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Politiker fordern Todesstrafe : Der Mord an einem Mädchen bewegt Russland

Freiwillige der Organisation „Lisa Alter“ bei einer Suchaktion 2017 Bild: Picture-Alliance

Ein neun Jahre altes Mädchen namens Lisa ist in Russland ermordet worden. Nach der Festnahme eines Mannes versammelten sich Hunderte aufgebrachte Bürger und forderten die Polizisten auf, ihnen den „Dreckskerl“ herauszugeben.

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          Die russische Such- und Rettungsorganisation „Lisa Alert“ gibt es seit neun Jahren. Benannt ist sie nach dem englischen Wort für „Alarm“ und in Erinnerung an Lisa Fomkina. Hunderte Freiwillige hatten im September 2010 im Moskauer Umland tagelang nach dem fünf Jahre alten Mädchen und ihrer Tante gesucht. Sie fanden erst die Tante, dann das Mädchen tot, gestorben an Unterkühlung. So etwas will die Gruppe verhindern. Im vergangenen Jahr erhielt „Lisa Alert“ nach eigenen Angaben 13.996 Anzeigen, fand 11.027 Vermisste lebend, 1519 tot und 966 nicht.

          Friedrich Schmidt

          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Üblicherweise suchen einige Dutzend Freiwillige nach Vermissten. Doch am vergangenen Mittwoch und Donnerstag nahmen an einer Suche in der Stadt Saratow gut 800 Kilometer südöstlich von Moskau Tausende teil. Denn wieder ging es um ein Kind, wieder um ein Mädchen namens Lisa: Die neun Jahre alte Lisa Kisseljowa war am Mittwoch um 7.30 Uhr zu Fuß zur Schule aufgebrochen. Als ihre Mutter Jelena das Kind gegen 13 Uhr dort abholen wollte, sagten ihr die Lehrer, Lisa sei dort nicht gewesen.

          Die Mutter ging zur Polizei, „Lisa Alert“ schaltete sich in die Suche ein. Freiwillige klebten Flugblätter, durchkämmten die ganze Nacht die Stadt, suchten am nächsten Tag weiter. Am Donnerstagabend verbreitete sich die Nachricht, dass die Polizei einen Verdächtigen gefasst und Lisas Leichnam in einer Garage nahe ihrem Wohnhaus gefunden habe. Daraufhin versammelten sich Hunderte am Ort und forderten die Polizisten auf, ihnen den „Dreckskerl“ herauszugeben. Die Beamten öffneten die Türen ihres Wagens, um zu zeigen, dass der Mann nicht darin sei. Die Leute zogen zur Innenbehörde und forderten, die Türen zu öffnen, um den Tatverdächtigen selbst zu richten.

          Schon sechs Mal verurteilt

          Am Freitag wurden erste Informationen über den Mann bekannt: Die Ermittler führten den 35 Jahre alten Michail Tuwatin vor. Er gab an, Lisa erwürgt zu haben, weil er angenommen habe, ihrer Familie gehöre die Garage, die er vor einem Monat widerrechtlich in Besitz genommen habe. An dem Garagenkomplex musste Lisa jeden Morgen vorbeigehen, um über einen Trampelpfad zur nahen Schule zu gelangen.

          Tuwatin war schon sechs Mal verurteilt worden, unter anderem zu sechseinhalb Jahren Lagerhaft wegen Raubes und Vergewaltigung. Über die Vorstrafen waren die Polizisten auf ihn gekommen. Wegen Mordverdachts kam er in Untersuchungshaft. Kritiker fragen nun, warum die Polizei nicht bemerkt habe, dass sich der Gefährder online in vielen pornographischen Gruppen tummelte und dann die Garage in Schulnähe besetzte.

          Seit Freitagabend fordern Politiker, die 1996 im Hinblick auf den Beitritt zum Europarat ausgesetzte Todesstrafe in Russland wieder zu verhängen. Eine entsprechende Petition unterzeichneten Zehntausende. Andere argumentieren dagegen. Am Tatort legen Menschen Spielzeug und Blumen nieder. Hunderte kamen zu Lisas Beerdigung am Sonntag.

          Jelena Kisseljowa dankte den freiwilligen Suchern ihrer Tochter am Montag in einer Videobotschaft. „Saratow hat sich als voll von sehr guten, starken und verlässlichen Menschen erwiesen, auf die man bauen kann, auf die man sich in einem schweren Moment stützen kann“, sagte die Mutter und forderte, „den Schulweg unserer Kinder sicher zu machen“. Das geloben auch die Stadtbehörden. Das Staatsfernsehen zeigt, wie nun am Tatort Bäume über rostigen Garagentüren gestutzt werden.

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