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Obdachloser in Koblenz getötet : Eine Stadt sucht einen Mörder

Die Polizei hat den Tatort auf dem Hauptfriedhof in Koblenz abgesperrt. Den Weg zum Pulverturm meiden die Besucher. Bild: Sebastian Eder

Gerd Michael Straten war in Koblenz bekannt. Er war obdachlos, hielt sich aber von der Szene fern. Er las gerne Zeitung, saß im Café und verdiente sein Geld mit Flaschensammeln. Besuch in einem Ort, der entsetzt ist angesichts eines grausamen Verbrechens.

          Es ist ein einsamer Ort, an dem die Leiche von Gerd Michael Straten gefunden wurde. Um zu dem „Pulverturm“ auf dem Hauptfriedhof in Koblenz zu kommen, an dem der Obdachlose laut Polizei zwischen Donnerstagabend und Freitagmorgen vergangener Woche ermordet wurde, muss man einem menschenleeren, mit Moos überzogenen Weg auf einen Hügel folgen. Hier gibt es keine Besucher und keine Familiengräber mehr, immer gleiche Grabsteine erinnern stattdessen an im Zweiten Weltkrieg gefallene Soldaten. Den Zugang zu dem kleinen Turm verhindert das Absperrband der Polizei, die auf Nachfrage nur erklärt, dass die Leiche am Freitag um 14.40 Uhr „im zugänglichen Bereich unterhalb des Turmes“ gefunden wurde – mit abgetrenntem Kopf.

          Sebastian Eder

          Redakteur im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.

          Auf einer Pressekonferenz bestätigten Polizei und Staatsanwaltschaft am Donnerstag, dass der 59-Jährige einem Verbrechen zum Opfer gefallen ist: „Der oder die Täter sind außergewöhnlich brutal und menschenverachtend vorgegangen“, sagte Rolf Wissen, Oberstaatsanwalt in Koblenz. Alle weiteren Details, auch ob noch weitere Körperteile abgetrennt wurden, behalten die Ermittler vorerst für sich. So soll kein Täterwissen preisgegeben werden, das Verdächtige bei einer Vernehmung verraten könnte.

          Dafür erklärten die Ermittler ungewöhnlich ausführlich, was sie durch die Vernehmung von mehr als hundert Zeugen seit vergangenem Freitag über das Leben des Opfers herausgefunden haben. Eine 35-köpfige Sonderkommission will weiterhin möglichst viel über Gerd Michael Straten in Erfahrung bringen, seinen Bekanntenkreis kennenlernen, möglichen Streitigkeiten nachspüren und so einem Motiv auf die Spur kommen. Damit sich mehr Menschen melden, die den Obdachlosen kannten, präsentierten die Ermittler eine Art Lebenslauf.

          Seit 1997 lebte er auf der Straße

          Gerd Michael Straten ist demnach in Köln aufgewachsen, seit 1979 lebte er in Koblenz. Von 1986 bis 1997 hatte er in der Altstadt ein Geschäft, er verkaufte Kunstgegenstände und rahmte Bilder ein. Seit der Geschäftsaufgabe 1997 lebte er fast durchgehend auf der Straße, meistens in Koblenz. Dabei achtete er darauf, nicht als Obdachloser angesehen zu werden. „Er war sehr gepflegt, legte Wert auf sein Äußeres, trank kaum Alkohol und nahm keine Drogen“, sagt Thomas Lauxen, Leiter der Sonderkommission „Hauptfriedhof“.

          Straten lebte nicht ausschließlich von staatlicher Unterstützung, sondern verkaufte auf der Straße Partyartikel, Knicklichter zum Beispiel. Außerdem fuhr er im Sommer auf Festivals, sammelte dort Pfandflaschen, die er teilweise in gemieteten Sprintern zu Abgabestellen fuhr. In Koblenz war er zwar tagsüber viel am Hauptbahnhof unterwegs, legte aber auch dort Wert darauf, nicht zur Obdachlosenszene gezählt zu werden. Regelmäßig kaufte er in Biomärkten ein, setzte sich in Straßencafés und las dort Zeitung. „Er war immer noch sehr kunstinteressiert und diskutierte darüber gerne mit Gleichgesinnten“, sagt Lauxen.

          Die Nächte verbrachte Straten meistens in einem spartanischen Lager auf dem Hauptfriedhof, der in Koblenz in einem ruhigen Waldstück in der Nähe der Innenstadt liegt. Fast jeder, den man in der Umgebung anspricht, hat Straten schon mal gesehen. Eine Frau, die in einer Friedhofsgärtnerei arbeitet, sagt am Donnerstag: „Er ist hier oft vorbeigelaufen, war immer ganz ruhig und unauffällig. Aber intelligent soll er gewesen sein.“

          Tatjana Poluschkin, die wenig später vor der Gärtnerei vorbeiläuft, kannte Straten sogar besser: Von 2015 bis Ende 2017 arbeitete sie in einer Einrichtung der Caritas in der Innenstadt, die Wohnungslosen hilft. „Er hat da immer seine Post hinbekommen“, sagt die 28-Jährige. „Er war aber sehr zurückgezogen, hat kaum mit jemandem geredet. Er wollte auch nie, dass wir ihm bei irgendwas helfen. Er hat sein eigenes Ding gemacht.“ Ihr Freund wohnt seit zehn Jahren direkt neben dem Friedhof, auch er kannte Straten: „Er hat sich immer vorne an den Toiletten gewaschen und ist nachts dann wohl auf den Friedhof. Irgendein Tor ist hier immer offen.“

          „Vom Pulverturm halte ich mich fern“

          Auf dem Friedhof selbst ist die Verunsicherung am Donnerstag groß. Viele Menschen wollen das gute Wetter nutzen, um vor Ostern noch mal nach den Gräbern ihrer Angehörigen zu schauen. Eine 83-Jährige sagt: „Eigentlich komme ich immer alleine, aber ich war von diesem schrecklichen Fall so verunsichert, dass ich meine Schwiegertochter mitgenommen habe.“

          Auch eine andere Besucherin ist schockiert. „Ich habe mich hier eigentlich immer sicher gefühlt, Tote machen ja nichts und für die Seele ist ein Friedhof der beste Ort. Aber jetzt will ich nur ganz schnell das Grab saubermachen und dann wieder raus.“ Ein Mann, der wenig später durch den Eingang von der Straße kommt, sagt: „Ich gehe jetzt nur noch hier lang, vom Pulverturm halte ich mich fern.“ Straten kannte auch er vom Friedhof: „Er hat immer nett gegrüßt."

          Zum letzten Mal lebend gesehen wurde Straten am Donnerstag um 18.30 Uhr am Koblenzer Saarplatz. Am Osterwochenende wird sein Gesicht noch mal überall in der Stadt präsent sein: Mit Flugblättern wollen die Ermittler nach weiteren Zeugen suchen, außerdem wurde eine Belohnung von 10.000 Euro für Hinweise ausgelobt, die zum Täter führen. Die aufwendigen und zum Teil ungewöhnlichen Maßnahmen zeigen, dass stimmt, was die Ermittler am Donnerstag immer wieder sagten: Eine heiße Spur gibt es bisher nicht.

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