https://www.faz.net/-gum-9nobv

Pfleger Niels H. vor Gericht : Mordverdacht in 332 Fällen

2014 wurde Niels H. wegen in Mordes in fünf Fällen zu lebenslanger Haft verurteilt. Seitdem wurden zahlreiche weitere seiner Vergehen aufgedeckt. (Archiv) Bild: dpa

Bevor das Urteil gegen den wohl schlimmsten Serienmörder der deutschen Nachkriegsgeschichte gesprochen wird, darf die Verteidigung noch ihre Plädoyers halten. Und was wird Niels H. selbst zu seinen Taten sagen?

          Sebastian Bührmann wird am Donnerstag schon zum vierten Mal ein Urteil gegen den größten Serienmörder der deutschen Nachkriegsgeschichte verkünden. Der Krankenpfleger Niels H. stand bereits 2006 vor dem Oldenburger Richter. Bührmann verurteilte ihn damals wegen versuchten Totschlags und gefährlicher Körperverletzung zu fünf Jahren Haft und sprach ein Berufsverbot aus. In dem ersten Prozess gegen H. wies Bührmann auch darauf hin, dass dringend weitere Ermittlungen erforderlich seien. Doch das wahre Ausmaß der Mordserie kam, auch aufgrund eklatanter Versäumnisse der Staatsanwaltschaft, erst im Laufe der Jahre ans Licht: Niels H. hat in zwei Krankenhäusern in Oldenburg und Delmenhorst von 2000 bis 2005 reihenweise Patienten totgespritzt.

          Reinhard Bingener

          Politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.

          Nun, 13 Jahre nach seinem ersten Urteil, wird Richter Bührmann vermutlich zum letzten Mal mit seiner sonoren Stimme ein Urteil über Niels H. verlesen. Er ist nun wegen Mordes in hundert Fällen angeklagt. Die wirkliche Zahl seiner Opfer dürfte noch weit darüber liegen, womöglich doppelt so hoch oder noch höher. Aber da viele Leichname der Patienten verbrannt wurden, lassen sich keine Spuren der Herzmedikamente mehr nachweisen, mit denen der Krankenpfleger mordete. Die Sonderkommission der Polizei hat zwar 332 Strafverfahren wegen Mordverdachts eingeleitet. Aber Exhumierungen waren nur bei 134 Leichen möglich. In 97 der angeklagten 100 Fälle sehen die Staatsanwälte ihren Mordvorwurf durch den Verlauf des Prozesses erhärtet.

          Sie haben deshalb beantragt, den mittlerweile 42 Jahre alten H. zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe zu verurteilen und bei ihm eine besondere Schwere der Schuld festzustellen. 2015 war H. in einem zweiten Prozess von Bührmann wegen fünf seiner Taten schon einmal zu dieser Strafe verurteilt worden. Für eine Sicherungsverwahrung des Angeklagten, wie sie von mehreren Anwälten der Nebenklage gefordert wird, sieht die Staatsanwaltschaft nicht die erforderlichen Voraussetzungen vorliegen. Richter Bührmann hat durchblicken lassen, dass er diese Auffassung teilt.

          Gutachten verringert Chancen auf Haftentlassung

          Für die Haftdauer dürfte auch relevanter sein, was Richter Bührmann im Verlauf des Prozesses von namhaften Psychiatern berichtet wurde. Dies gilt insbesondere für das Gutachten über die Schuldfähigkeit des Angeklagten, das der Forensiker Henning Saß erstellt hat. Saß hatte zuvor auch schon die NSU-Terroristin Beate Zschäpe begutachtet. Der Professor stieg kurzfristig in den Oldenburger Serienmörder-Prozess ein, da der langjährige psychiatrische Gutachter des Angeklagten im Prozessverlauf erkrankte. Niels H. verweigerte zwar das Gespräch mit Saß, doch der Psychiater konnte die Polizeiprotokolle über ihn lesen und sein Verhalten im Gerichtssaal beobachten.

          Saß gelangte zu einer negativen Einordnung, die wesentlich weniger wohlwollend ist als die seines Vorgängers. Saß erkennt definitiv keine Einschränkung der Schuldfähigkeit bei H. und auch keine schwere psychiatrische Erkrankung. Andererseits sieht Saß „deutlich ausgeprägt“ psychopathische Züge bei Niels H. Der Angeklagte zeige wenig Reue und wenig Schuldgefühle, er habe einen Mangel an Empathie und Verantwortungsgefühl. „Die Therapieaussichten in so einem Fall sind äußerst gering.“ Der Gutachter geht davon aus, dass H. wieder Straftaten begehen könnte.

