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Mordprozess in Pretoria : Pistorius weint und bittet um Vergebung

Oscar Pistorius: „Ich habe einfach nur versucht, Reeva zu beschützen.“ Bild: AFP

Erstmals sagt der wegen Mordes angeklagte Sportler vor Gericht aus, es sind emotionale Momente. Die Anklage kann ihre Fragen vorerst aber nicht stellen, der Prozess wird vertagt - weil Pistorius erschöpft ist.

          Der wegen Mordes angeklagte südafrikanische Paralympics-Sportler Oscar Pistorius hat am Montag die Familie seiner Freundin Reeva Steenkamp unter Tränen um Verzeihung gebeten. Es war seine erste Vernehmung in einem von gigantischem Medienrummel begleiteten Prozess im Hohen Gerichtshof von Pretoria. „Ich möchte mich entschuldigen und sagen, dass es keinen Augenblick seit dieser Tragödie gegeben hat, in dem ich nicht an Eure Familie gedacht habe“, sagte er mit tränenerstickter Stimme so leise, dass ihn die Richterin auffordern musste, lauter zu sprechen. „Ich habe einfach nur versucht, Reeva zu beschützen. Ich kann Euch versprechen, dass sie sich geliebt gefühlt hat, als sie in dieser Nacht zu Bett ging.“

          Claudia Bröll

          Freie Autorin für die Wirtschaft in Südafrika.

          Die Staatsanwaltschaft wirft Pistorius vor, seine Freundin vorsätzlich mit vier Schüssen durch eine geschlossene Toilettentür getötet zu haben. Die Verteidigung spricht von einer Verwechslung mit einem Einbrecher. Der unterschenkelamputierte Sportler, der wegen seiner Prothesen „Blade Runner“ genannt wird, hat auf „nicht schuldig“ plädiert.

          Vor dicht besetzten Zuschauerbänken berichtete Pistorius, seit der Tat von „schrecklichen Albträumen“ geplagt zu werden: „Ich habe Angst einzuschlafen“, sagte er. Er rieche Blut im Schlaf, wache bei den geringsten Geräuschen auf. Es sei „absolut schrecklich“. Einmal habe er sich nachts in einer Panikattacke in einem Schrank versteckt und habe seine Schwester Aimee angerufen, die dann bei ihm geblieben sei. Zur Beruhigung nehme er Anti-Depressiva und Schlafmittel. Waffen wolle er nicht wieder in die Hand nehmen.

          Geschichten aus der Kindheit

          Auf die Fragen seines Anwaltes erzählte Pistorius von seiner Kindheit, der Trennung seiner Eltern, als er sechs Jahre alt war, und dem Tod seiner Mutter neun Jahre später. Seine Eltern hätten ihn nie anders behandelt als seine Geschwister, obwohl er mit einem Gendefekt auf die Welt gekommen war und ihm deswegen im Alter von elf Monaten die Beine unterhalb des Knies amputiert werden mussten. Im Alter von 13 Monaten erhielt er seine ersten Prothesen. Ohne seine Prothesen fühle er sich unsicher. „Es ist mir peinlich, ich bedecke immer meine Beine, damit die Leute sie nicht sehen.“

          Seine Mutter habe oft Angst vor Einbrechern gehabt, erzählte er weiter. Sie habe immer eine Waffe unter dem Kissen versteckt. Manchmal habe sie die Kinder gebeten, nachts bei ihr zu bleiben. Sein Vater sei im Auto mehrere Male überfallen worden, er selbst sei einmal verfolgt und auf der Autobahn beschossen worden. „Ich glaube, dass jeder in Südafrika irgendwann einmal mit Kriminalität in Berührung kommt.“

          Auf die Frage nach Drogenkonsum antwortete Pistorius, weder harte Rauschmittel noch Dopingmittel genommen zu haben. Auch bei einem Unfall mit einem Motorboot vor einigen Jahren sei er nüchtern gewesen. Die späteren Anschuldigungen in den Medien, er sei betrunken gefahren, hätten ihm zu schaffen gemacht.

          Prozess wegen Erschöpfung vertagt

          Pistorius erschien am Montag mitgenommen, seine Stimme zitterte. Während des Auftritts eines Pathologen kamen ihm die Tränen, und er musste sich in einen Plastikeimer übergeben. Nach Aussage des Pathologen ist es möglich, dass Steenkamp bei schneller Abfolge der Schüsse nicht geschrien hat, weil sie vom Schock für Sekundenbruchteile gelähmt gewesen sei.

          Er vermute, dass sie zuerst in die Hüfte und danach in Arm, Hand und Kopf getroffen worden sei, könne sich aber nicht auf eine Reihenfolge festlegen. Die Frage, ob Steenkamp vor und während der Schüsse geschrien hat, ist von zentraler Bedeutung in dem Prozess. Mehrere Zeugen haben ausgesagt, Schreie gehört zu haben. Pistorius’ Verteidigung bestreitet dies.

          Zum erwarteten Kreuzverhör von Pistorius kam es am Montag nicht mehr, die Anklage darf ihre Fragen erst am kommenden Dienstag stellen.  Wegen Erschöpfung des Angeklagten wurde der Prozess auf Antrag der Verteidigung vertagt.

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