeltrick „ausgemerzt.“ Bild: dpa

Der Enkeltrick ist in München inzwischen durch eine neue Masche der Trickbetrüger abgelöst worden. Die Münchner Staatsanwaltschaft ermittelt in internationaler Zusammenarbeit gegen falsche Polizisten.

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          Es vergeht kaum ein Tag, an dem in den Polizeiberichten deutscher Großstädte nicht von „falschen Polizeibeamten“, „falschen Staatsanwälten“ oder „falschen Handwerkern“ die Rede ist, die Senioren mit Lügengeschichten in Angst und Schrecken versetzen und um ihr gesamtes Erspartes bringen. Erst Anfang März setzten in München ein „Oberstaatsanwalt“ und ein „verdeckter Ermittler“ eine Vierundsiebzigjährige über mehrere Tage am Telefon so unter Druck, dass die Seniorin schließlich bei ihrer Bank einen Kredit in Höhe von mehreren zehntausend Euro aufnahm. Das Geld sollte sie auf ein Konto überweisen, damit ein Strafverfahren gegen ihren Ehemann eingestellt würde. Denn auf seinen Namen, so die Betrüger, seien in der Türkei mehrere Firmen angemeldet. Nachdem die Frau das Geld überwiesen hatte, ging sie doch noch zur richtigen Polizei: In letzter Sekunde konnte die Überweisung gestoppt werden.

          Karin Truscheit

          Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Solche Delikte, in denen vermeintliche Autoritäten mit den Ängsten betagter Menschen spielen, bezeichnet der Münchner Oberstaatsanwalt Kai Gräber am Donnerstag als „noch hässlicheres Geschwür“ als den Enkeltrick. Denn die neue Variante des gewerbsmäßigen Betrugs hat zumindest in München den Enkeltrick inzwischen abgelöst. 26 „falsche Polizeibeamte“ sitzen derzeit in München in Haft, gegen zwölf von ihnen wurde schon Anklage erhoben.

          Die Hintermänner dieser Betrugsmasche sitzen in Polen

          Der Enkeltrick hingegen ist laut Gräber „ausgemerzt“. Gab es im Jahr 2014 noch 537 Enkeltrick-Delikte, von denen 18 vollendet wurden, so waren es Ende August 2017 gerade einmal 20 Fälle – und keine einzige vollendete Tat. Zurückzuführen ist das auch auf die gute internationale Zusammenarbeit der Ermittler. Denn die Hintermänner dieser Betrugsmasche (die „Keiler“) sitzen in Polen. Nicht zuletzt durch komplizierte Rechtshilfeersuchen wurden die Ermittlungen daher oft erschwert. Dann wurde jedoch 2015 ein deutsch-polnisches „Joint Investigation Team“ („JIT Enkeltrick“) gegründet. Die Staatsanwaltschaften Hamburg, Bern und Zürich haben sich dem Team inzwischen angeschlossen, demnächst soll die Kooperation um ein weiteres Jahr verlängert werden. „Wenn wir polnische Telefonnummern von Tatverdächtigen ermittelt haben, können wir uns direkt an die Kollegen in Polen wenden“, sagt Gräber. Zu großer Unruhe in der Szene führen demnach schnelle Ermittlungserfolge und hohe Freiheitsstrafen – ein ausgelieferter Betrüger wurde zu einer sechsjährigen Haftstrafe verurteilt. Gräber berichtet, in abgehörten Telefonaten unter den Betrügern habe es geheißen: „Geht woanders hin, nicht nach München. Das Risiko der Festnahme ist hier zu groß.“

          Die Staatsanwaltschaft München setzt auch bei den zunehmenden Fällen von „falschen Polizisten“ auf eine konsequente Linie. Der Oberstaatsanwalt berichtet von Verurteilungen zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren und neun Monaten wegen zweier Versuche. „Das ist angemessen, auch wenn kein materieller Schaden angerichtet wurde.“ Die Botschaft müsse sein: „Es gibt keinen Freischuss, beim ersten Mal geht’s ins Gefängnis.“ Eine schwangere Ersttäterin, als „Abholerin“ eingesetzt, wurde zu zwei Jahren Freiheitsstrafe verurteilt.

          Zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren und drei Monaten wurde Anfang März auch die aus Weißrussland stammende Trickbetrügerin Sviatlana B. verurteilt. Die Neunundfünfzigjährige hatte im August 2014 in München zusammen mit einer unbekannten Mittäterin zunächst eine 75 Jahre alte und am nächsten Tag eine 76 Jahre alte Frau auf der Straße angesprochen. B. kam mit den beiden Frauen ins Gespräch und entlockte ihnen Informationen zu ihrem Gesundheitszustand, zu ihrer Familie und zu Schicksalsschlägen. Die Betrügerin ging dabei so geschickt vor, dass die Frauen glaubten, sie habe von ihren Sorgen und Nöten „gewusst“. B. brachte dann einen „Fluch“ ins Spiel, der über den Frauen liege.

          Geld und Schmuck ersetzte sie durch Lottoscheine und Steine

          „Großes Unheil“ drohe ihnen: Um den „dunklen Schatten“ loszuwerden, müssten sie sich einem „Heilungsritual“ mit einem „Entfluchungs-Set“ unterziehen. Die Frauen sollten dazu ihr gesamtes Vermögen zusammentragen, Geld und Schmuck, und in ein „besonderes Tuch“ legen – ein ganz normales Küchenhandtuch. Die Wertgegenstände und die Geldscheine, insgesamt 53.000 Euro, wurden dann in das Tuch eingewickelt. Mit dem Tuch strich B. den beiden Frauen über den Rücken. Während sie die Seniorinnen also „entfluchte“, nahm sie hinter deren Rücken das Geld und den Schmuck aus dem Tuch und ersetzte es durch Lottoscheine, Zeitungsseiten, Steine und Kronkorken. Nach dem „Ritual“ gab B. den Frauen das Handtuch zurück. Sie wies sie an, das Tuch zwei Wochen lang nicht zu öffnen und es in dieser Zeit unter ihr Kopfkissen zu legen.

          Nachdem sich B. verabschiedet hatte, wurden die Frauen doch misstrauisch. Sie wickelten das Tuch, sahen die Lottoscheine und gingen zur Polizei. Die Ermittler legten ihnen mehrere Bilder vor: Auf einem dieser Bilder war auch Sviatlana B. zu sehen. Wegen ähnlicher Delikte war sie bereits im Datensystem der Polizei erfasst. Mehr als zwei Jahre lang wurde nach der Betrügerin mit nationalem und Europäischem Haftbefehl gefahndet. Im Sommer 2017 wurde sie dann in Niedersachsen festgenommen.

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