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Pfleger Niels H. vor Gericht : Mordverdacht in 332 Fällen

Aus Sicht von Gaby Lübben war diese Aussage von Saß die „Sahne obendrauf“ im Verlauf des Prozesses. Die Rechtsanwältin vertritt den Großteil der Angehörigen der Opfer und hat mit ihrer jahrelangen Hartnäckigkeit dazu beigetragen, dass sich die Staatsanwaltschaft schließlich doch zu umfassenden Ermittlungen bequemte. Lübben möchte, dass H. nie wieder freigelassen wird. Auch wenn die Entscheidung darüber nicht von Richter Bührmann, sondern von einer Strafvollstreckungskammer getroffen werden wird, dürften sich die Aussichten auf eine Haftentlassung durch das Gutachten von Henning Saß erheblich verringert haben.

Angehörige misstrauen gezeigter Reue

In seinem Gutachten ging Saß auch auf die Motive ein, die H. zum Serienmörder werden ließen. Der Krankenpfleger selbst hat ausgesagt, er habe seinen Patienten die Herzmedikamente verabreicht, um sich bei der folgenden Reanimierung vor seinen Kollegen als Retter präsentieren zu können. Der Psychiater sah ein Bündel von sich überlappenden Motiven: Geltungsbedürfnis, Selbstüberhöhung, Selbststabilisierung, Stimmungshebung und Sensationslust. Zudem habe der Angeklagte mit seinen Taten das Machtgefälle zwischen den Ärzten und den Pflegern nivellieren wollen. Über den Alltag auf den Intensivstationen hatte sich H. während des Prozesses immer wieder negativ geäußert und damit vermutlich auch versucht, einen Teil seiner Schuld beim medizinischen System abzuladen.

Bei den Aussagen von H. ist jedoch Skepsis angezeigt. Er hat vor Gericht nachweislich schon oft die Unwahrheit gesagt. Der Angeklagte hatte unter anderem behauptet, nur mit dem Herzmedikament Gilurytmal getötet zu haben und ausschließlich an seiner letzten Arbeitsstelle in Delmenhorst. Inzwischen weiß man, dass er sich mehrerer Medikamente bediente und schon in Oldenburg dutzendfach tötete. Um die Einlassungen des Angeklagten besser einordnen zu können, hat das Gericht von dem Rechtspsychologen Max Steller ein aussagepsychologisches Gutachten anfertigen lassen.

Demnach spreche nichts gegen die Glaubwürdigkeit der Geständnisse, die H. während des Prozesses in 43 Fällen abgelegt hat. Allerdings habe H. sein Aussageverhalten immer wieder der jeweiligen Faktenlage angepasst. „Er hält falsche Aussagen häufig solange aufrecht, bis das Gegenteil eigentlich völlig feststeht.“ Steller erkennt bei H. nicht nur eine „hohe Lügenneigung und eine hohe Lügenbereitschaft“, sondern auch die Fähigkeit, qualitativ hochwertige Falschaussagen zu tätigen.

Wenn am Mittwoch die Verteidigerinnen von H. ihre Plädoyers gehalten haben, wird der Angeklagte die Gelegenheit haben, noch einige letzte Worte an die Angehörigen der Opfer zu richten. Dass ihm seine Taten mittlerweile „unendlich leid“ tun, hat er schon am Anfang des Prozesses gesagt. Viele Angehörige trauen der gezeigten Reue jedoch nicht, nachdem der Serienmörder sie über Jahre durch seine Lügengeschichten im Unklaren darüber gelassen hatte, woran ihre Angehörigen wirklich gestorben sind. Richter Bührmann hat die quälende Ungewissheit der vielen Familien in den Prozessen immer wieder aufgegriffen. Ihr Leid wird Bührmann mitbedenken, wenn er sein abschließendes Urteil gegen Niels H. fällt.

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