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Prozess gegen Oscar Pistorius : „Seit Kindertagen von Ängsten geplagt“

Ein Gutachter spricht von einer Angststörung: Oscar Pistorius am Montag beim Betreten des Gerichtsgebäudes in Pretoria Bild: dpa

Der Staatsanwalt will im Prozess gegen Oscar Pistorius eine psychiatrische Untersuchung des Paralympics-Stars beantragen. Eine Psychiaterin hatte dem Angeklagten eine psychische Störung attestiert, hält ihn aber für schuldfähig.

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          Der Staatsanwalt will im Prozess gegen Oscar Pistorius eine psychiatrische Untersuchung des wegen Mordes angeklagten Paralympics-Stars beantragen. Eine Psychiaterin hatte Pistorius zuvor eine Angststörung attestiert. Diese sei auf Erfahrungen in seiner Kindheit und auf ein gemindertes Selbstbewusstsein wegen seiner Behinderung zurückzuführen. Es handle sich jedoch nicht um eine Geisteskrankheit, die Pistorius von der Verantwortung für sein Verhalten entbinde. Die Verteidigung bezeichnete eine solche Untersuchung als unnötig. In bislang nicht gesehener Weise schaltete sich auch die Richterin mit mehreren Nachfragen an den Staatsanwalt in die Debatte ein.

          Claudia Bröll

          Freie Autorin für die Wirtschaft in Südafrika.

          Als Pistorius elf Monate alt war, mussten seine Unterschenkel wegen eines genetischen Defekts amputiert werden. Der Prozess gegen den südafrikanischen Sportler, der seit Anfang März weit über Südafrika hinaus ein Millionenpublikum in Bann hält, neigt sich dem Ende zu. In dieser Woche dürfte die Verteidigung ihre letzten Zeugen präsentieren. Pistorius hat zugegeben, seine Freundin Reeva Steenkamp in der Nacht zum Valentinstag des vergangenen Jahres mit vier Schüssen durch eine geschlossene Toilettentür getötet zu haben. Die Verteidigung argumentiert, Pistorius habe einen Einbrecher in der Toilette vermutet. Aus Sicht der Anklage indes wusste Pistorius, wer sich hinter der Toilettentür verbarg, als er abdrückte. Das Paar hätte zuvor einen Streit gehabt.

          Mutter schlief mit Waffe unter dem Kopfkissen

          Nach Ansicht der Psychiaterin Meryll Vorster litt Pistorius schon in seiner Kindheit unter Ängsten. Seine Eltern trennten sich, als er sechs Jahre alt war. Der Vater sei häufig abwesend gewesen, seine Mutter habe ein Alkoholproblem gehabt. Aus Furcht vor Einbrechern habe sie mit einer Waffe unter dem Kopfkissen geschlafen. Die Ängste hätten sich nach dem frühen Tod der Mutter verstärkt. Oscar Pistorius war zu dem Zeitpunkt 15 Jahre alt. Sein älterer Bruder Carl habe sich danach um die Geschwister gekümmert und den kleinen Bruder verteidigt, wenn dieser in der Schule gehänselt wurde.

          Pistorius habe ein schlechtes Bild von sich selbst, weil er, wenn es um seine Behinderung ging, nie seelische Unterstützung erfahren habe, sagte Vorster. „Er fühlt sich ausgeschlossen, teilt seine Gefühle nicht mit anderen, ist allgemein misstrauisch.“ Dass ihn die Mutter immer wie einen nichtbehinderten Jungen behandelt habe, habe seine Ängste und den Stress sogar noch verstärkt, sagte die Psychiaterin. Genau diese Haltung der Mutter hatte zuvor in der öffentlichen Wahrnehmung als vorbildlich und förderlich für die steile Karriere des Athleten gegolten.

          Die Psychiaterin berief sich auf Gespräche mit Verwandten und Freunden des Angeklagten und auf medizinische Berichte. In der Befragung durch Staatsanwalt Gerrie Nel sagte sie, die Angststörung habe in Kombination mit der Behinderung bei Pistorius womöglich zu extremen Handlungen in der Tatnacht geführt. Das Argument, ein ängstlicher Mensch laufe in einer solchen Situation wohl eher davon als zu schießen, wies Vorster zurück.

          Ist Pistorius ein Waffennarr?

          Am Morgen des Prozesstages war abermals der Ballistikfachmann Tom Wolmarans in den Zeugenstand getreten. Nach seinen Untersuchungen stand Steenkamp, als sie von dem ersten Schuss getroffen wurde. Anders als die Staatsanwaltschaft behauptet, habe sie keine defensive Haltung eingenommen. Nach Wolmarans Aussage traf die erste Kugel ihre Hüfte, die zweite den Arm, die dritte die Hand, und die letzte Kugel drang in den Kopf ein. Kommentatoren zeigten sich überrascht, als der Ballistikfachmann aussagte, bei den Schüssen sei nicht die von Pistorius angegebene Munition verwendet worden, sondern eine andere.

          Da niemand außer dem Angeklagten jemals mit Sicherheit wissen wird, was sich in der Nacht in seinem Haus in Pretoria zutrug, spielen Zeugen und Fachleute eine Schlüsselrolle in dem Verfahren. Für die Verteidigung geht es darum, die Argumente der Anklage in Zweifel zu ziehen. Staatsanwalt Nel hat Pistorius in dem Prozess als Waffennarren und Heißsporn dargestellt. Dem Südafrikaner, der wegen seiner sensationellen sportlichen Erfolge als Nationalheld gefeiert worden war, könnte zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt werden, wenn er für schuldig befunden wird. Er ist zudem wegen Verstößen gegen das Waffengesetz angeklagt – Besitz verbotener Munition und fahrlässiger Gebrauch einer Feuerwaffe in der Öffentlichkeit. Auch diese Vorwürfe hat Pistorius zurückgewiesen.

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