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Geisel genommen : Polizei erschießt Straftäter nach Flucht aus Psychiatrie

  • -Aktualisiert am

Der Spielplatz, auf dem die Straftäter entdeckt wurden, war gut besucht. Bild: dpa

Zwei Männern gelingt nach einer Geiselnahme die Flucht aus der geschlossenen Abteilung einer Psychiatrie. Als die Polizei sie stellt, bedrohen sie eine Frau mit dem Messer. Die Beamten schießen auf einen der Straftäter.

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          Es war das blutige Ende der Flucht zweier psychisch kranker Straftäter aus einer geschlossenen psychiatrischen Klinik. Am Dienstagabend hatten Polizisten die beiden 37 und 43 Jahre alten drogenabhängigen Männer auf einem belebten Spielplatz im Aachener Ostviertel entdeckt. Als die beiden Straftäter, die wegen Raubdelikten seit Ende 2019 im Maßregelvollzug untergebracht waren, die Beamten bemerkten, näherten sie sich von hinten einer Mutter auf einer Bank und hielten ihr ein Messer an die Kehle.

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Laut Aachener Staatsanwaltschaft forderten die Polizisten die Männer auf, die Frau freizugeben. Als sie auch der dritten Aufforderung nicht Folge leisteten, gaben zwei Beamte jeweils einen Schuss auf den jüngeren der beiden Forensik-Patienten ab, der trotz notärztlicher Versorgung noch am Tatort starb. Da die beiden Beamten nach Einschätzung der Staatsanwaltschaft „in einer klaren Nothilfelage“ gehandelt haben, wurde das routinemäßig gegen sie eingeleitete Ermittlungsverfahren wieder eingestellt. Der 43 Jahre alte Patient konnte festgenommen werden.

          Mit einer Geiselnahme hatte auch die Flucht der beiden Männer nicht einmal 24 Stunden zuvor begonnen. Am späten Montagabend brachten Stefan K. und Peter B. einen Pfleger in der forensischen Klinik Bedburg-Hau im Kreis Kleve in ihrer Gewalt. In der Küche hielten sie dem Pfleger ein Messer an den Hals, einen zweiten Pfleger sperrten sie in einen besonders gesicherten Raum. Ihre Geisel zwangen sie sodann, das meterhohe Außentor unter einem Vorwand öffnen zu lassen. Der Pfleger habe an der Pforte gesagt, er müsse mal nach draußen, um den Müll zu entsorgen, hieß es von der Kreispolizei Kleve.

          Draußen kaperten die beiden Kriminellen dann das Privatfahrzeug des Pflegers und fuhren davon. Mehr als 100 Polizeibeamte nahmen die Verfolgung auf. Am Dienstagnachmittag entdeckte die Polizei das Fluchtauto schließlich im rund 150 Kilometer entfernten Aachen. Einstweilen ungeklärt ist, wie die beiden Patienten in der Klinik an das Messer kamen und weshalb der Pförtner keinen Verdacht schöpfte.

          Auffallend viele Vorkommnisse in der betroffenen Klinik

          In Nordrhein-Westfalen gibt es aktuell rund 2240 Plätze in 14 Maßregelvollzugskliniken, in die auf gerichtlichen Beschluss psychisch Kranke, die vermindert schuldfähig oder schuldunfähig sind, sowie suchtkranke Straftäter eingewiesen werden. Ausbrüche wie nun in Bedburg-Hau sind dagegen ausgesprochen selten. Aus den nach der Jahrtausendwende neu gebauten nordrhein-westfälischen Kliniken konnte bisher kein Patient flüchten. Aus Altbaukliniken wie jener in Bedburg-Hau gab es in den vergangenen fünf Jahren mit dem aktuellen Fall insgesamt sechs Ausbrüche. Und in der vom kommunalen Landschaftsverband Rheinland (LVR) betriebenen Klinik in Bedburg-Hau gab es auffallend viele Vorkommnisse.

          Im Mai 2017 schnitten zwei Patienten einem Mitarbeiter einen Teil seines Ohrläppchens ab, anschließend gelang einem der Männer die Flucht über die mit Stacheldraht gesicherte Mauer, er konnte zwei Tage später in Bonn festgenommen werden. Ende 2018 wollten Patienten ihre Freilassung erzwingen, die Polizei beendete die Tumulte. Im November 2018 beklagte der Personalrat in Bedburg-Hau, der Altbau sei „herabgewirtschaftet“, die Situation im Drogen-Bereich der Klinik schwierig, es herrsche ein enormer Aufnahmedruck. Tatsächlich liegt die Auslastungsquote der nordrhein-westfälischen forensischen Kliniken im Schnitt bei 104 Prozent.

          Zudem steigt die Zahl der psychisch kranken und oft auch drogenabhängigen Straftäter überall in Deutschland schon seit Jahren. Verschärft wird die Situation noch dadurch, dass das Land mit dem Bau neuer Kliniken nicht vorankommt. Dabei hatte die damalige Gesundheitsministerin schon 2012 fünf neue Standorte benannt. Doch bisher konnte – meist wegen des Widerstands von Anwohnern – keine der dringend benötigten neuen Kliniken mit je 150 Plätzen gebaut werden.

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