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Toter Junge in Freiburg : Dem Mörder auf der Spur

Dem Täter auf der Spur: Eine Polizeibeamtin in Freiburg mit einem Bild des getöteten Jungen auf einem Fahndungsflugblatt Bild: dpa

Die Polizei fahndet weiter nach dem Mörder des acht Jahre alten Armani aus Freiburg. Im Netz sind falsche Spuren gelegt worden. Die Polizei kam dennoch ein Stück weiter.

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          Weiße und rote Grablichter säumen den schmalen Weg in der Nähe der Kleingartensiedlung. Das Wachs ist auf den Teerweg gelaufen. „Ich pass immer auf dich auf“, steht auf einem Teddy. Vor siebzehn Tagen fand ein Spaziergänger um 6.45 Uhr im Mühlbach im Freiburger Stadtteil Betzenhausen den Leichnam eines acht Jahre alten Jungen. Das Kind stammt aus einer bekannten Freiburger Sinti-Familie. Auf dem Holzsteg über den Mühlbach liegen auch Panini-Fußballbildchen. Armani war ein großer Fußballfan. Am Abend des 20. Juli wurde er zuletzt auf einem Spielplatz im Stadtteil Brühl-Beurbarung gesehen. Das ist etwa 3,5 Kilometer vom Mühlbach an der Kleingartensiedlung entfernt. Die Sonderkommission „Bach“ versucht seit Wochen den Fall aufzuklären, bislang erfolglos. Fünfzig Ermittler arbeiten in der Sonderkommission bis zur Erschöpfung. Etwa 16 Spurenteams mit zwei Beamten werten die 360 Hinweise aus, die bei der Freiburger Polizei bislang eingegangen sind.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Am Abend kommen alle Ermittler zu einer Besprechung zusammen, um die Ergebnisse ihrer Recherchen zu bilanzieren. „Bei einem solchen Fall geht es immer darum“, sagt Peter Egetemaier, der Leiter der Freiburger Kriminalpolizeidirektion, „nicht ein entscheidendes Detail zu übersehen. Damit es später nicht am grünen Tisch heißt: das hättet ihr doch wissen müssen.“ Die Freiburger nehmen an dem Fall großen Anteil. An einem Trauermarsch hatten spontan 2.000 Freiburger teilgenommen. Die Fahndungsplakate hängen in der Markthalle und in jeder Behörde. Ein Grund dafür ist, dass es in der Region seit März sechs Tötungsdelikte gegeben hat, darunter aufsehenerregende Fälle wie den Lynchmord von Neuenburg oder die Ermordung eines Freiburger Pfarrers. Einen Mord an einem Kind, das haben die Kripobeamten mittlerweile aus den Akten gelernt, hat es seit 1908 in Freiburg nicht gegeben. Ob es sich um einen Serientäter handelt, ob der Mörder aus dem familiären Umfeld stammt oder ob Armani vielleicht am Sonntagnachmittag eine verhängnisvolle Zufallsbekanntschaft gemacht hat, wissen die Ermittler noch nicht. „Wir können im Moment nur sagen, es wird in alle Richtungen ermittelt“, sagt Egetemaier.

          Eine Stigmatisierung der Sinti-Familien soll vermieden werden

          Für die Polizei gebe es keinen Unterschied, ob es sich um einen Industriellensohn oder ein Kind aus einer sozial benachteiligten oder einer Einwandererfamilie handele. Das sollte selbstverständlich sein, gleichwohl ist das familiäre Umfeld für die Ermittler nicht das einfachste. Seit mehr als 40 Jahren kümmern sich Sozialarbeiter der Stadt um die zahlreichen Sinti- und Roma-Familien. In einem damals vielbeachteten Projekt versuchte das Freiburger Sozialamt, Sinti- und Landfahrerfamilien in die Gesellschaft zu integrieren, indem man sie in einer Reihenhaussiedlung im Stadtteil Weingarten unterbrachte. Die Häuser gelten heute als sanierungsbedürftig, die Integration in die Freiburger Stadtgesellschaft ist in all den Jahrzehnten nur in Ansätzen gelungen. Heute leben etwa 1.100 Sinti, die größtenteils aus dem Elsass eingewandert sind, und etwa 1.000 aus dem Kosovo stammende Roma in Freiburg.

          Armanis Eltern leben nicht zusammen, der Vater hat schon mal eine Haftstrafe abgesessen, und seit der Beerdigung seines Sohnes auf dem Haslacher Friedhof ermittelt die Staatsanwaltschaft wieder gegen ihn – wegen räuberischer Erpressung und schwerer Körperverletzung. Nach dem offiziellen Ende der Beerdigung und dem Ablauf des vom Ordnungsamt verfügten Fotografierverbots auf dem Friedhof hatte Armanis Vater einen stadtbekannten Pressefotografen so geschlagen, dass der Mann ins Krankenhaus musste. Die Stadt und die Polizei bemühen sich nach Kräften um Deeskalation. Im Stadtteil Brühl-Beurbarung veranstaltete man ein nichtöffentliches Gespräch mit verängstigten Anwohnern, an die Familien sind von offizieller Seite zahlreiche Kondolenzbriefe geschrieben worden. Eine Stigmatisierung der Sinti-Familien soll vermieden werden.

          Der Tatort wurde noch nicht gefunden

          Erschwert werden die Ermittlungen durch zwei weitere Besonderheiten des Falls, eine grundsätzliche und eine kriminaltechnische. „Früher hatten wir subjektive Aussagen von Zeugen und die objektiven Ergebnisse der Tatortuntersuchungen, jetzt ist, wie man an diesem Fall besonders gut sieht, die Cyberwelt dazugekommen“, sagt Egetemaier. In sozialen Netzwerken hatten Unbekannte ein gefälschtes Phantombild verbreitet und zu Lynchjustiz aufgefordert: „Du Hurensohn, wir finden dich.“ Auch war das Gerücht von einem zweiten Opfer in die Welt gesetzt worden und eine sogenante Online-Petition für eine härtere Bestrafung von Kinderschändern initiiert worden. Für die Kriminalpolizei ist damit viel zusätzliche Arbeit verbunden, denn auch mutmaßliche Trugspuren müssen überprüft werden. „Ich kann nicht sagen, dass wir von den Hinweisen aus dem Internet stark profitieren. Ein Großteil der Hinweise kommt weiterhin auf dem herkömmlichen Weg zu uns“, sagt Egetemaier.

          Kriminaltechnisch schwierig war die Spurenuntersuchung am Leichnam des Jungen, das Wasser des Bächleins und der Starkregen zerstörten viele Spuren. Von Zeugen will die Polizei weiterhin wissen, wer den Jungen vielleicht schon am Nachmittag des 20. Juli auf einem Bolzplatz im Stadtteil Brühl beobachtet hat und ob jemandem der WM-Werbefußball des Telekommunikationsunternehmens O2 aufgefallen ist. Nicht klar ist auch, an welchem Ort der Junge getötet worden ist. In einer Hinsicht ist Egetemaier dank ausgefeilter Kriminaltechnik allerdings zuversichtlicher geworden: „Wir sind optimistisch, dass sich innerhalb der gesicherten Spuren Täter-DNA befindet.“ An diesem Mittwoch wird über den Fall in der ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY“ berichtet.

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