          Aus Sicht von Gaby Lübben war diese Aussage von Saß die „Sahne obendrauf“ im Verlauf des Prozesses. Die Rechtsanwältin vertritt den Großteil der Angehörigen der Opfer und hat mit ihrer jahrelangen Hartnäckigkeit dazu beigetragen, dass sich die Staatsanwaltschaft schließlich doch zu umfassenden Ermittlungen bequemte. Lübben möchte, dass H. nie wieder freigelassen wird. Auch wenn die Entscheidung darüber nicht von Richter Bührmann, sondern von einer Strafvollstreckungskammer getroffen werden wird, dürften sich die Aussichten auf eine Haftentlassung durch das Gutachten von Henning Saß erheblich verringert haben.

          Angehörige misstrauen gezeigter Reue

          In seinem Gutachten ging Saß auch auf die Motive ein, die H. zum Serienmörder werden ließen. Der Krankenpfleger selbst hat ausgesagt, er habe seinen Patienten die Herzmedikamente verabreicht, um sich bei der folgenden Reanimierung vor seinen Kollegen als Retter präsentieren zu können. Der Psychiater sah ein Bündel von sich überlappenden Motiven: Geltungsbedürfnis, Selbstüberhöhung, Selbststabilisierung, Stimmungshebung und Sensationslust. Zudem habe der Angeklagte mit seinen Taten das Machtgefälle zwischen den Ärzten und den Pflegern nivellieren wollen. Über den Alltag auf den Intensivstationen hatte sich H. während des Prozesses immer wieder negativ geäußert und damit vermutlich auch versucht, einen Teil seiner Schuld beim medizinischen System abzuladen.

          Bei den Aussagen von H. ist jedoch Skepsis angezeigt. Er hat vor Gericht nachweislich schon oft die Unwahrheit gesagt. Der Angeklagte hatte unter anderem behauptet, nur mit dem Herzmedikament Gilurytmal getötet zu haben und ausschließlich an seiner letzten Arbeitsstelle in Delmenhorst. Inzwischen weiß man, dass er sich mehrerer Medikamente bediente und schon in Oldenburg dutzendfach tötete. Um die Einlassungen des Angeklagten besser einordnen zu können, hat das Gericht von dem Rechtspsychologen Max Steller ein aussagepsychologisches Gutachten anfertigen lassen.

          Demnach spreche nichts gegen die Glaubwürdigkeit der Geständnisse, die H. während des Prozesses in 43 Fällen abgelegt hat. Allerdings habe H. sein Aussageverhalten immer wieder der jeweiligen Faktenlage angepasst. „Er hält falsche Aussagen häufig solange aufrecht, bis das Gegenteil eigentlich völlig feststeht.“ Steller erkennt bei H. nicht nur eine „hohe Lügenneigung und eine hohe Lügenbereitschaft“, sondern auch die Fähigkeit, qualitativ hochwertige Falschaussagen zu tätigen.

          Wenn am Mittwoch die Verteidigerinnen von H. ihre Plädoyers gehalten haben, wird der Angeklagte die Gelegenheit haben, noch einige letzte Worte an die Angehörigen der Opfer zu richten. Dass ihm seine Taten mittlerweile „unendlich leid“ tun, hat er schon am Anfang des Prozesses gesagt. Viele Angehörige trauen der gezeigten Reue jedoch nicht, nachdem der Serienmörder sie über Jahre durch seine Lügengeschichten im Unklaren darüber gelassen hatte, woran ihre Angehörigen wirklich gestorben sind. Richter Bührmann hat die quälende Ungewissheit der vielen Familien in den Prozessen immer wieder aufgegriffen. Ihr Leid wird Bührmann mitbedenken, wenn er sein abschließendes Urteil gegen Niels H. fällt.

          Weitere Themen

          Schuldig, aber kein Sündenbock

          Prozess gegen Kardinal Pell : Schuldig, aber kein Sündenbock

          Ein Gericht in Melbourne hat die Haftstrafe für den wegen Kindesmissbrauchs verurteilten ehemaligen Finanzchef des Vatikans George Pell bestätigt – ohne ihn dabei zum Symbol zu machen.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.